Straßenverkehr "Immer öfter passieren Unfälle aus Unachtsamkeit"

Ablenkung im Straßenverkehr ist brandgefährlich. Wer nur aufs Handy schaut, kann schnell mal ein Auto übersehen. Wie groß das Problem inzwischen ist, bewertet der Dresdner Unfallforscher Thomas Unger im Interview.

Dipl.-Ing. Thomas Unger - Bereichsleiter Datenanalyse und Simulation - Verkehrsunfallforschung TU Dresden
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Inwiefern spielen Ablenkung durch Handy oder unter Musik hören mit Kopfhörern eine Rolle bei Unfällen?

Grundsätzlich ist Ablenkung im Straßenverkehr sehr gefährlich. Bei Fußgängern sind die Folgen eben meist sehr gravierend. Es passiert immer öfter, dass Unfälle auf Grund von Unaufmerksamkeit passieren.

Oft lässt sich gar nicht genau herausbekommen, was die Unfallursache ist. Wieso?

Es wird schlicht und ergreifend nicht erfasst. Offiziell existiert Ablenkung als Unfallursache nicht. Dementsprechend kann man nur indirekt Schlüsse ziehen - aus bestimmten Kombinationen, also zum Beispiel, dass vom Fußgänger Fehler beim Überschreiten der Fahrbahn gemacht wurden, ohne auf den Verkehr zu achten. Das sagt aber noch nichts über die Rolle von Smartphones oder MP3-Playern aus.

Wäre es gut, solche Daten in der Unfallstatistik zu erheben?

Es ist immer gut, Wissen darüber zu haben, was einen Unfall ausgelöst hat. Und für uns als Forscher sowieso. Aber es könnte juristisch natürlich so sein, dass man das Handy nicht ohne Weiteres nehmen kann, um dort zu schauen, ob zum Zeitpunkt des Unfalls eine SMS geschrieben oder telefoniert wurde.

Gibt es eine Tendenz bei den Unfällen mit Fußgängern?

Ja, es gibt eine Tendenz. Von 2007 bis 2017 ist es zu einem leichten Anstieg von Fußgängerunfällen durch Unaufmerksamkeit - also Nichtbeachtens des Verkehrs - gekommen.

In Berlin werden Bodenampeln getestet. Ist das sinnvoll?

Ich kann nur sagen, dass man mit solchen Maßnahmen nur einen kleinen Bereich abdeckt. Viele Unaufmerksamkeitsquellen werden nicht angesprochen, beispielsweise, wenn das Gehör durch laute Musik übertönt ist. In solchen Fällen kann ich durch eine Ampel am Boden nicht wirklich die Aufmerksamkeit auf den umliegenden Verkehr lenken. Ich erreiche die, welche auf den Boden schauen, aber nicht die, die beispielsweise akustisch abgelenkt sind.

Quelle: MDR/sth/ik

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSENSPIEGEL | 19.02.2019 | 19:00 Uhr

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Zuletzt aktualisiert: 20. Februar 2019, 13:20 Uhr

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4 Kommentare

21.02.2019 11:07 Gaihadres 4

@Nr.1: Ich glaube es liegt auch zu einem Teil an dem fehlenden Pflichtbewusstsein. Ich erinnere da nur an den Fahrdienstleiter, der während seiner Arbeit durch ein Spiel abgelenkt war. Erst Gestern sprach ich mit einem Kollegen, als um eine sehr wichtige Terminfrist ging, und dieser gab freimütig zu, dass er an meiner Stelle einen Krankenschein eingereicht hätte. Ein Unding und es sagt viel über das Pflichtgefühl der Menschen aus. @Nr.2: Das sehen Sie etwas zu drastisch. Im Kern haben Sie Recht, aber Regelungen sind auch wichtig und geben Struktur - es ist eher auch der mangelnde Wille der Menschen sich auch daran zu halten. Historisch ist es aber immer ein Auf und Ab. Besonders restriktiv waren die Zeiten zwischen 1900 und 1960, gefolgt von einer Periode großer Freiheit. Im Moment schwingt das Pendel wieder in die Gegenrichtung, bis die nächste Generation nach mehr Freiheit verlangt. An sich ist das ein normaler Prozess.

21.02.2019 09:45 Maßstäbe verschoben 3

Und wo bleibt der Aufschrei wie bei den älteren Autofahrern?

Die Jungen dürfen sich mit jedem Mist vom Verkehrsgeschehen ablenken lassen - das wird als Naturgesetz akzeptiert.

Wenn aber ein älterer Autofahrer einen Fehler begeht, muss man sofort allen über 60 den Führerschein entziehen.

20.02.2019 16:06 Martha 2

Die Leute sind doch erwachsen , Jugendliche wollen überall mitreden ,dann sollten sie in der Lage sein, sich im öffentlichen Leben ordentlich zu bewegen und andere Verkehrsteilnehmer nicht in Schwierigkeiten zu bringen. Was sind wir für eine Gesellschaft geworden , wo alles vorgeschrieben , geregelt wird und einem Teil das Denken abgewöhnt wird.

20.02.2019 14:49 Morchelchen 1

Nicht nur im Straßenverkehr. Es stoßen vermehrt Schiffe zusammen. Obwohl die nun wirklich Platz hätten und auch nicht zu übersehen sind. Denkt man.
Irgendwie scheint die Welt eben aus den Fugen geraten...

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