27.04.2020 | 19:38 Uhr Forstleute und Bauern in Sachsen sehnen sich nach Regen

Die derzeitige Trockenheit versetzt Landwirte, Förster, Geologen und Feuerwehr im Freistaat in konstante Alarmbereitschaft. Wissenschaftler befürchten bereits jetzt eine ähnliche Dürre wie im vergangenen Jahr. Wie steht es um Sachsens Wälder und Felder? Und was geben die Talsperren noch her? Die Auswirkungen im Überblick.

Ein Landwirt beim Eggen seines staubtrockenen Ackers. Durch die Trockenheit zieht er eine lange Staubwolke hinter sich her.
Bildrechte: imago images/MiS

Wie geht es der Landwirtschaft?

Die (Öko-)Landwirtschaft in Sachsen befürchtet bei einem dritten Dürrejahr in Folge erhebliche Verluste. Wenn auch der Sommer 2020 so heiß und trocken werde wie in den beiden Vorjahren, müsse er wohl bis zu 30 Prozent seiner Milchkühe verkaufen, sagt Nikola Burgeff, Geschäftsführer der Betriebsgemeinschaft des Biohofes Mahlitzsch im Landkreis Meißen. Da die Kühe nur vor Ort produziertes Futter bekämen, sei man auf bestimmte Mengen angewiesen und könne Ausfälle nicht ohne weiteres verkraften. Bei weniger Tieren fehle wiederum der Kuhmist zur Düngung von Kulturen auf dem Feld.

Jungpflanzen können nicht keimen

Auch die Lausitzer Landwirte fürchten um ihre Ernte. Nach zwei sehr trockenen Jahren sei es momentan noch extremer, sagt Marko Bittner vom Amt für Landwirtschaft in Kamenz. Die Böden seien völlig ausgetrocknet. Starker Wind und Nachtfrost bis minus fünf Grad in den vergangenen Wochen hätten den Bauern zusätzliche Sorgen bereitet. Unter diesen Bedingungnen würden Jungpflanzen nicht keimen, auch um die Rapsblüte stehe es schlecht. Weil kaum Gras wachse, könnte es demnächst außerdem an Heu mangeln. Erleichterung könnte nur Regen bringen.

Minister: "Wir müssen uns umstellen"

Finanzielle Hilfe für betroffene Landwirte könne das Ausmaß des Problems zwar kurzfristig lindern, sei aber langfristig keine Lösung, sagte Agrarminister Wolfram Günther am Montag bei einem Besuch des Biohofes Mahlitzsch. Günther warb für einen "Systemwechsel": "Wir müssen uns umstellen." Man werde Landwirtschaft nicht mehr so weiter betreiben können wie bisher. Das Wirtschaften dürfe nicht mehr vom Gedanken an das bisherige Betriebssystem geprägt sein, das auf maximalen Anbauerfolg und im gegenteiligen Fall auf Hilfen des Staates ausgerichtet war. Und: Man werde künftig mit deutlich weniger Wasser auskommen müssen.

Wie steht es um die Trinkwasserversorgung in Sachsen?

Andy Philipp vom Landesamt für Umwelt in Sachsen betrachtet besorgt die derzeitige Situation. "Die Lage ist sehr angespannt", sagte er am Montag im Gespräch mit MDR SACHSEN. "Das hat auch mit der Trockenheit in den vergangenen beiden Jahren zu tun." Derzeit sähe es nicht so aus, als sei in naher Zukunft mit Niederschlag zu rechnen. "Das würde bedeuten, dass die Systeme weiter unter Druck geraten. Wir hatten ja im vergangenen Jahr schon das Problem mit den Talsperren. Wenn da zu wenig Wasser drin ist, ist das Wasser generell zu warm und man hat Probleme mit der Wassergüte. Das würde sich dann noch weiter verschärfen."

Glück im Unglück: Viele Talsperren in Sachsen

Einen Engpass bei der Wasserversorgung sieht er aber vorerst nicht auf Sachsen zukommen. "Wir haben Glück in Sachsen, es gibt sehr viele Talsperren, im Vergleich zu anderen Bundesländern, und ein großer Teil der Bevölkerung wird aus solchen Talsperren versorgt. Über das Verbundsystem können wir dort Wasser hinbringen, wo es gebraucht wird."

Vom 898 Meter hohen Bärenstein im Kreis Annaberg hat man diesen weiten Blick über die Berge und Täler des Erzgebirges mit der Talsperre Cranzahl, die hier von 1949 bis 1951 errichtet wurde und rund 77000 Menschen in der Region mit Trinkwasser versorgt.
Eigentlich versorgt die Talsperre Cranzahl bei Annaberg 65.000 Menschen mit Wasser – doch der Wasserstand ist wegen der langen Dürren und schneearmen Winter extrem niedrig - sie ist aktuell nur zu 60 Prozent gefüllt. Vergangene Woche teilte die Landestalsperrenverwaltung mit, dass der Talsperre zusätzliches Wasser aus dem Tagebau und dem Bergwerk in Hammerunterwiesenthal zugeführt wird. Dafür wurde eine 300 Meter lange Schlauchleitung verlegt. Bildrechte: dpa

Es gibt Pläne für solche Zeiten. Man muss solche Situationen aber auch langfristig denken. Momentan sieht die Lage nicht gut aus. Man muss das wirklich sehr genau im Auge behalten.

Andy Philipp Landesamt für Umwelt in Sachsen

Die Lage in der Oberlausitz

Seit Wochen sinkt der Grundwasserspiegel um monatlich vier Zentimeter und mehr, sagt Sebastian Fritze, Chef der Landestalsperrenverwaltung in Bautzen. Die Grundwasserleiter seien nach drei trockenen Jahren leer. Es fließe kaum noch Wasser zu. Niedrigwasser melden die Pegelmesser im Landkreis Bautzen für die Wesenitz bei Bischofswerda, den weißen und den Schwarzen Schöps und die kleine Spree sowie für die Mandau. Zum Teil liegen sie weit unter dem Normalpegel.

In Dresden ist aufgrund des anhaltenden Niedrigwassers bereits der Güterverkehr auf der Elbe beeinträchtigt.

Wie ist der Zustand des Waldes?

"Die Dürre seit 2018 macht die Situation ungünstig für die Wälder", erklärte jüngst Andreas Marx, Leiter des Mitteldeutschen Klimabüros. "Das Problem ist, dass der Boden tiefgründig über lange Zeit ausgetrocknet ist", sagt er. "Viele Bäume sind noch unterversorgt mit Wasser." Auch die letzten Niederschläge hätten nicht ausgereicht. Wenn Waldbrände ausbrechen, sind diese laut Marx schwerer unter Kontrolle zu bekommen.

Drei Wochen Dauerregen wäre gut

Um die Situation zu entspannen, bräuchte es drei Wochen Dauerregen bei Temperaturen von deutlich unter 20 Grad. "In den roten Bereichen bräuchten wir ehrlicherweise aber eher sechs Wochen durchgängigen Regen", so Marx. "Wir brauchen das April-Schmuddelwetter, das eigentlich niemand will."

Andreas Roloff, Forstwissenschaftler an der TU Dresden, sagte am Montag im Gespräch mit MDR SACHSEN: "Es ist kleinräumig noch Wasser vorhanden, sei es aus dem Grundwasser oder von benachbarten Flüssen. Vor allem ältere Bäume, die mit ihren Wurzeln ein bis zwei Meter in die Tiefe gehen, können so Wetterperioden wie in den vergangenen zwei Jahren überstehen. Aber das ist nicht an allen Standorten so und hängt auch von den Baumarten ab."

Andreas Roloff
Bildrechte: A. Roloff

Im privaten Einzugsbereich geht es erstmal darum, die jungen Bäume durchzubringen. Bei den kleinen Bäumen kann man mit einer Zehn-Liter-Gießkanne noch richtig viel bewirken.

Andreas Roloff Forstwissenschaftler TU Dresden

Stürme, Trockenheit, Borkenkäfer - sie schaden dem Wald

Bei der Vorstellung des aktuellen Waldzustandsberichtes sagte Sachsens damaliger Umweltminister Thomas Schmidt im Dezember, Sachsens Wälder litten weiter unter Wetterextremen und Borkenkäferbefall. Die verheerenden Waldschäden haben sich demnach 2019 fortgesetzt. Die Situation sei sogar schlimmer geworden. Ohne erkennbare Schäden sei mittlerweile nur noch jeder vierte Baum. Die Gründe sind bekannt: Stürme, Trockenheit, Borkenkäfer. Schmidt sprach vom größten Befall seit dem Zweiten Weltkrieg. Die Menge an Schadholz belief sich zu diesem Zeitpunkt auf insgesamt rund 2,6 Millionen Kubikmeter. Besonders betroffen waren unter anderem die Sächsische Schweiz und der Tharandter Wald.

Görlitzer Kreisbrandmeister mit großen Bauchschmerzen

Seit Dezember hat sich die Lage kaum verändert, wie der Görlitzer Kreisbrandmeister Björn Mierisch MDR SACHSEN am Montag erzählt: "Was uns zu schaffen macht, sind die Spuren des Borkenkäfers und der Windbruch, der immer noch in den Wäldern liegt. Wenn es jetzt zu einem Brand kommt, habe ich mächtige Bauchschmerzen." Im Falle eines Brandes müssten die Feuerwehrleute die Trinkwasserleitungen außen vor lassen. Im Landkreis Görlitz stehen deshalb 52 Tanklöschfahrzeuge bereit. Hinzu kommen zwei Lastbehälter, in denen jeweils 5.000 Liter Wasser mit dem Hubschrauber transportiert werden können.

Quelle: MDR/lt/dk

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 27.04.2020 | 14:30 Uhr im Regionalreport aus dem Studio Bautzen

Mehr aus Sachsen