22.08.2019 | 19:20 Uhr Teilhabe-Kluft in Sachsen: Großstädte im Mittelfeld, Landkreise abgehängt

Wie es um die gesellschaftliche Teilhabe der Menschen steht, zeigt sich daran, wie gut und schnell sie in Geschäfte, zu Ämtern und Ärzten gelangen. Es zählen auch die nutzbaren ÖPNV-Angebote, Anzahl der Schulabschlüsse, Arbeitsplätze und schnellen Internetverbindungen. Dabei zeigt sich: In fast allen Regionen Sachsens bestehen unterdurchschnittliche Teilhabechancen. Das ergab der "Teilhabeatlas Deutschland". MDR SACHSEN hat die Kernergebnisse der 85-seitigen Publikation zusammengefasst.

Zwei Frauen warten 2015 in Ebersbach an der Fils auf den Bürgerbus, der gerade die Haltestelle anfährt.
Gesellschaftliche Teilhabe fängt an der Bushaltestelle an. Kommen Bürger schnell zu Ärzten und zum Einkaufen? Müssen sie weit zur Arbeit pendeln? Haben sie überhaupt einen Job? All diese Fragen bestimmen die Antwort zum Zugehörigkeitsgefühl der Menschen in ihren Wohnorten. Bildrechte: dpa

Teilhabe hängt vom Wohnort ab

30 Jahre nach der Friedlichen Revolution sind die Lebensverhältnisse in den meisten ostdeutschen Regionen unterdurchschnittlich. Bis auf die Landkreise Meißen und Leipziger Land gehören alle anderen sächsischen Landkreise zu den abgehängtesten Regionen Deutschlands. Das hat eine Studie des Berlin-Instituts und der Wüstenrot Stiftung ergeben. "In fast allen ländlichen Kreisen, aber auch in den meisten ostdeutschen Städten müssen die Menschen mit geringeren Teilhabechancen leben", so das Fazit der Studie.

Blick auf Sachsens Regionen im Vergleich

Der Landeshauptstadt Dresden wurden als einziger sächsischen Stadt mittlere Teilhabechancen attestiert in der Gruppe "attraktiver Großstädte" mit guter Versorgung. Leipzig und Chemnitz wurden eine Kategorie darunter eingeordnet als "Großstädte mit Problemlagen", die einen harten Strukturwandel hinter sich haben. Von ihrer Lage im Speckgürtel von Leipzig und Dresden profitieren laut Studie lediglich die Landkreise Leipziger Land und Meißen. Sie kamen in die vorletzte Gruppe, weisen in vielen Bereichen Versorgungsprobleme auf und können ihren Bewohnern nicht die Lebensverhältnisse bieten wie die Großstädte in ihrer Nachbarschaft.

Damit ergeht es den Sachsen so wie auch vielen Menschen im Ruhrgebiet, im Südwesten von Rheinland-Pfalz, in Niedersachsen, Schleswig-Holstein und im Saarland. Die besten Teilhabechancen bieten sich laut Studie Menschen in Teilen Bayerns, Baden-Württembergs und Südhessens. Als einziger ostdeutscher Landkreis erreicht der berlinnahe Landkreis Dahme-Spreewald bayerische Chancenverhältnisse.

So unterscheiden sich die einzelnen Städte und Regionen Sachsens
Kriterien für die Eingruppierung Attraktive Großstädte wie Dresden (Gruppe 2) Großstädte mit Problemlagen wie Chemnitz, Leipzig (Gruppe 3) "Abgehängte" Regionen, fast alle Landkreise außer Meißen, Leipziger Land (Gruppe 6)
Abhängigkeit von Sozialleistungen (Hartz-IV etc.) hohe SGB II-Abhängigkeit sehr hohe SGB II-Abhängigkeit hohe SGB II-Abhängigkeit
Einkommen mittlere Einkommen geringe Einkommen geringe Einkommen
Steueraufkommen hoch mittel gering
Lebenserwartung mittel (um den Bundesdurchschnitt) gering (unter Bundesdurchschnitt) gering (bis zu 2 Jahre unter Bundesdurchschnitt)
Anzahl der Schulabbrecher mittlerer Anteil hoher Anteil sehr hoher Anteil
Zuzüge sehr viele Zuzüge viele Zuzüge stärkere Abwanderung
Breitbandversorgung sehr gut sehr gut gering
Nahversorgung (Ärzte, Lebensmittel, Behörden) sehr gut sehr gut sehr gering

Leipzig und Dresden - die Aufsteigerregionen

Ob im Osten, Norden oder Südwesten Deutschlands: teilhabeschwache Regionen haben ähnliche Strukturprobleme. Dazu gehören ein angespannter Arbeitsmarkt, vergleichsweise arme Kommunen mit hohen Schulabbrecherquoten, zudem schlechte Bildungsperspektiven vieler Menschen, niedrigere Einkommen und Lebensalter, viele Sozialhilfeempfänger und Breitband-Lücken. Deshalb ziehen die Menschen der Arbeit und Bildungsangeboten in Ballungszentren hinterher. Als Beispiel dafür benennen die Studienersteller Leipzig, das für junge Leute attraktiv ist - obwohl die Stadt ansonsten keine guten Teilhabechancen hat.

Messestadt profitiert vom Zuzug

"Die größte Stadt in den ostdeutschen Flächenländern erlebt eine rasante Entwicklung und hat sich zu einem Wachstumsmotor für die gesamte Region gemausert. Trotz der noch immer bestehenden Teilhabedefizite übt deutschlandweit kaum eine andere Stadt eine ähnliche Anziehungskraft auf junge Leute aus." Das sei gut für Leipzig. Doch der Landkreis Nordsachsen müsse aufpassen, dass sich die Probleme nicht weiter verschärften, warnt die Studie.

Dresden hat gute Perspektiven - und viele Unzufriedene

Das große Kulturangebot auf kleinem Raum ist einzigartig. Das geht schon im Kindesalter los. Wenn man in Dresden aufwächst, kriegt man automatisch eine Kulturklatsche. Man geht selbstverständlich regelmäßig in Theater, in die Oper, in Ausstellungen. Das ist anderswo nicht so.

Befragter aus Dresden

Dresden wurde in der Analyse als attraktive Großstadt im Mittelfeld mit guter Versorgung eingeordnet. Der Stadt wurden ein hohes Steueraufkommen, sehr viele Zuzüge, sehr gute Nahversorgung und sehr gutes Breitbandnetz attestiert. Damit befindet sich Sachsens Landeshauptstadt in Gesellschaft von 50 weiteren, vor allem westdeutschen Landkreisen und Städten wie Hannover, Aachen oder Braunschweig, aber auch Potsdam und Jena.

Demonstranten in Dresden
Dresden entwickelt sich, trotzdem sind viele Bewohner unzufrieden. Ihre Stadt empfinden sie als tief gespalten. Das zeigt sich laut Studie auch an den Pegidademonstranten. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

"Dresden gehört nach den Daten eindeutig zu den Aufsteigerregionen und hat gute Perspektiven", so das Fazit im Teilhabeatlas. Aber: Im Vergleich mit westdeutschen Großstädten habe auch Dresden noch Nachholebdarf.

Zudem würden sich viele Menschen "abgehängt" und "zutiefst unzufrieden" fühlen. Das sei nicht auf strukturelle Merkmale in der Stadt zurück zu führen, sondern "durch individuelle Lebensumstände der Menschen und einer tiefer sitzenden Unzufriedenheit" seit 1989 begründet.

Wirklichkeit und Wahrnehmung: Das Lebensgefühl in den Orten

Die Bürger sind sofort da, wenn es darum geht, gegen etwas zu sein. Aber Sie finden keinen, der das Eigeninteresse dem Gemeinwohl unterstellt. Das ist eine Katastrophe. Ich kann die permanenten Nörgler aus der hintersten Reihe nicht mehr ertragen.

Befragter aus Gütersloh
Müll liegt 2011 in einem Park
Müll in Parks und auf Gehwegen beeinflussen die Unzufriedenheit von Stadtbewohnern ebenso wie Staus und überteuerte Mieten. Bildrechte: dpa

Wie die Menschen ihre Teilhabechancen einschätzen, ist laut Untersuchung nur bedingt abhängig von tatsächlichen Rahmenbedingungen. "Es gibt sowohl die Zufriedenheit der Genügsamen, die wissen, dass sie nicht im Goldregen stehen, denen aber ganz andere Dinge wichtig sind, wie ein guter Gemeinsinn oder das Gefühl der Selbstwirksamkeit, wenn sie sich für ihr Umfeld engagieren. Und es gibt die Unzufriedenheit der Satten, die ihr Wohlergehen daran messen, ob sich ihr gutes Leben immer weiter verbessert, oder daran, dass der noch reichere Nachbarort keine Schlaglöcher in den Straßen hat."

Veränderungen in der Vergangenheit wie die Wiedervereinigung, Kreisgebietsreformen, aber auch direkte Veränderungen in der Nachbarschaft wie Schulschließungen, leere Schaufenster und dreckige Straßen und Stadtparks prägen die Einschätzungen der Bürger. "In der Regel ist den Befragten bewusst, dass es sich dabei um ein 'Jammern auf hohem Niveau' handelt, aber gejammert wird fast überall", beschreiben die Sozialwissenschafter ihre Befragungsergebnisse.

Und nun? Zehn Schlussfolgerungen für die Politik

Horst Seehofer gibt eine Pressekonferenz
Das Geld für Horst Seehofers neues Heimatministerium in Berlin wäre in den Regionen besser aufgehoben, schlussfolgern die Studienersteller des Teilhabeatlasses. Bildrechte: dpa

Die Politik wird den demografischen Wandel und den Bevölkerungsschwund in ländlichen Regionen kaum aufhalten oder gar umkehren können - auch nicht mit viel Geld, bilanzieren die Sozialforscher Reiner Klingholz und Stefan Krämer ganz am Ende des "Teilhabeatlas". "Vermutlich wären die Steuermittel, die in die Kommission für Gleichwertigkeit und das überdimensionierte Heimatministerium fließen (...), in den Händen den betroffenen Kommunen besser investiert." Denn es seien meist die Ideen "von unten, die zu einer Verbesserung des regionalen Wohlbefindens beitragen", und weniger die Konzepte "von oben", die etwas herbeiführen wollten.

Stattdessen raten sie Politikern zur nüchternen Einschätzung ihrer tatsächlichen Spielräume. Bundesregierung und Heimatministerium sollten akzeptieren, dass es vielfältige Lebensbedingungen in Deutschland gibt. Dazu raten die Teilhabe-Experten konkret:

  1. Definition einer bundwesweit einheitlichen garantierten Grundversorgung in den Bereichen medizinische Versorgung, Elektrizitätsversorgung, Datenleitungen.
  2. Bundes- und Landespolitik muss akzeptieren, dass Menschen in den Orten Experten ihrer Belange sind - Kommunen brauchen mehr Eigenständigkeit bei Entscheidungen, Fördermitteln, damit sie dort ansetzen können, wo bedarf aktuell ist.
  3. Abbau von Hürden für Kommunen bei der Fördergeldbeschaffung und mehr Freiräume, damit Kommunen und Bürger gemeinsam entscheiden, wo Fördergelder hingehen.
  4. Kommunen müssen auf Problemviertel reagieren und Konzepte entwickeln, um Spaltungen zwischen Arm und Reich zu verhindern. Dazu gehört vor allem bezahlbarer Wohnraum für finanziell schwächere Familien auch in besser gestellten Stadtteilen, grundsätzlich mehr sozialer Wohnungsbau in Städten
  5. Kommunen sollten Zusammenhalt stärken, dann bringen sich Bürger auch mehr ein, z.B. mit Bürgerversammlungen, regelmäßigen Bürgersprechstunden.
  6. Verwaltungen sollten Ehrenamt und Projekte langfristig auch finanziell fördern, bei denen Bürger Versorgungslücken schließen, z.B. bei Bürgerbussen, Dorfläden, Nachbarschaftshilfen.
  7. Schrumpfung in Kommunen heißt nicht immer weniger Lebensqualität. Kommunen brauchen neue Konzepte, mehr Kooperation bei der Raumplanung.
  8. Verkehrskollaps in Städten verhindern durch Ausbau neuer Mobilitätskonzepte.
  9. Gebietsreformen nur mit Bedacht angehen und nur durchführen, wenn sie echten Mehrwert für Bürger haben.
  10. Flächendeckender Breitbandausbau, der hilft Versorgungsdefizite auszugleichen, z.B. können Landbewohner Home-Office, Telemedizin nutzen, online shoppen, Betriebe auf dem Land wirtschaften.

Eine Haltestelle steht an einer Landstraße im Regen.
Frische Landluft, grüne Wiesen und Platz? Oder Kritik an fehlendem Nahverkehr, schlechten Straßen und weiten Wegen in die Stadt? Die Beurteilung der Teilhabe in Deutschland hängt von vielen Einflussfaktoren ab. Bildrechte: dpa

Die vollständige Studie mit allen Ergebnissen zum Nachlesen finden Sie hier.

Das Konzept des Teilhabeatlas

  • Das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung sowie die Wüstenrot Stiftung haben alle 401 kreisfreien Städte und Landkreise Deutschlands nach ökonomischen, strukturellen und demografischen Kriterien untersucht. Dabei bildeten sich sechs verschiedene Gruppen (Cluster) heraus: 1 steht für sehr gute Teilhabechancen, 2 für gute Chancen, 6 für "abgehängte Regionen".
  • Dresden kam in Cluster 2, Leipzig und Chemnitz in Cluster 3, Meißen und das Leipziger Land in Cluster 5, alle anderen sächsischen Landkreise in Cluster 6.
  • Zudem gingen die Forscher in 15 Regionen, befragten 300 Menschen einzeln und in Gruppengesprächen. Darunter waren Bewohner aus allen Clustern: aus den Boom-Städten wie Dresden ebenso wie aus dem strukturgebeutelten Südharz, Mecklenburg-Vorpommern und Nordbayern.

Quelle: MDR/kk

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 22.08.2019 | 16:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 22. August 2019, 19:20 Uhr

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