21.03.2020 | 05:00 Uhr Psychologe: "Klopapier als neuer Schampus"

Angst zulassen, um ein geschärftes Bewusstsein zu bekommen, ist für uns wichtig und "funktional", sagt Angstforscher Professor Jürgen Hoyer von der TU Dresden. Wichtig sei es, eine Balance zu finden zwischen angstgetriebenen Hamsterkäufen und verantwortungsloser Sorglosigkeit. Wie das in Corona-Zeiten gelingen kann, erklärt der Psychologe im Interview mit MDR SACHSEN.

Jürgen Hoyer
Bildrechte: Dirk Poetsch

Professor Hoyer, viele Menschen haben große Angst – andere scheinbar zu wenig: Sie gehen noch sorglos in die Parks und auf Spielplätze, als hätte sich nichts geändert. Verdrängen die etwas?

Ich sehe diese Menschenmengen auch an den Elbwiesen und bei dem Anblick werde ich wütend. Ich glaube diese Menschen haben einfach kein Bewusstsein für die derzeitige Gefahr – aus verschiedenen Gründen: Das ist eine Gefahr, die man nicht sehen oder überhaupt sinnlich erfassen kann. Außerdem ist ein Problembewusstsein nötig, das bei jüngeren Menschen oft nicht so gegeben ist, weil sie für sich persönlich keine Gefahr erkennen. Sie rechnen schlimmstenfalls mit einer leichten Erkältung. Sie sagen sich: "Warum soll ich mich deswegen begrenzen?" Die Folgen meines Handelns sind für mich nicht persönlich relevant.

Ganz klar: Es ist ein Egozentrismus.

Polizisten gehen in einem Park hinter einem Fahrrad in Richtung einer Gruppe.
Kein Problembewusstsein: Nicht alle nehmen die Warnungen so ernst und gehen in Parks und auf Spielpätze. Da muss die Polizei ran. Bildrechte: dpa

Wie können Politik und Institutionen wie das Robert-Koch-Institut diese Menschen erreichen?

An Appellen mangelt es ja nicht. Auch Kanzlerin Merkel hat sich klar positioniert. Die  Kommunikation halte ich für gelungen und von der Seite her für ausgeschöpft. Eine gute Idee wäre es sicherlich, verstärkt über prominente Meinungsführer an die jungen Leute heranzukommen. Ob das nun Instagrammer sind oder andere Prominente. Das könnte vielleicht etwas bewirken.

Sie haben bei "Fakt ist!" am Montag gesagt: "Es ist jetzt eine gute Gelegenheit, Angst auch zuzulassen" – was meinen Sie damit?

Angst ist in dieser Situation etwas ganz normales. Man sollte eine Angst nicht einfach wegschieben, im Gegenteil. Sinnvoll ist, sich dem ein Stück weit hinzugeben und den angstvollen Gedanken zu Ende zu denken. Zum Beispiel der Tod der Großmutter. So kann das Gehirn das verarbeiten. Und dann kann ich mich auch fragen: Was kann ich ganz praktisch dafür tun, um die Ausgangslage zu verbessern?

Angstpatienten, die auch zu mir kommen, haben quasi "Angst vor der Angst". Sie können es nicht zulassen, sich dem einmal komplett zu stellen und blockieren sich selbst.

Und dann gibt es ein "Zuviel" an Angst. Wann ist eine kritische Grenze erreicht?

Betroffene merken es oft selber gar nicht, wann es zu viel ist. Die Angst wird gewissermaßen zum guten Vertrauten. Aber das Umfeld, der Partner spürt es. Wenn die Angst nicht mehr auf Problemlösung oder einen Plan B zielt, sondern nur um sich selber kreist, dann ist ein ungesundes Maß erreicht.

Wenn am Abendbrottisch Corona Thema Nummer eins ist, ist das ok. Es kann sogar helfen, so als eine Art kleine Gesprächstherapie, in der man all seine Ängste mal rauslässt. Aber wenn es dann am Frühstückstisch wieder monothematisch wird, dann würden bei mir die Alarmglocken angehen.

Ein Kriterium für eine Angststörung: Rede ich zu allen drei Mahlzeiten nur über Corona oder nur bei einer?

Wie stoppe ich meine Negativspirale, mein Gedanken-Karussell?

Eine Korrektiv kann es sein, sich in solchen Situationen zu fragen: Bringt mir das ganze Grübeln noch was? Und wenn ich zu dem Schluss komme nein, sollte ich versuchen mich anderen Dingen zuzuwenden, die auch jetzt noch möglich sind. Loslassen beim Wannenbad, bei der Gartenarbeit im Gespräch mit dem Partner. Wem das nicht mehr gelingt, der sollte sich Hilfe suchen.

Schattenriss eines Pärchens vor einem unscharfen Viruskörper.
Darauf besinnen: Das Leben besteht aus mehr als Corona - auch jetzt. Bildrechte: imago images/Future Image

Was auch noch zentral ist: Um einen kühlen Kopf zu bewahren, ist es wichtig, auch mal medial abzuschalten von Corona. Wenn den ganzen Tag die gleiche Rotation läuft und immer wieder neue Hiobsbotschaften kommen, bekommt das keinem richtig gut. Sensiblen Menschen schon gar nicht. Also etwas weniger Nachrichten und es kann helfen, sich darauf zu besinnen, dass das alles hier vorbeigehen wird. Es warten die selben schönen Dinge vom "Leben davor" auf uns: Der Wanderweg im Erzgebirge, die Café-Terrasse - das geht nicht verloren. Es hilft, sich das zu vergegenwärtigen und eine Vorfreude darauf zu pflegen.

Welche Rolle spielt es dabei, dass wir in Deutschland in der jüngeren Vergangenheit mit solchen großen Krisenszenarien nicht mehr konfrontiert waren? Haben wir eine geringere Krisenkompetenz?

Es gibt tatsächlich so etwas wie Bewältigungskompetenz. Je öfter man eine Krise durchgestanden und bewältigt hat, desto selbstbewusster wird man bei einer neuen Gefahrenlage. Es entsteht ein Bewusstsein: Ich kann das schaffen. Es stimmt, in Deutschland wurde die Krisenfähigkeit in den letzten Jahrzehnten in diesem Ausmaß nicht mehr erprobt.
Hier im Elbtal gab es ja die starken Hochwasser. Da hat man die Erfahrung gemacht, dass man gemeinsam etwas schaffen kann. So ganz praktisch mit dem Befüllen von Sandsäcken hatte man das Gefühl, in der Gemeinschaft aktiv sein zu können und etwas Sichtbares zu bewirken. Jetzt ist es aber so, dass das, was ich tun kann quasi das "Nichtstun", der Rückzug, ist. Das ist ungleich schwieriger für uns alle. Wir sehen keine direkten Effekte unseres verantwortungsvollen Handelns. So eine Situation ist für Mitteleuropa komplett neu.

Werden wir mit der Zeit automatisch gelassener oder etwas abgestumpfter werden? Also wenn der Ausnahmezustand etwas "normaler" wird mit der Zeit?

Man wird gelassener in Bezug auf das, was wir schon kennen. Die grundlegende Problemsituation mit Corona ist klar. Aber es wird immer wieder neue Schockmomente geben bei neuen Nachrichtenlagen. Davon abgesehen kann es aber sein, dass wir insgesamt irgendwann mal eine gewisse Sättigung erreichen, Corona verarbeitet haben, es schlimm bleibt, aber nicht mehr Dauerthema Nummer eins ist.

Sind Deutsche ängstlicher? Italiener wundern sich ja schon über uns…

Nein, dass wir größere Ängste haben, ist nicht wissenschaftlich belegbar. Aber was man sagen kann ist, dass wir hierzulande mit Angst anders umgehen. Viele Italiener lassen sich ihre Vorlieben nicht nehmen. Die Geselligkeit, die Musik… auch sie haben Angst. Aber das Schöne passiert eben trotzdem.

Stichwort: Ausgangsverbot. Soziologe Holger Lengfeld von der Uni Leipzig warnte kürzlich vor Vereinsamung und Konflikten in den Familien. Wie sehen Sie das?

Der angesprochene Lagerkoller macht mir auch Sorgen. Da geht es weniger um Angst als um Niedergeschlagenheit und Depressionen. Und darüber hinaus wird das Familienleben auf eine harte Probe gestellt. Langeweile und Monotonie sind als Stress-Faktoren nicht zu unterschätzen. Sie können zu einer Gereiztheit und latenten Aggressionen führen.

Der Psychologe Jürgen Hoyer bei "Fakt ist!" aus Dresden
Hoyer zu Gast bei "Fakt ist!" Bildrechte: MDR/Julia Schönfeld

Massive familiäre Konflikte können an die Oberfläche kommen. Die Gefahr der häuslichen Gewalt ist stärker gegeben. Daran sollte man jetzt denken. An der TU Dresden richten wir gerade eine Beratungsstelle für Mitarbeiter der Uni ein.

Also sind bei einer Ausgangssperre neben den Intensivbetten auch erweiterte Therapiemöglichkeiten von großer Bedeutung?

Ja, das wäre wünschenswert, neue Schnittstellen zu schaffen. Auch eine Betreuung per Videotelefonie ist gut machbar in diesen Zeiten. Die Kassenärztliche Vereinigung macht das jetzt abrechnungstechnisch möglich.
Aber natürlich muss jetzt nicht jeder gleich in eine Therapie. Niedrigschwelliger rate ich dazu, seinen Tagen daheim eine Struktur zu geben. Am besten schon am Abend vorher überlegen, was sinnvoll und schön ist für den nächsten Tag. Wer gern Sport macht, liest, schreibt, bastelt, tut das. Manche Tätigkeit in den eigenen vier Wänden umzusetzen erfordert natürlich etwas Kreativität und Flexibilität. Meine Frau macht Sport per Youtube. Sinnvoll kann es sein, die Steuer zu machen oder den Flur neu zu streichen. Es gibt unzählige Tätigkeiten abseits vom Serien gucken und dem Vorm-Fernseher-hocken. 

Hamsterkäufe als Übersprunghandlung und Versuch, die Kontrolle zurückzugewinnen. So haben es viele Psychologen in den letzten Tagen erklärt. Dass Klopapier dabei besonders im Fokus der Deutschen steht, ist aber immer noch ein Mysterium. Können Sie helfen? 

Lächelt: Ich habe mich in den letzten Tagen mit dieser Frage beschäftigt und gegoogelt, welche Erklärungen Kollegen weltweit so heranziehen. Aber kein Ansatz konnte mich so richtig befriedigen.

Ich würde nicht ausschließen, dass das menschliche Bedürfnis, sich selber darzustellen und anzugeben, eine Rolle spielt; Neid und Missgunst vielleicht auch. Menschen sind ja nicht immer nur gutmütig und wohlmeinend. Mit einer riesigen Klopapier-Packung kann ich momentan anderen mehr imponieren als mit teuerstem Schampus im Einkaufswagen. Mit Klopapier kann ich mich hervortun. Das war noch nie so einfach.

Toilettenpapier mit Mops-Motiv
Wer hätte das gedacht? Klopapier verleitet zu Sadismus. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Stimmt…

Und es könnte bei einigen auch ein gewisser Sadismus hinzukommen: Stellen Sie sich vor, der ungeliebte Nachbar hat keine Spaghetti mehr. Das lässt Sie vielleicht noch kalt. Aber die Vorstellung, Sie haben einen Berg Klopapier und Ihr Nachbar nicht. Sozusagen ein "guilty pleasure".

Das Interview führte Sandra Thiele.
Professor Jürgen Hoyer ist Professor für Verhaltenstherapie an der Technischen Universität Dresden. Ein Hauptaugenmerk seiner Forschung liegt auf Angststörungen und Depression.

Quelle: MDR

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 23.03.2020 | im Tagesprogramm

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