Sieghard Bender Der "harte Hund" in Chemnitz

Sieghard Bender ging 1990 aus dem baden-württembergischen Esslingen nach Chemnitz. Bender sollte den neuen IG-Metall-Bezirk aufzubauen und leiten. Der unkonventionelle Gewerkschafter wurde hier mit Werksschließungen und massenhaftem Personalabbau konfrontiert, er entwickelte neue Modelle wie Mitarbeitergesellschaften und Projekte für Langzeitarbeitslose.

"Mindestens zwölf Jahre"

Sieghard Bender geriet in den bis dahin unvorstellbaren Strukturwandel der Wendezeit, weil ihn Verantwortliche des IG-Metall-Bundesvorstandes davon überzeugt hatten, in den Osten zu gehen. Der damalige Gewerkschaftschef Franz Steinkühler sei der Meinung gewesen, dass erfahrene Mitarbeiter der IG-Metall in die Zentren der untergehenden DDR gehen sollten, erinnerte sich Bender. Er hatte kein schulpflichtiges Kind, "da ging das auch privat einfacher". Von Anfang an habe er die Absicht verfolgt, "mindestens zwölf Jahre" in Sachsen zu bleiben.

Unvorstellbarer Strukturwandel im "sächsischen Manchester"

Bender hatte sich als Erster Bevollmächtigter der IG-Metall mit Chemnitz ein äußerst kompliziertes Arbeitsfeld ausgesucht. Die Stadt war im 19. Jahrhundert zum "sächsischen Manchester" aufgestiegen, der Maschinen- und Fahrzeugbau sowie die Textilindustrie prägten sie seit dem. Während 1871 in Chemnitz noch rund 60.000 Einwohner lebten, waren es in der Weimarer Republik bereits 300.000 Menschen. In dieser Zeit verzeichnete die Stadt auch das höchste Pro-Kopf-Steueraufkommen und die höchste Pro-Kopf-Wertschöpfung aller deutschen Städte. An dieser herausgehobenen Stellung änderte sich auch zu DDR-Zeiten nichts. Im damaligen Bezirk Karl-Marx-Stadt wurde fast 20 Prozent des Bruttoinlandsproduktes der gesamten DDR erwirtschaftet. Die Zentralen von sechs Kombinaten, den zum Teil riesigen konzernartigen Geflechten von Betrieben mit ähnlichem Produktionsprofil, hatten in der Stadt ihren Sitz. Allein im Metallbereich gab es 80.000 Arbeitsplätze.

Wir mussten lernen, dass niemand kommt, um uns zu helfen. Wenn schon jemand kam, dann war es kein Prinz, sondern meist eine Kröte.

Sieghard Bender

1990 setzte im Zeitraffer ein industrieller Niedergang der Stadt ein. Die Betriebe waren mit der Währungsunion über Nacht der weltweiten Konkurrenz ausgesetzt. Praktisch alle Firmen gingen in den Besitz der Treuhandanstalt über. Am Ende dieser Phase und nach zahllosen Privatisierungsversuchen waren 64.000 Arbeitsplätze in den metallverarbeitenden Betrieben verschwunden. Gleichzeitig änderten sich die Strukturen grundlegend. Bestimmten zur Wende in Chemnitz noch Firmen mit über 1.000 Beschäftigen das Bild, so hatten Mitte der 1990er Jahre rund 80 Prozent der Betriebe in der Metall- und Elektroindustrie weniger als 100 Mitarbeiter. Als Beispiel kann der ehemalige VEB Sachsenhydraulik dienen: Von 3.500 Beschäftigten wurden bis 1994 mehr als 3.200 entlassen. "Im Westen hatte man Umstrukturierungsprozesse in diesem Maß nicht zu bewältigen", stellte Sieghard Bender in einem Zeitungsinterview fest.