14.06.2019 | 14:57 Uhr 70 Jahre Ab- und Zuwanderung in Sachsen - ein Überblick

Wie viele Leute sind gegangen, wie viele geblieben, wie viele gekommen? MDR SACHSEN auf den Spuren eines der weniger dokumentierten Phänomene der Nachkriegsgeschichte: Die Wanderung von Ost nach West.

Freunde helfen bei einem Umzug und tragen Kisten, Pflanzen und Möbel durch ein Treppenhaus
Bildrechte: IMAGO

Deutschland bewegt sich. Immer wieder verlassen Menschen ihre Heimat, die Gegend in der sie groß geworden sind, in der sie familiär verwurzelt sind, um an einem anderen Ort seßhaft zu werden. In Deutschland geschieht das besonders intensiv seit dem Bestehen der DDR und dem Mauerfall. So viefältig die Gründe für solche innerdeutschen Wanderungsbewegungen sein können, so vielfältig ist auch immer ihr jeweiliger politischer Kontext. Zu- und Abwanderungen sind meist ein Spiegel der vorherrschenden politischen Verhältnisse.

MDR SACHSEN begibt sich heute auf eine kleine Zeitreise, von der Wiedervereinigung bis heute. Wir wollen wissen, wie viele Menschen seitdem aus Sachsen in die alten Bundesländer gezogen sind und wie viele Menschen im gleichen Zeitraum aus den alten Bundesländern nach Sachsen kamen. Von Millionen, die das Weite suchten. Die im Folgenden verwendeten Daten stammen aus einer umfangreichen Analyse von Zeit Online.

Von Millionen, die das Weite suchten

Grafik - Wanderung Ost-West
Bis zu 400.000 Menschen pro Jahr verließen nach der Wiedervereinigung ihre alte Heimat in der ehemaligen DDR. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Zwischen 1991 und 2017 gab es in Mitteldeutschland (Sachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen) 2.382.018 Wegzüge zu verbuchen. Dem gegenüber stehen 1.584.979 Zuzüge, was einem Minus von 797.039 entspricht.

Betrachtet man Sachsen allein, sehen die Zahlen ähnlich ernüchternd aus. Sind zwischen 1991 und 2017 insgesamt 1.004.345 Menschen weggezogen, kamen im gleichen Zeitraum nur 707.050 Menschen neu hinzu. Daraus ergibt sich ein Minus von 299.295 Menschen.

Grafik: Abwanderung aus Sachsen in alte Bundesländer
Die meisten Leute aus Sachsen wanderten aufgrund guter Jobchancen nach Bayern aus. (Zahlen sind nur ein Auszug) Bildrechte: Marion Waldhauer

Grafik: Zuwanderung nach Sachsen aus alten Bundesländern
Von den 700.000 neu zugezogenen, kamen ca. 100.000 aus nördlicheren Regionen. (Zahlen sind nur ein Auszug) Bildrechte: Marion Waldhauer

Die DDR, die Wiedervereinigung, die Jahrtausendwende

Seit dem Bestehen der DDR verließen Tausende Menschen die DDR gen Westen, auf der Suche nach einem vermeindlich besseren Leben. Das Regime der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) entschied 1961 daher mit Hilfe des Baus der Berliner Mauer der Massenflucht ein Ende zu setzen.

Bis die Mauer 1989 fiel, versuchten viele Menschen auf damals illegalen Wegen die Maueranlage zu überqueren. Mal mit, mal ohne Erfolg. Die Dunkelziffer solcher Grenzüberschreitungen dürfte also weitaus größer sein als die offiziellen Zahlen.

Weil mit der Wiedervereinigung viele Betriebe mit der neuen Konkurrenz aus dem Westen nicht mehr mithalten konnten, verließen allein zwischen 1989 und 1990 ca. 800.000 Menschen den Osten. Durch dieArbeitslosigkeit, das Gefühl nicht mehr gebraucht zu werden, gepaart mit Armut und dem Bedürfnis, die eigene Lebenssituation verbessern zu wollen, riss der Trend innerdeutscher Wanderung von Ost nach West auch in den Jahren danach nicht ab. Besonders junge Leute, Frauen und gut ausgebildete Menschen zogen um die Jahrtausendwende in den Westen, auch weil bis heute das Lohn- und Rentenniveau nicht angepasst ist.

Eine ernüchternde Bilanz für Sachsen

Differenz aus Zu- und Wegzügen zwischen Sachsen und Westdeutschland
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Keiner der zehn Landkreise Sachsens kann eine positive Wanderungsbilanz ziehen. Egal, wo man hinschaut, es gab immer mehr Wegzüge als Zuzüge. Besonders hart traf es den Landkreis Görlitz, er verlor 36.725 Menschen. Innerhalb von 28 Jahren zogen 82.327 Menschen weg, neu hinzu kamen jedoch nur 45.602.

Mit dem Verlust einer solchen Vielzahl an Menschen, veränderte sich natürlich die Demographie der Landkreise enorm. Die wanderungswillige Wendegeneration und solche die es sich leisten konnten, zogen um. Die unter 30-Jährigen ließen diejenigen zurück, die mit ihrer Heimat schon länger verwurzelt sind und es sich nicht vorstellen können umzuziehen. Zurück blieben die Menschen, die oft das Gefühl vermittelt bekommen haben, innerhalb der Gesellschaft nicht mehr gebraucht zu werden. Resignation und depressive Stimmung machte sich vermehrt breit. Der Osten begann schneller zu altern und auch die Geburtenrate ist drastisch geringer als im Westen.

Zahlreiche Euro-Banknoten, 2014
Bleibt das Bevölkerungswachstum aus, kommt auch für das soziale Leben zu wenig Steuergelder in die Kassen der Kommunen. Bildrechte: dpa

Mit sinkenden Einwohnerzahlen, blieben auch die Steuereinnahmen aus. Soziale und technische Infrastruktur wie Schulen, Krankenhäuser, kulturelle Einrichtungen oder Sport- und Freizeitanlagen verfielen immer öfter.

Hoffnungsschimmer Großstadt

2017 war es soweit. Erstmals seitdem statistische Daten zu innerdeutschen Wanderungsbewegungen erhoben wurden (1949), zogen mehr Menschen von West nach Ost als andersherum. Ein nahezu historischer Moment, der die jahrzentelange Abwanderung vorerst stoppt.

Doch woher kommt diese plötzliche Wende? Im Osten gibt es aus der Wendegeneration kaum noch Wanderungswillige, doch die großen Städte im Osten locken vermehrt Leute aus dem Westen an. Billigere Mieten und Lebenshaltungskosten als im Westen sind wohl nur zwei von einer Vielzahl an Gründen. Besonders hervorzuheben ist hier Leipzig, eine Stadt, die durch den Urbanisierungstrend einen seit Jahren anhaltenden Bevölkerungszuwachs verbuchen kann.

Unter Urbanisierung versteht man allgemein die Ausdehnung von Städten im Vergleich zu ländlichen Räumen. Durch Wanderungsbewegungen vom Land in die Stadt sinkt die Anzahl der ländlichen Bevölkerung.

Mit einem Wanderungssaldo von gerade mal minus 6.171 Menschen zwischen 1991 und 2017, hat Leipzig im sächsischen Vergleich am allerwenigsten unter den Wegzügen gelitten. Besonders unter Studentinnen und Studenten ist die Stadt heutzutage sehr beliebt.

Görlitz

Wegzüge: 82327
davon nach:

  • München (3777)
  • Hamburg (1520)
  • Nürnberg (1416)


Zuzüge: 45602
davon aus:

  • Göttingen (3295)
  • München (1546)
  • Hamburg (726)

Erzgebirgskreis

Wegzüge: 73319
davon nach:

  • München (2759)
  • Nürnberg (2021)
  • Stuttgart (917)


Zuzüge: 38897
davon aus:

  • Göttingen (3186)
  • München (1172)
  • Nürnberg (940)

Bautzen

Wegzüge: 76761
davon nach:

  • München (3626)
  • Hamburg (1475)
  • Stuttgart (1300)


Zuzüge: 43372
davon aus:

  • Göttingen (4475)
  • München (1537)
  • Osnabrück (1094)

Mittelsachsen

Wegzüge: 73911
davon nach:

  • München (2926)
  • Nürnberg (1461)
  • Hamburg (1294)


Zuzüge: 43459
davon aus:

  • Göttingen (4716)
  • München (1297)
  • Osnabrück (1020)

Zwickau

Wegzüge: 70374
davon nach:

  • München (2630)
  • Nürnberg (1556)
  • Hamburg (1214)


Zuzüge: 41786
davon aus:

  • Göttingen (2850)
  • München (1172)
  • Osnabrück (1008)

Nordsachsen

Wegzüge: 47072
davon nach:

  • München (1710)
  • Hamburg (971)
  • Hannover (965)


Zuzüge: 28387
davon aus:

  • Göttingen (2850)
  • München (922)
  • Saarbrücken (676)

Meißen

Wegzüge: 54566
davon nach:

  • München (2501)
  • Hamburg (1044)
  • Stuttgart (848)


Zuzüge: 36077
davon aus:

  • Göttingen (2934)
  • München (1351)
  • Osnabrück (769)

Vogtlandkreis

Wegzüge: 57475
davon nach:

  • Hof (3072)
  • München (2220)
  • Nürnberg (1934)


Zuzüge: 39218
davon aus:

  • Göttingen (3353)
  • Hof (2376)
  • München (1166)

Sächsische Schweiz-Osterzgebirge

Wegzüge: 49633
davon nach:

  • München (2206)
  • Hamburg (929)
  • Stuttgart (886)


Zuzüge: 33212
davon aus:

  • Göttingen (2953)
  • München (1106)
  • Osnabrück (593)

Leipzig

Wegzüge: 50628
davon nach:

  • München (1783)
  • Hamburg (1057)
  • Hannover (872)


Zuzüge: 34424
davon aus:

  • München (1783)
  • Hamburg (1057)
  • Hannover (872)

Chemnitz, Stadt

Wegzüge: 66985
davon nach:

  • München (3114)
  • Nürnberg (1682)
  • Hamburg (1376)


Zuzüge: 40983
davon aus:

  • Göttingen (2043)
  • München (1395)
  • Nürnberg (839)

Dresden, Stadt

Wegzüge: 144174
davon nach:

  • München (9182)
  • Hamburg (5876)
  • Stuttgart (3713)


Zuzüge: 128684
davon aus:

  • München (6322)
  • Göttingen (3949)
  • Hamburg (3912)

Leipzig, Stadt

Wegzüge: 157120
davon nach:

  • München (7581)
  • Hamburg (6209)
  • Frankfurt am Main (4199)


Zuzüge: 150949
davon aus:

  • München (5972)
  • Hamburg (4915)
  • Göttingen (4680)

Mit Menschen, die nach der Wende weggezogen sind und jetzt wieder in die ostdeutsche Heimat zurückkehren wollen, beschäftigt sich das MDR FERNSEHEN am Montag, 17. Juni ab 20:15 Uhr in einer TV-Reportage und anschließendem Bürgertalk live aus dem Landesfunkhaus in Magdeburg.


Daten und Methodik

Die Daten zeigen, wie viele Menschen seit der Wiedervereinigung aus Sachsen in die alten Bundesländer gezogen sind – und wie viele Menschen im Gegenzug im gleichen Zeitraum aus den alten Bundesländer nach Sachsen kamen. Umzugsbewegungen innerhalb der neuen Bundesländer oder dem Ausland sind nicht Gegenstand dieser Betrachtung. Alle Daten wurden MDR SACHSEN von Zeit Online zur Verfügung gestellt. Vielen Dank.

Die Zahlen umfassen den Zeitraum von 1991 bis einschließlich 2017 auf Ebene der Kreise und kreisfreien Städte.

  • Ausnahme 1: Für das Jahr 1993 lagen keine Daten vor.
  • Ausnahme 2: Da Berlin nur als gesamte Stadt in der offiziellen Statistik geführt wird und daher nicht eindeutig Ost oder West zugeordnet werden kann, ist Berlin aus allen Berechnungen ausgeschlossen.

Quelle: MDR/kh

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 14.06.2019 | 15:20 Uhr
MDR Fernsehen I 17.06.2019 I ab 20:15 Uhr

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