MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | Dienstags direkt | 09.03.2021 | 20:00 - 23:00 Uhr Sechs Beine und keinen leichten Stand - Wie hart ist der Überlebenskampf der Insekten?

Brombeerzipfelfalter 110 min
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Kakerlaken leben selbst ohne Kopf bis zu neun Tage weiter. Die Spermien der kleinen Fruchtfliege können eine Länge von sechs Zentimetern erreichen und fast 60 Prozent der Fliegen-Gene kommen beim Menschen in ähnlicher Form vor. Um 500 Gramm Honig einzusammeln, fliegen Bienen ca. 120.000 Kilometer weit, das entspricht der Strecke des dreifachen Erdumfangs. Insekten sind Überlebenskünstler. Doch all ihre Rekordleistungen helfen ihnen kaum im Überlebenskampf gegen den Menschen. Deshalb brauchen die stärksten Tiere der Welt jetzt vernünftige Hilfe. Wir sprechen mit Menschen, die mehr Insektenschutz per Gesetz befürworten, aber auch mit denen, die die ökonomischen Folgen für ihren Betrieb eher skeptisch sehen.

Gesetzliche Hilfe

Blühende Apfelbäume auf Streuobstwiese
Blühende Apfelbäume auf einer Streuobstwiese Bildrechte: imago images / imagebroker

Begleitet von Protesten der Bauern hat das Kabinett ein Insektenschutzpaket geschnürt – eine Änderung des Bundesnaturschutzgesetzes und eine neue Pflanzenschutzverordnung.

Auf den Punkt gebracht geht es darum: Biozide sollen in geschützten Gebieten verboten werden. Das gilt auch für Insektizide. "Streuobstwiesen", "Steinriegel" und "Trockenmauern" werden gesetzlich unter Biotopschutz gestellt. Der Glyphosat-Einsatz wird erheblich eingeschränkt und ab 2024 verboten. Das ist zumindest ein dicker Halm, an den sich Insekten klammern können, aber auch ein großes Opfer für die Landwirte, die Ertragseinbrüche erwarten und kaum eine Chance sehen, sich diese finanziellen Löcher vom Konsumenten stopfen zu lassen.

Gründe für das Insektensterben

Eine Kritik, die zumindest auf den zweiten Blick nicht ganz unberechtigt ist, denn längst ist klar, dass Insekten nicht nur auf dem Feld ein schweres Leben fristen, sondern auch im Straßenverkehr auf mancher Windschutzscheibe zu Tausenden den Tod finden. Sie verrennen sich im Schein der unzähligen Lampen und Laternen. Und sie werden von elektromagnetischen Wellen in die Irre geführt.

Gesellschaftliche Verantwortung

Ein Pfauenauge sitzt in einer ungemähten Naturwiese auf einer Flockenblume.
Ein Pfauenauge sitzt in einer ungemähten Naturwiese auf einer Flockenblume. Bildrechte: dpa

Das sind alles Gründe, die zu einem neuen Verantwortungsbewusstsein führen sollten. Oder sind Sie anderer Meinung? Können Sie sich vorstellen, dass Sie eine "Puppenstube" im Garten einrichten oder geht Ihnen diese Art von Naturschutz zu weit? Glauben Sie, Sie finden den Platz für einen Bienenstock? Müssen Sie immer den Rasen mähen? Oder können Sie abwarten, bis die Blüten langsam vertrocknen? Können Sie auf die Koniferen verzichten und stattdessen auf Spalierobst setzen, wenn Sie eine Grenze um Ihr Grundstück brauchen? Warum setzen Stadtplaner nicht viel mehr auf natürliches Grün? Zumal wir das gerade in den letzten Monaten so gesucht haben.

Mit etwas Sensibilität und Verantwortungsbewusstsein wäre vielen Insekten bereits geholfen. Völlig eigennützig, denn am Ende der Nahrungskette sitzt der Mensch. Und wenn vorn die Biene nicht mehr an die Blüte kommt, dann wird es hinten dünn.

Tipps für den eigenen Garten:

Das waren unsere Gesprächspartner:

Manfred Uhlemann | Hauptgeschäftsführer beim Sächsischen Landesbauernverband e.V.

Artenschutz geht alle an, auch uns Landwirte. Insbesondere Insekten sind als Bestäuber maßgeblich ein wichtiger Produktionsfaktor und deshalb unverzichtbar. Darüber hinaus muss die bewährte kooperative Zusammenarbeit zwischen Naturschutz und Landwirtschaft erhalten bleiben.

Manfred Uhlemann | Hauptgeschäftsführer beim Sächsischen Landesbauernverband e.V.

Maxim Steinhardt | Vorstandsvorsitzender der Agrargenossenschaft Memmendorf eG

Maxim Steinhardt
Bildrechte: Maxim Steinhardt

Dr. Anna Kosubek | Projektleitung bei "Gezielte Insektenförderung für die Landwirtschaft" - Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL) Mitteldeutschland e.V 

Claudia Sperling
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Andrea Gößl | Leiterin der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der Sächsischen Landesstiftung Natur und Umwelt

Andrea Gößl
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Dr. Matthias Nuß | Leiter der Sektion Schmetterlinge (Lepidoptera) Senckenberg

Matthias Nuß
Matthias Nuß Bildrechte: Thea Lautenschläger

Die schlechte Nachricht ist, dass es bitterernste Umweltweltprobleme gibt. Die gute: Es gibt Lösungen. Wir müssen sie nur umsetzen.

Matthias Nuß | Wissenschaftliche Leitung Zoologische Bibliothek Senckenberg

Redaktionelle Mitarbeit: Stephan Wiegand
Redaktionsleitung Ines Meinhardt

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