Blumen und Kerzen
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Interview mit Unfallforscher "Wichtigste Schutzmaßnahme ist und bleibt der Helm"

Immer mehr Fußgänger und Radfahrer kommen bei Verkehrsunfällen ums Leben. In Sachsen waren es im vergangenen Jahr insgesamt 70 Menschen - so viele wie in keinem Jahr zuvor. Aber woran liegt das? Wir haben mit Henrik Liers, Geschäftsführer der Verkehrsunfallforschung an der TU Dresden, darüber gesprochen.

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Henrik Liers, Geschäftsführer der Verkehrsunfallforschung an der TU Dresden
Unfallforscher Henrik Liers: Fußgänger und Radfahrer sind verletzlicher als andere Verkehrsteilnehmer. Bildrechte: Henrik Liers

Die Zahl der Verkehrstoten in Sachsen ist im vergangenen Jahr gestiegen. Insgesamt starben knapp 200 Menschen, 50 mehr als im Vorjahr. Auffällig dabei: Mehr Fußgänger und Radfahrer verloren ihr Leben auf den Straßen. Woran liegt das?
Für detaillierte und valide Analysen ist es noch zu früh – dazu müsste die vollständige Statistik untersucht werden, die in der Regel Anfang Juli vorliegt. Aber es ist zumindest nicht verwunderlich, dass es Zunahmen bei diesen beiden Gruppen gab. Zum einen profitieren die schwachen beziehungsweise verletzlichen Verkehrsteilnehmer wie Fußgänger, Radfahrer und Motorradfahrer weniger vom technischen Fortschritt als die Insassen von Pkw, Lkw und Bussen.

Ein anderer Grund für die Zunahme im Jahr 2018 dürfte auch im Wetter liegen. Die Monate zwischen April und September waren sehr warm und trocken: Das führt dazu, dass auch mehr Rad- und Kradfahrer unterwegs sind beziehungsweise auch mehr Wege zu Fuß zurückgelegt werden. Dementsprechend gibt es dann mehr Unfälle, in denen diese Personengruppen verletzt oder gar getötet werden. Bei Fahrrädern ist zudem zu vermuten, dass sich die starke Verbreitung von Pedelecs weiter fortgesetzt hat und erneut mehr Pedelec-Fahrer verunfallt beziehungsweise tödlich verletzt wurden. Bei Fußgängern gab es in letzter Zeit auch einige Fälle, bei denen nachweislich Ablenkung, beispielsweise durch die Nutzung von Smartphones, eine Rolle spielte. Inwiefern das für die erhöhten Unfallopferzahlen maßgeblich war, lässt sich aus den amtlichen Statistiken jedoch nicht herausfinden.

Es wäre wirklich wünschenswert, wenn sich Stress und Zeitdruck im Verkehr nicht in Aggression und egoistischem Verhalten niederschlagen würden.

Henrik Liers, Geschäftsführer der Verkehrsunfallforschung an der TU Dresden
Radfahrerin telefoniert mit dem Handy im Straßenverkehr
Wer ohne Helm Rad fährt, begibt sich in Gefahr. Wer dabei auch noch telefoniert, ist doppelt leichtsinnig. Bildrechte: imago/Rolf Kremming

Bundesweit sind 400 Radfahrer gestorben. Ist Radfahren gefährlicher geworden?
Bei Radfahrern kommen viele Aspekte zusammen. Zunächst besitzen sie keine Knautschzonen und kaum Sicherheitssysteme. Die wichtigste Schutzmaßnahme im Falle eines Unfalls ist und bleibt der Helm. Den tragen aber leider immer noch viel zu wenig Menschen – deutschlandweit nur etwa jeder fünfte Radfahrer. Besonders eklatant ist die Helmtragequote bei Älteren: Senioren tragen leider kaum Helme und das, obwohl sie eine höhere Vulnerabilität aufweisen. Es kann auch nicht schaden, die eigene Sichtbarkeit zu erhöhen - sei es bei Dunkelheit die geeignete Beleuchtung oder die kontrastreiche, optimalerweise reflektierende Bekleidung. Auf der anderen Seite steht Radfahrern oft auch zu wenig  Platz zur Verfügung – sei es durch ausreichend dimensionierte Radverkehrsanlagen oder auch beim Überholen durch Pkw und Lkw.

Generell sollten die Fahrer motorisierter Fahrzeuge mehr Rücksicht auf Radfahrer nehmen. Auch wenn diese sich nicht immer regelkonform verhalten und das den ein oder anderen Pkw-Fahrer verärgern mag, so bleiben Radfahrer und Fußgänger doch immer unterlegen und verletzlich. Es wäre wirklich wünschenswert, wenn sich Stress und Zeitdruck im Verkehr nicht in Aggression und egoistischem Verhalten niederschlagen würden. Dann würden eventuell auch mehr Leute den Perspektivwechsel wagen und öfter mal aufs Rad umsteigen, was neben dem gesundheitsfördernden Aspekt auch Vorteile hinsichtlich Emissionen und dem Platzbedarf im Verkehrsraum mit sich bringt.

Können Abbiegeassistenten bei Lkw helfen?
Abbiegeassistenten können zukünftig sicher auch den ein oder anderen tragischen Unfall vermeiden. Ihr maximales Potenzial liegt in Deutschland bei etwa 30-50 Getöteten pro Jahr, wenn irgendwann alle Lkw damit ausgestattet wären. Allein dieser Prozess wird allerdings mehrere Jahre dauern. Der größte Teil der verunfallten Radfahrer kollidiert allerdings mit Pkw.

Interessant ist zudem, dass etwa jeder vierte tödlich verunfallte Radfahrer in Deutschland bei einem Alleinunfall verunglückt – das sind etwa 100 der 400 getöteten Radfahrer in Deutschland!

Der Kopf ist bei verunfallten Radfahrern die mit Abstand am häufigsten schwer verletzte Körperregion.

Henrik Liers, Geschäftsführer der Verkehrsunfallforschung an der TU Dresden

Sie monieren, dass viel zu wenige Radfahrer Helme tragen. Kann das Verletzungsrisiko mit Helmen wirklich vermindert werden?
Absolut! Der Kopf ist bei verunfallten Radfahrern die mit Abstand am häufigsten schwer verletzte Körperregion. Hier reduziert ein Fahrradhelm das Verletzungsrisiko signifikant. Wir haben in den letzten 20 Jahren mehr als 11.500 verletzte Radfahrer analysiert. Das Schutzpotenzial des Helmes ist dabei statistisch signifikant bewiesen – es senkt die Wahrscheinlichkeit schwerer und tödlicher Kopfverletzungen um etwa 70 Prozent. Es gibt keine guten Argumente gegen die Helmnutzung. Und denen, die die Auffassung vertreten, dass man als versierter Radfahrer keinen Helm bräuchte, sei gesagt: Bei den meisten Unfällen sind andere Verkehrsteilnehmer die Hauptunfallverursacher und nicht selten wird man unschuldig in den Unfall verwickelt.

Rentnerinnen auf einer Fahrradtour
Egal wie alt man ist: Der Helm gehört zum Radfahren dazu, denn bei Unfällen ist der Kopf die mit Abstand am häufigsten schwer verletzte Region. Bildrechte: imago/photothek

Quelle: MDR/cnj

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 04.03.2019 | 11:00 Uhr in den Nachrichten

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Zuletzt aktualisiert: 05. März 2019, 07:55 Uhr

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4 Kommentare

05.03.2019 08:55 Verkehrsteilnehmer 4

Trägt Herr Liers als Fußgänger auch einen Helm? Mit seiner gebetsmühlenartig wiederholten Argumentation zur Helmpflicht für Radler dürfte er sich eigentlich nicht ohne aus dem Haus begeben.

04.03.2019 21:57 na so was 3

1@ Morchelchen: "Sicher haben die Fahrradfahrer zugenommen." Das ist vollkommen richtig. Hat das aber z.B. der Experte, der Herr Liers, auch schon bemerkt, und hat er z.B. auch schon bemerkt, dass die Fahrradwege nicht mehr werden, dass die vorhandenen immer schlechter in ihrer Qualität werden (Fahrbahnoberfläche, Schlaglöcher z.B.). Hat er das an den entscheidenden Stellen schon einmal zur Sprache gebracht. Oder vielleicht doch lieber nicht, bei so einem "Job" kann man seine Vorgesetzten nicht in Bedrängnis bringen. Was sagen Sie, Herr Liers z.B. dazu, dass die Stadt Dresden im Jahr 2019 insgesamt DREI Kilometer neue Fahrradwege bauen will und an dieser "großen Herausforderung" am Ende doch scheitern wird ? Oder sagen Sie überhaupt nichts dazu. Tauschen Sie sich z.B. mit den SIEBEN Radwegverantwortlichen der Stadt Dresden über Radwegthemen aus. Wenn ja, warum kommen dann diese lächerlichen DREI Kilometer Fahrradwege als Plan für 2019 heraus ?

04.03.2019 16:13 Micha 2

@Morchelchen: *räusper* Lese ich da eine gewisse Überheblichkeit aus Ihren Zeilen? Was hat das Alter mit Expertise zu tun? Und was soll die beleidigende Bemerkung mit dem "Schon-Job"?! Können Sie wirklich beurteilen was Herr Liers macht? Ich glaube, kaum! Und z.B. darauf hinzuweisen, dass gerade Ältere oft meinen, auf dem Fahrrad keinen Helm tragen zu müssen, halte ich für mehr als angebracht!

04.03.2019 14:05 Morchelchen 1

Sicher haben die Fahrradfahrer generell zugenommen. Das dürfte der erste Aspekt sein für die Zunahme der Unfälle. Der zweite, dass im Gebirge halt mehr schwierige Passagen zu bewältigen sind, als im Flachland. Und man ist eben als Fußgänger und Biker ungeschützter, als im Auto. Aber das sind nun wirklich keine neuen Erkenntnisse, oder? Dafür bedarf es keine studierten Experten, da ist der gesunde Menschenverstand ausreichend. Zudem finde ich, dieser Herr ist ziemlich jung, um für mich das Maß aller Dinge darzustellen.
Eins ist sicher - er hat einen sehr gut bezahlten (Schon-)Job gefunden...

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