17.06.2020 | 07:58 Uhr Wenn der Urlaubsanbieter auf Tauchgang geht: Verbrauchertipps für Sachsen

Früher hieß es: "Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erzählen." In Corona-Zeiten haben sich vor allem die viel zu erzählen, die ihre Reise wegen des Virus gar nicht erst antreten konnten. Die Betroffenen treiben Fragen um, wenn der Veranstalter auf Tauchstation geht, anstatt die Anzahlung zurück zu zahlen. Bei der Verbraucherzentrale Sachsen häufen sich die Nachfragen. MDR SACHSEN hat den Juristen Michael Hummel um Rat gebeten.

Wichtige Tipps für alle, die selbst eine Reise oder Übernachtungen buchen wollen

Verbraucherschützer in Sachsen haben eine große Unsicherheit bei Reisenden und künftigen Buchungen ausgemacht. Deshalb rät der Reiserechtsexperte der Verbraucherzentrale Sachsen, Michael Hummel: "Achten Sie unbedingt bei Buchungen auf die Möglichkeit der kurzfristigen Stornierung und Zahlung erst bei Anreise." Für Reiseunternehmen sei dadurch die Kalkulation zwar schwieriger, aber aus Verbrauchersicht verringere das das finanzielle Risiko, sollte eine zweite Corona-Welle anrollen.

Urlauber sitzen mit nackten Füßen in einem Strandkorb am Ostseestrand
Urlaub in Deutschland ist nicht nur schön, er bietet auch die höchste Rechtssicherheit im Falle einer Reiseabsage. Bildrechte: dpa

Juristisch betrachtet, seien Reisen im Inland in diesem Jahr am sichersten. "Deutschland hat die höchste Rechtssicherheit zu bieten, dann folgen die EU-Länder", sagt Michael Hummel. Touristen sollten vor Beginn jeder Reise die Reisewarnungen und -hinweise des Auswärtigen Amtes ernst nehmen.

Beispiel 1: Eine Reise oder Übernachtung entfällt aufgrund der Corona-Krise. Der Anbieter schickt einen Gutschein, dass man seinen ausgefallenen Aufenthalt nachholt.

"Wenn man einen Gutschein angeboten bekommt, dann ist das eine freiwillige Sache des Anbieters. Als Verbraucher kann ich mir überlegen, ob ich den annehmen will oder nicht", erklärt Justitiar Michael Hummel. Die Gesetzeslage sei klar: "Konnte man wegen der coronabedingten Grenzschließung oder gesetzlichen Beschränkungen seine Reise nicht antreten, bekommt man sein Geld zurück."

Das große Aber erlebten allerdings viele Reisende in den zurückliegenden Wochen. Bei der Verbraucherzentrale Sachsen hätten sich sehr viele Betroffene gemeldet, die von Hotelanbietern und Reiseveranstaltern unterschiedlichste Ausreden gehört hätten, warum Anzahlungen oder Reisepreise nicht rückerstattet werden könnten. "Da wurde sich auf Insolvenzgefahr berufen, selbst bei den Platzhirschen der Reisebranche. Andere behaupteten auf ihren Homepages rechtlich falsche Dinge oder begründeten ihre eigenen Rückzahlungsregeln überhaupt nicht." Michael Hummel berichtet von Fällen, bei denen Betroffenen statt Reiserückzahlungen Kuscheltiere oder Rabatte für die nächste Buchung angeboten wurden. "Bei teuren Reisen lohnt es sich immer, Klage einzureichen, wenn der Anbieter die Anzahlungen zurückbehalten will."

Beispiel 2: Ein Ehepaar hat eine Übernachtung in Sachsen gebucht. Das Hotel ruft an: "Wir schließen wegen Corona. Das Geld überweisen wir zurück." Zwei Monate lang passiert nichts.

Als erstes empfiehlt Reiserechtsexperte Michael Hummel, dass man seine Forderung schriftlich geltend macht und eine Zahlungsfrist setzt - am besten per Einschreiben oder Fax. "Das dokumentiert die Geldforderung." Dann würde Anwalt Hummel ein Jahr lang abwarten, wie sich die wirtschaftliche Situation des Hotels oder Veranstalters entwickelt. "Man sollte schauen, ob er wirklich geschlossen, insolvent oder nicht mehr am Markt ist", meint Michael Hummel. Dann müsse man entscheiden, ob man gerichtlich gegen den Anbieter vorgehen wolle oder nicht. Aber: "In dem Fall ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass man sein Geld nicht wiedersieht", erklärt der Verbraucherrechtsanwalt.

Beispiel 3: Familie hat eine Ferienwohnung in Dänemark vorab voll bezahlt, dann sind die Grenzen zu. Der Reiseveranstalter hat bisher nichts zurückgezahlt.

Flaggen der nordischen Länder, Norwegen, Dänemark, Schweden, Finnland
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Das ist ein schwieriger Fall, urteilt Experte Michael Hummel. Bei Ferienwohnungen bzw. -häusern müsse man immer schauen, welches Recht gelte, das deutsche oder in dem Fall das dänische Recht? "Wenn man seine Reise wegen der Grenzschließung des Landes nicht antreten konnte, bekommt man sämtliche Anzahlungen wieder." Das gilt laut Hummel für alle EU-Länder. Wer seine Reise selbst storniert, müsse zwar die Stornierungskosten tragen, den Restbetrag aber auch zurückbekommen.

Antwortet der Reiseanbieter nicht auf Nachfragen, empfiehlt Hummel einen gerichtlichen Mahnbescheid gegen das Unternehmen übers Internet zu beantragen. Das koste Verbraucher etwa 100 bis 200 Euro. "Hilft das nicht, muss ich klagen", sagt der Verbraucherschützer. Viele scheuten sich aber davor zu klagen, weil ihre Reise oder Übernachtung im unteren dreistelligen Bereich Geld gekostet habe. "Das ist eben das Problem. Man muss immer das Prozesskostenrisiko abwägen im Vergleich zum Nutzen."

Quelle: MDR/kk

Dieses Thema im Programm im MDR MDR UM VIER | 16.06.2020 | 17:23 Uhr

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