16.07.2020 | 12:08 Uhr Experten erwarten keine Bankrottwellen bei Sachsens Sparkassen und Volksbanken

Ökonomen des IWH rechnen wegen der Corona-Krise mit vielen Firmen in Geldnöten. Das bringe auch kreditgebende Banken ins Wanken. Eine Studie warnt vor Bankenpleiten, sieht aber nicht Großbanken im Fokus, sondern vielmehr Sparkassen, Volks- und Raiffeisenbanken. Die widersprechen der Analyse, verweisen auf Zahlen aus Sachsen und bekommen Zuspruch von Wirtschaftswissenschaftlern. Also, kommt jetzt eine Bankenkrise? Und was hieße das für normale Bankkunden?

Brennende Geldscheine
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Das Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) hat in einer Studie vor einer Bankenkrise gewarnt. "Die Corona-Rezession könnte das Aus für dutzende Banken bundesweit bedeuten - selbst wenn Deutschland die Wirtschaftskrise glimpflich übersteht. Gefährdet sind vor allem viele Sparkassen und Genossenschaftsbanken", fasst das IWH seine Studie zusammen. Dem haben Wirtschaftswissenaschaftler aus Leipzig, Verbände der Sparkassen, Volks- und Raiffeisenbanken auf Nachfrage von MDR SACHSEN widersprochen.

Was hat die IWH-Studie denn ergeben? - Die coronabedingte Wirtschaftskrise könnte den deutschen Bankensektor massiv beeinträchtigen. Denn: Bundesweit werden voraussichtlich tausende Firmen ihre Kredite nicht mehr zurückzahlen. Die Kreditausfälle könnten die Banken so schwer belasten, dass sie selbst in Existenznot geraten.
Dazu hatte das IWH verschiedene Szenarien durchgerechnet, jeweils mit optimistischer und pessimistischer Wirtschaftsentwicklung.

- Wann die vorausgesagte Bankenkrise beginnt, hängt laut IWH von mehreren Faktoren ab. Zum Beispiel, wie weit Unternehmen den Zeitpunkt ihrer Zahlungsunfähigkeit hinauszögern, während Banken Problemkredite verschleiern.

- Vor allem Sparkassen und Genossenschaftsbanken sollten mit Kreditausfällen rechnen, heißt es in der Studie. Begründung: Sie verleihen ihr Geld meist an Firmen, die in Corona-Zeiten doppelt gefährdet sind. Zum einen, weil sie klein und damit krisenanfälliger seien als Großunternehmen. Zum anderen weil diese Firmen auch solchen Branchen angehörten, die vom Corona-Lockdown schwer getroffen wurden, darunter der Einzelhandel und das Gastgewerbe.

Quelle: Studie: The Corona Recession and Bank Stress in Germany, https://www.iwh-halle.de

Wirtschaftswissenschaftler erwartet keine Bankrottwellen

"Es ist wahrscheinlich, dass eine Krise nicht spurlos an Banken vorübergehen wird", sagt der Wirtschaftswissenschaftler der Universität Leipzig, Gunther Schnabl. Momentan wisse aber niemand, welche Firmen genau in Zahlungsschwierigkeiten kämen.

Ich stimme dem IWH nicht zu, dass das grundsätzlich kleine und mittlere Firmen betreffen soll.

Gunther Schnabl Wirtschaftswissenschaftler der Universität Leipzig

Die in der Corona-Krise verteilten Finanzhilfen für Konzerne wie Lufthansa oder Adidas zeigten deutlich, dass gerade große Unternehmen Probleme hätten.

Von einer Bankenpleitewelle will der Ökonom nicht sprechen und verweist auf die Rolle der Europäischen Zentralbank (EZB) sowie die Hilfen der EU-Staaten. "Die EZB spielt mit ihrer Niedrigzinspolitik eine starke Rolle, die Staaten haben Programme aufgelegt. Es wird zu keinen großen Bankrottwellen bei Unternehmen kommen und damit auch nicht bei den Banken", meint Gunther Schnabl im Gespräch mit MDR SACHSEN.

Gunther Schnabl
Gunther Schnabl, Wirtschaftswissenschaftler der Universität Leipzig Bildrechte: Gunther Schnabl

Es wird eine schleichende Krise geben. Die Kosten werden Stück für Stück über Negativzinsen und geringere Reallöhne zurückgeholt. Unser Wohlstand wird weniger.

Prof. Dr. Gunther Schnabl Leiter des Instituts für Wirtschaftspolitik Universität Leipzig

Der Wohlstand Deutschlands basiere auf kleinen und mittleren Unternehmen, auch in Mitteldeutschland. Die besorgten sich üblicherweise ihre Kredite bei Sparkasse, Volks- und Raiffeisenbanken. Diese Hausbanken wachen nach Schnabls Erfahrungen "mit strengem Auge über die Kreditvergabe" und erkennen Fehlentwicklungen in den Firmen. "Deshalb sollte die Stabilität der kleinen und mittleren Banken als deren Hausbanken ein besonderes wirtschaftspolitisches Ziel sein", sagt Wissenschaftler Schnabl. In der Corona-Krise hätten Sparkassen und Genossenschaftsbanken ihre Kunden verlässlich unterstützt. Und: "Gerade diese Banken haben in den vergangenen Jahren ihr Eigenkapital erhöht." Insofern sieht Schnabl die Sparkassen, Volks- und Raiffeisenbanken nicht in eine Krise stürzen. Problematischer sei die Lage bei Großbanken wie der Commerzbank und der Deutschen Bank.

Sparkassenverband weist Pleite-Vorhersagen zurück

Das sieht der Ostdeutsche Sparkassenverband ähnlich. Das vom IWH vorausgesagte Bankensterben wertete der geschäftsführender Präsident Michael Ermrich als "unverantwortliche Panikmache". Jede Wirtschaftskrise führe zu Kreditausfällen. Die Sparkassen rechneten laut Verband aber nicht mit Schieflagen und verweisen auf Zahlen aus Sachsen:

  • Seit Beginn der Corona-Pandemie hätten bei sächsischen Sparkassen 11.300 Firmen und Privatleute um Zahlungsaufschub ihrer Kredite gebeten.
  • Mit Zinsen und Tilgungszahlen sind das rund 52 Millionen Euro, die die Sparkassen aktuell ihren Kunden stunden.
  • Im Verhältnis dazu steht ein Gesamtkreditvolumen von 24,6 Milliarden Euro bei Sachsens Sparkassen.
  • Somit seien derzeit 0,2 Prozent des gesamten Kreditbestands ausgefallen.

Aus Sicht der Kunden ist die ganze Diskussion irrelevant mit Blick auf die Einlagensicherheit.

Wolfram Morales Sprecher Ostdeutscher Sparkassenverband

"Im Prinzip ist die Zahl der Kreditausfälle verschwindend gering", sagt der Sprecher des Ostdeutschen Sparkassenverbandes Wolfram Morales. Er kritisiert die Grundannahme der IWH-Ökonomen, wonach vor allem kleine Firmen sowie die mit Sparkassenkrediten pleite gehen würden. "Das ist weit entfernt von der Realität bei uns." Der Sprecher erwartet ab Herbst 2020 möglicherweise noch weitere Kreditausfälle, aber nicht in dem Maße, dass es ostdeutsche Sparkassen in solche Schwierigkeiten bringt, wie es das IWH sieht".

Kunden bei Volks- und Raiffeisenbanken bedienen wieder mehr Kredite

Die in der IWH-Studie skizzierten Schieflagen und Effekte sieht der Bundesverband der Deutschen Volksbanken-Raiffeisenbanken (BVR) nicht. "Aktuell sind keine Kreditausfälle im nennenswerten Umfang festzustellen", sagt Verbandssprecher Steffen Steudel. Derzeit bestünden bundesweit auf 98.700 Konten Stundungen. Das sind 15,7 Milliarden Euro, die 2,7 Prozent des gesamten Kreditvolumens der Volks- und Raiffeisenbanken entsprächen. Für Sachsen lagen laut BVR keine detaillierten Zahlen vor. "Die Zahl der Kunden, die eine Kreditstundung in Anspruch genommen haben, ist in der Spitze bereits um 30 Prozent gesunken. Wir gehen davon aus, dass mehr und mehr Kunden die Bedienung ihrer Kredite wieder aufnehmen werden", so Steudel.

Kunden, die ihre Kredite aufgrund der Coronapandemie nicht bedienen können, sollten das Gespräch mit Ihrer Bank suchen, um gemeinsam eine Lösung zu finden.

Steffen Steudel Sprecher Bundesverband der Deutschen Volksbanken-Raiffeisenbanken

Quelle: MDR/kk

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR UM VIER | 14.07.2020 | 18:08 Uhr

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