05.09.2019 | 15:35 Uhr Wie gefährlich ist Amalgam im Zahn wirklich?

Immer wieder wird das Für und Wider der Amalgamfüllung im Zahn diskutiert. Zu DDR-Zeiten gab es kaum Alternativen. Und heute sollen die Füllungen raus. Oder doch nicht? Wie ist der aktuelle Stand? Und wie geht es den Zähnen allgemein in Deutschland? Unser Gesprächsgast war Dr. Thomas Breyer. Er ist Zahnarzt und Präsident der Landeszahnärztekammer Sachsen.

Wie geht es den Zähnen in Deutschland? Gut oder eher schlecht?

Die Zahngesundheit hat sich in Deutschland stark verbessert. Wir legen heute viel weniger Füllungen als vor 30 Jahren.

Der Markt bietet mehr technische Hilfsmittel, z.B. elektronische Zahnbürsten. Haben die einen Einfluss auf die bessere Zahngesundheit?

Ich sehe dort nicht den Hauptgrund. Ich denke, dass das Bewusstsein für Zahngesundheit in den letzten Jahren sehr zugenommen hat. Es wird mehr und intensiver geputzt und öfter zum Zahnarzt gegangen. Das ist eine Entwicklung, die wir beobachten und die sehr schön ist.

Warum verlieren wir unsere Zähne? Was sind die häufigsten Gründe?

Der Zahn hat zwei grundsätzliche Feinde: Karies und Parodontitis. Letzteres ist die Entzündung des Zahnfleisches und des Zahnhalteapparates und das führt letztendlich zum Knochenrückgang. Die Zähne werden locker und müssen extrahiert werden. Bei Karies bekommt man Löcher in den Zähnen.

Wann muss ein Zahn endgültig raus?

Schreckensbild für einige Patienten: Der Zahnarzt beginnt mit der Arbeit
Das oberste Gebot eines Zahnarztes: den natürlichen Zahn erhalten Bildrechte: IMAGO

Der Grundsatz ist, dass wir Zähne so lange wie möglich erhalten. Heute sind wir viel weiter als in den 1980er-Jahren. Es werden Zähne wurzelbehandelt, die wir früher nicht behandeln konnten. Ein wurzelbehandelter Zahn kann noch lange seinen Dienst verrichten. Extrahiert werden müssen Zähne, die stark gelockert sind oder die durch Karies und Unfälle so stark zerstört worden sind, dass sie auch mit einer Krone nicht wieder hergestellt werden können.

Warum gehen Zähne kaputt?

Zähne können zum Beispiel durch Stress zerstört werden. Viele Leute knirschen ihren Stress weg. Das sieht man an den Zähnen. Die Oberfläche ist abgearbeitet und es kann Beschwerden im Kiefergelenk geben.

Was kann man dagegen tun?

Wenn die Zähne zu stark abgenutzt sind, müssen sie überkront werden. Man sollte an die Ursache herangehen und das Knirschen bekämpfen. Es gibt Knirscher-Schienen, die man über Nacht trägt. Die verhindern nicht das Grundproblem, aber sie verhindern, dass es knirscht. Die Gründe des Knirschens zu ergründen ist ein weites Feld.

Es gibt immer wieder Wellen, wo erklärte Amalgam-Gegner sagen: 'Sie sind vergiftet.' Das schwankt immer mal.

Dr. Thomas Breyer | Zahnarzt

Wie sieht es mit alten Amalgam-Füllungen aus? Sollten die entfernt werden?

Zahnarzt untersucht bei einem Patienten eine Zahnfüllung aus Amalgam
Sitzt meist viele Jahre bombenfest: eine Zahnfüllung "Plombe" aus Amalgam Bildrechte: IMAGO

Das ist ein komplexes Thema. Es gibt immer wieder Wellen, wo erklärte Amalgam-Gegner sagen: 'Sie sind vergiftet.' Das schwankt immer mal. International gibt es das Minamata-Abkommen. Dort ist generell eine Einschränkung von Quecksilber vorgesehen. Patienten tendieren mehr zu zahnfarbenen Füllungen, wie z.B. dem Komposit. Auch das ist eine chemische Mischung aus ganz vielen Substanzen. Deshalb ist immer mein Rat: Sorge dafür, dass du gar nicht erst Löcher bekommst.

Was ist Amalgam genau? Amalgam ist eine sehr haltbare Zahnfüllung aus Quecksilber, Silber, Kupfer und Zinn. In der Zahnmedizin ist es der älteste bekannte Werkstoff. Wegen des Quecksilbers ist Amalgam umstritten. Nachgewiesen werden konnte eine Gefahr auf die Gesundheit bisher aber nicht. Wegen der silbernen Farbe wird es nicht im Frontbereich genutzt, sondern bei Kariesdefekten in den Backenzähnen.

Wird Amalgam als Füllung heute noch verwendet?

Nach wie vor ist Amalgam die Füllung im Seitenzahnbereich, die von der Kasse gezahlt wird. Ausschlusskriterium sind Kinder bis zum 15. Lebensjahr und Schwangere. Für die soll Amalgam nicht mehr eingesetzt werden und in den Fällen zahlt auch die Krankenkasse komplett die Kunststoffe. Natürlich kann der Patient jederzeit sagen, dass er kein Amalgam möchte.

Es soll Zahnarztpraxen geben, die damit werben, kein Amalgam zu benutzen. Ist das erlaubt?

Das ist eigentlich nicht erlaubt. Eine Kassenzahnarztpraxis muss auch eine Kassenfüllung anbieten. Es gibt Alternativen zum Amalgam, die kostenfrei sind, die aber definitiv nicht so lange halten.

Zahnersatz ist teuer. Was machen Patienten, die nicht so viel Geld dafür haben? Haben die schlechtere Zähne?

Modell eines Zahnimplantats
Ein Zahnimplantat ersetzt den kranken Zahn. Den Unterschied zum natürlichen Zahn sieht man nicht oder kaum. Bildrechte: imago/Jochen Tack

Zahnersatz kostet, ja. Deutschland hat aber im internationalen Vergleich die höchste Krankenkassenversorgung, die man sich vorstellen kann. In Frankreich, den Niederlanden, in Österreich, in der Schweiz, in den USA, muss der Patient viel mehr bezahlen, als bei uns in Deutschland. Das sollte man sich immer wieder in Gedanken rufen. Auch die Menschen, die sehr wenig Geld haben, bekommen bei uns einen vollwertigen Zahnersatz und diesen auch komplett von der gesetzlichen Krankenkasse bezahlt. Gegenüber der Krankenkasse muss die Bedürftigkeit nachgewiesen werden.

Wie kann man noch Kosten sparen?

Mit dem Bonusheft. Damit wird regelmäßiger Zahnarztbesuch belohnt und man bekommt von der Krankenkasse einen höheren Zuschuss für Zahnersatz.

Quelle: MDR/in

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 03.09.2019 | 10-13 Uhr

2 Kommentare

Eulenspiegel vor 10 Wochen

Hallo part
Ob sie mit ihrer Vermutung richtig liegen kann ich so nicht beurteilen. Ist aber letztlich unwichtig. Wichtig ist nur das Quecksilber ein hoch wirksames Gift ist das überall möglichst auf null reduziert werden sollte.

part vor 11 Wochen

Ich würde mal behaupten, die Menge an Quecksilber, die durch die Kohleverstromumg bei Ost- oder Westwind jährlich auf unsere Agraerflächen, Gärten, Kommunen und Gemeinden niedergeht als Emmision ist etwas höher als die partielle Abgabe einer Zahnfüllung an den menschlichen Körper, wobei dabei auch die Jahre zu berücksichtigen sind. Die der Zahnfüllung und die der Kohleverbrennung durch Kraftwerke, Heizwerke, Industrieanlagen, Dampfloks und Haushalte seit der Industrialisierung in Europa.