30 Jahre Wiedervereinigung Forscher Steffen Mau: "Es gab gewaltige handwerkliche Fehler bei der Einheit"

Steffen Mau ist in einer ostdeutschen Plattenbausiedlung aufgewachsen. Heute forscht der Professor der HU Berlin zum Umbruch Ostdeutschlands nach der Friedlichen Revolution 1989. In seinem vielbeachteten Buch "Lütten Klein" schreibt der Soziologe über die Frakturen der Ostdeutschen, den Vereinigungsschock, die Abwanderung und die Deklassierung vieler Menschen. MDR SACHSEN sprach mit dem Wissenschaftler über die Fehler und Chancen in Ostdeutschland.

Steffen Mau
Der Soziologe Steffen Mau forscht zum Umbruch in Ostdeutschland an der Humboldt-Universität Berlin. Bildrechte: Steffen Mau

Von der DDR zur BRD: Sind die Ostdeutschen von einer Bevormundung in die nächste geschlittert?

Man darf die Parallele nicht überstrapazieren. Die DDR war ein bevormundender und gängelnder Staat, in dem man sich unterzuordnen hatte. Im Herbst 1989 ist das aufgebrochen, da haben viele Ostdeutsche angefangen, sich erstmals als politische Subjekte zu verstehen und so zu handeln. Sie wollten ihr Land neu gestalten. Die Mitbestimmung entglitt ihnen jedoch, sobald die Weichen in Richtung Einheit gestellt waren. Mit der Wiedervereinigung war das euphorische Gefühl der Selbstbestimmung dann auch schnell vorbei. Die großen Parameter konnte man nicht mehr verhandeln, mit dem Einigungsvertrag gab man vieles auf von dem, was man kannte und gewohnt war. Auch durch ihre ökonomische Schwäche wurden viele Ostdeutsche in eine passive Rolle gedrängt.

Weil die Ostdeutschen wirtschaftlich schwach waren, wurden sie noch passiver?

Die Ostdeutschen haben bei der Privatisierung der Wirtschaft sehr wenig profitiert. Sie waren zwar Marktteilnehmer doch sehr wenig Marktteilhaber. Bei der Veräußerung des Volkseigentums traten sie meist nicht als Investoren auf, sondern als jene, die gekündigt wurden. Sie wurden Manövriermasse auf einem Arbeitsmarkt. Der Osten wurde zur Pionierregion neoliberaler Deregulierung. Damit lockte er nicht nur etablierte Unternehmen, sondern auch unlautere Geschäftemacher. Hier findet man die Vorboten für Niedriglöhner, Jobnomaden, Saisonpendler und Gelegenheitsarbeiter. Viele Biografien waren Berg- und Talfahrten, das Irgendwie-Durchkommen wurde zum starken Lebensmotiv.

Das Neubaugebiet Lütten Klein in Rostock.
Der Wissenschaftler Steffen Mau wuchs in dem Rostocker Neubaugebiet "Lütten Klein" auf. In dem gleichnamigen Buch hat er die Gesellschaft der ehmaligen DDR auch nach dem gravierenden Umbruch 1989/90 analysiert. Bildrechte: dpa

Sie schreiben, eine Teilgesellschaft im Osten sei zur "Hinnahmebereitschaft verdammt" gewesen. Warum?

Weil sich diese Anpassung oder auch "Hinnahme" nicht auf die Wirtschaft beschränkte, sondern alle Regulationsweisen und rechtliche Bestände betraf - also kurzum alles, was aus Westdeutschland kam. Im Großen und Ganzen wurde alles aus dem Westen per Blaupause auf den Osten übertragen, ohne Rücksicht auf funktionierende Arrangements und lokale Kontexte. Westdeutsche Verbandsfunktionäre konnten sich beispielsweise nicht vorstellen, dass es angestellte Ärzte im ambulanten Bereich gibt. Auch das in der alten BRD schon umstrittene dreigliedrige Schulsystem musste unbedingt eingeführt werden. Ein System mit längeren gemeinsamen Lernen, das viele gut fanden, das wollte man damals nicht, weil es ein Bruch mit der westdeutschen Tradition gewesen wäre.

Hatten die älteren Ostdeutschen je eine Chance, Demokratie zu erlernen?

Das kann man in dieser Absolutheit nicht sagen. Es haben sich ja viele Leute engagiert, politisch eingebracht. Aus meiner Sicht waren die Chancen jedoch nicht genug. In den 90-iger Jahren wähnten sich viele Ostdeutsche im Überlebenskampf. Massenarbeitslosigkeit und ein Pendlerdasein sind keine guten Bedingungen, um sich politisch zu engagieren. Es gab auch Demonstrationen gegen die Treuhand. Viele Menschen waren ja abgrundtief verzweifelt. Das hat jedoch nicht dazu geführt, dass die Programmatik der Ad-hoc-Privatisierung revidiert worden ist. Damals galt dieser Weg als alternativlos.

Sind diese Mündel-Mentalität und Elitenskepsis Grund für den Rechtsruck im Osten und Sachsen?

Ja, in gewisser Weise schon. Natürlich schlägt sich Geschichte immer ins Heute nieder. Dieses Einfädeln der ehemaligen DDR-Gesellschaft in das geeinte Deutschland ist nicht unter optimalen Voraussetzungen passiert. Die Ostdeutschen kamen als die Ärmeren in das neue System. Sie haben zu wenige Möglichkeiten bekommen, etwa Eigenes zu entwickeln, sich zu emanzipieren. Schon in den 90-iger Jahren gab es viel Kritik an der Wiedervereinigung. Das hat die soziale Distanz zu gesellschaftlichen und politischen Eliten befördert. Die Zeit ist aber weiter gegangen, wir haben jetzt schon gemeinsame Krisen erlebt, wie die Finanzkrisen oder aktuell auch die Corona-Krise. Damit ist ein neuer gemeinsamer Erfahrungsraum entstanden. Man könnte diese Krisen sogar als Vereinigungs-Generatoren bezeichnen.

Rechte und rechtskonservative Kräfte erfahren dennoch viel Zulauf. Björn Höcke, Peter Gauland, Alice Weidel, Götz Kubitschek - um nur einige zu nennen - stammen alle aus dem Westen. Werden die Ostdeutschen heute wieder von Westdeutschen benutzt?

Ja. Es ist so ein bisschen der Treppenwitz der Geschichte, dass sich Teile der Bevölkerung sehenden Auges solchen Bewegungen anschließen. Dabei handelt es sich um rechtspopulistische Unternehmer, die die Unzufriedenheit vieler Ostdeutscher politisch instrumentalisieren und verstärken. Sie machen sich zu Fürsprechern einer ostdeutschen Mentalität, um daraus politisches Kapital zu schlagen. Das sehe ich als nicht unproblematisch. Hier fehlt eine innere ostdeutsche Auseinandersetzung.

Björn Höcke gestikuliert
Rechtsruck: Die AfD-PolitikerInnen Björn Höcke (im Bild), Alice Weidel, Peter Gauland - stammen aus dem Westen. Werden die Ostdeutschen heute wieder von Westdeutschen benutzt? Bildrechte: MDR THÜRINGEN

Kann die junge Generation hier vermitteln?

Die starken rechtslastigen Tendenzen sind schon seit den 90iger Jahren erkennbar. Die Jüngeren können sich von den älteren Diskursen emanzipieren und zeigen, dass der Osten nicht auf einen braunen Haufen zusammengeschrumpft werden kann. Zudem hat sich die Abwanderung aus dem Osten in den vergangenen drei Jahren mit vielen Rückkehrern aus dem Westen leicht umgekehrt. Viele Abwanderungsregionen erhalten vielleicht in Zukunft neue Einwohner, in kleinen Ortschaften reichen drei bis vier Leute. Das ist meine Hoffnung: dass eine neue Mischung der Einwohner die Leute vor Ort aus ihrer Frusthaltung herauslösen kann.

VEB Polygraph 112 min
Bildrechte: MDR/Judith Burger

Ihr Buch beschäftigt sich mit der Mentalität und Verfasstheit der Gesellschaft im Osten. War eine solche Analyse überfällig?

Der Diskurs hat sich heute stark verschoben. Es gab gewaltige handwerkliche Fehler bei der Einheit. Wolfgang Schäuble sagte erst neulich, man habe sehr viel aus der Perspektive des Westens auf den Osten gesehen. Das kritische Beleuchten der Folgen der Wiedervereinigung wurde viel zu lange unter den Tisch gekehrt, obwohl es immer schwelte. Das hat auch mit den ideologischen Kämpfen zu tun. Jeder Kritiker wurde gleich in die Mottenkiste gepackt mit dem Stempel, er würde die Zeichen der Zeit nicht sehen. Dieses Gleichsetzen der Kritik an der Wiedervereinigung mit Nostalgie war bislang der Grund für die Unfähigkeit im Diskurs. Die ideologischen Gräben sind jedoch weniger. Eine neue Generation ist herangewachsen, jetzt sind neue Blickwinkel möglich. Man kann das Ganze jetzt unbefangener noch einmal diskutieren.

Bekommt Ostdeutschland jetzt endlich mehr Deutungsmacht?

Die ostdeutschen Eliten sind nach wie vor sehr eine kleine Gruppe. Es gibt eine erhebliche Elitenschwäche des Ostens, die sich in den letzten Jahren nicht erheblich geändert hat. Doch sofern es gelingt, einen gesamtdeutschen Resonanzraum zu bespielen, ist das eine hoffungsvolle Entwicklung. Der 30. Jahrestag der Wiedervereinigung ist ein guter Anlass, ein anderes Sprechen über die deutsche Wiedervereinigung zuzulassen und sich neu zu verständigen.

Quelle: MDR

Steffen Mau: "Lütten Klein"
Bildrechte: Suhrkamp

Info Steffen Mau: Lütten Klein - Leben in der ostdeutschen Transformationsgesellschaft, 2019/2020.
Gebunden und als Taschenbuch, 284 Seiten.

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 03.10.2020 | ab 05:00 Uhr in den Nachrichten

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