MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | Dienstags direkt | 16.06.2020| 20-23 Uhr Warnung für 160 Länder verlängert: Wohin geht die Reise?

Die Reisewarnung für die meisten europäischen Länder gefallen, die Grenzen sind wieder offen. Was heißt das für den nächsten Urlaub? Lieber in Deutschland bleiben oder doch ins Ausland?

Corona Reisen 107 min
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Das Coronavirus hat in bahnbrechender Geschwindigkeit die Welt lahmgelegt. Ein Land nach dem anderen schloss in kurzer Zeit seine Grenzen. Der Flugverkehr wurde nahezu eingestellt, die Reisebranche kam fast vollständig zum Erliegen. Nach knapp drei Monaten Pandemie hat die Bundesregierung die Reisewarnung für die meisten europäischen Länder aufgehoben. Doch wohin jetzt in den Urlaub? Zu Hause oder zumindest in Deutschland bleiben, um einer möglichen zweiten Corona-Welle zu entgehen? Oder doch ins Ausland? Einfach den geplanten Urlaub umsetzen? Oder neu buchen? Wie die Pandemie unser Reiseverhalten – vielleicht dauerhaft – verändert, darüber sprechen wir bei Dienstags direkt.

Unsere Gesprächspartner

Professor Torsten Kirstges, Jade Hochschule, staatliche Fachhochschule
Veronika Hiebl, Geschäftsführerin TMGS Tourismus Marketing Gesellschaft Sachsen
Markus Walter, Geschäftsführer DIAMIR Erlebnisreisen GmbH

Interview
Jörg Seisselberg,  ARD-Korrespondenten in Italien
Reise-Expertin Claudia Neumerkel, Verbraucherzentrale Sachsen

Reisebranche steht auf dem Kopf

Nach dem Lockdown steht die Reisebranche auf dem Kopf. Tausende Reisende mussten ihre Pläne ändern oder stornieren. Reisen vieler Veranstalter sind ausgefallen oder finden nur unter Auflagen statt. Hotels, Ferienhäuser und Pensionen haben weltweit hohe Verluste erlitten. Wegen der Abstandsregeln können die Betreiber ihre Häuser noch immer nicht voll auslasten. Angebote im Wellness- und Badebereich stehen oft nicht in gewohntem Umfang  zur Verfügung. Wie gehen Gastgeber und Gäste mit den Corona-Auflagen um?

Reichen die Kapazitäten in Deutschland?

Falls die Entscheidung für Deutschland fällt, reichen dann überhaupt die Kapazitäten? Der Tourismusforscher Torsten Kirstges hat schon Ende April gewarnt, dass Hotelbetten und Ferienwohnungen für die Deutschen nicht ausreichen würden.

Professor Torsten Kirstges, Jade Hochschule, staatliche Fachhochschule
Professor Torsten Kirstges, staatlich Jade Hochschule Wilhelmshaven glaubt, dass die Ferienbetten in Deutschland nicht reichen. Bildrechte: Torsten Kirstges

Etwa drei Viertel aller Deutschen würden normalerweise den Urlaub im Ausland verbringen, das entspräche etwa 50 Millionen Auslandsurlaubsreisen. Wer noch etwas buchen möchte, müsse sich beeilen, erklärte er. Zudem sind die Preise enorm gestiegen. Nach einer Umfrage der FAZ bezahlen Urlauber auf Rügen etwa 30 Prozent mehr pro Übernachtung, die Ostseeinsel ist mit 136 Euro je Nacht jetzt die teuerste Destination in Deutschland und hat damit Sylt abgelöst.

Kann Sachsens Tourismus profitieren?

Die gestiegene Nachfrage im Inland kann auch eine Chance für den Tourismus in Sachsen sein. Doch wird sie genutzt? Erst vergangene Woche gab Sachsens Tourismusgesellschaft bekannt, die Online-Buchungsportale für den Urlaub im Erzgebirge auszubauen. Welche Regionen können sich touristisch noch weiter entwickeln? Wo muss aufgepasst werden, dass kein Massentourismus entsteht? Können Verluste durch die erhöhte Nachfrage kompensiert werden? Gibt es noch Geheimtipps in Sachsen?

Veronika Hiebl, Geschäftsführerin, Tourismusverband Erzgebirge e.V..
Veronika Hiebl, Geschäftsführerin der Tourismus Marketing Gesellschaft Sachsen sieht in der Pandemie eine große Chance. Bildrechte: Veronika Hiebl

Urlaub in Deutschland rückt in diesem Jahr besonders in den Fokus. Das ist auch für Sachsen eine große Chance. Nun gilt es, möglichst schnell wieder viele Gäste für Sachsen zu gewinnen, um so die wirtschaftliche Situation der Tourismus- und Kulturbranche zu stärken.

Wie geht es internationalen Veranstaltern?

Während das Inland auf einen Ansturm hoffen kann – oder sich dessen erwehren muss, je nach Sichtweise – liegen internationale Reisen brach. Die Bundesregierung hat die Reisewarnung für 160 Länder bis Mitte August verlängert. Wie geht es einem Veranstalter, der sein Geld nur mit internationalen Fernreisen verdient? Der in den vergangenen Jahren mit seinen Mitarbeitern genau das getan hat, was noch vor Kurzem für das Überleben in der Reisebranche empfohlen wurde: Investieren in individuelle Reiseangebote. Der sich spezialisiert hat, um abseits des Massentourismus hochwertige Produkte anzubieten. Wie hoch sind die Verluste, wie ist die Aussicht? Wird er überleben? Auch darüber sprechen wir bei Dienstags direkt!

Markus Walter, Geschäftsführer DIAMIR Erlebnisreisen
Markus Walter ist Geschäftsführer von DIAMIR Erlebnisreisen - ein Unternehmen, das auf internationale Fernreisen spezialisiert ist. Mit den geschlossenen Grenzen vieler Länder wurde seinem Unternehmen ein Großteil seiner Geschäftsgrundlage entzogen. Bildrechte: Markus Walter

Die allermeisten Menschen können es kaum erwarten, endlich wieder zu reisen und wohl alle werden es nach der jetzigen Erfahrung noch viel mehr zu schätzen wissen als bisher!

Ist die Pandemie eine Chance, Tourismus neu zu denken?

Ist das Chaos im Tourismus vielleicht auch eine Chance? Viele Orte in der Welt – zum Beispiel Venedig, Dubrovnik aber auch verschiedene Inseln und Island – sind in der Vergangenheit überrannt worden. Zuletzt gab es immer wieder warnende Stimmen, die Einwohner würden durch Tourismus verdrängt und Orte durch das Anlegen von riesigen Kreuzfahrtschiffen in ihrer Infrastruktur überfordert, es müsse eine Balance gefunden werden. Experten warnten, Massentourismus zerstöre Natur und Lebensgrundlagen und wirtschafte oft nur noch in die Taschen großer Konzerne. Ist die Corona-Zeit vielleicht auch eine Chance, Reisen neu zu denken?

Reisen als Event

Reisen und das Entdecken von anderen Ländern, das Erleben von fremden Kulturen, Sitten und Lebensweisen wurde schon immer als sinnstiftend, bereichernd und auch als Privileg angesehen. Auf seinen Reisen generiert Alexander von Humboldt neues Wissen über die Welt, zahlreiche Maler und Literaten sammelten Inspirationen auf Reisen. Bis heute begeben sich viele Menschen auf Goethes Spuren und seine Italienreise. Doch ist Reisen in den letzten Jahren nicht auch ein Event geworden? Ein Abhaken der globalen To-Do-Listen?

Bedeutet Reisen nicht auch Sinnlichkeit?

Längst sind die Menschenschlangen am Mount Everest bekannt, einstmals einsame Strände überfüllt. Kaum ein Ort ist mehr unberührt. Zahlreiche Bücher mit den Top-Orten, die man gesehen haben muss, säumen die Regale. Was muss passieren, damit Reisen mehr als ein bloßes Abhaken und eine Unmenge von Fotos auf dem Smartphone sind? Bedeutet Reisen nicht vor allem auch, Zeit, Loslassen und auch Einlassen auf neue Einflüsse und sinnliches Entdecken?

Über Sommerurlaub, Tourismuswirtschaft, die Zukunft des Reisens – über all das sprechen wir bei Dienstags direkt.

Moderation: Sina Peschke
Redaktion: Katrin Tominski
Leitung: Ines Meinhardt

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | Dienstags direkt | 16.06.2020 | 20:00 Uhr

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