MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | Dienstags direkt | 23.02.2021 | 20:00 - 23:00 Uhr Überfordert die Digitalisierung - und wenn ja, wie viel?

Die Corona-Pandemie hat uns einen ungeahnten Digitalisierungsschub versetzt. Doch was bedeutet das? Eine Sendung über ruckelnde Leitungen, Videokonferenzen, Wut und Sucht bei Social Media, ältere Menschen, die den Anschluss verlieren, vereinsamte Schüler, skeptische Lehrer, aber auch die Chancen, die sich auf einmal bieten – von digitalen Dörfern bis zu einer schnelleren Verwaltung. Was macht die Digitalisierung mit unserer Gesellschaft – darüber sprechen wir bei Dienstags direkt.

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Unsere Gäste:

Professor Guido Zurstiege, Direktor des Instituts für Medienwissenschaft Universität Tübingen
Katrin Boller, Projektkoordinatorin für den Breitbandausbau in Pirna
Jens-Uwe Jopp, Lehrer am Schillergymnasium in Leipzig
Dr. Norman Franchi, Koordinator Experimentierfeld "Landnetz" und Forscher am Vodafone-Stiftungslehrstuhl "Mobile Kommunikationssysteme" der TU Dresden

Vor knapp einem Jahr erreichten die ersten Corona-Verdachtsfälle Deutschland und auch Sachsen. Danach folgte eine Pandemie, die in ihrem Ausmaß nicht vorstellbar war. Auch wenn oft vom 'Digitalisierungsschub' gesprochen wird, zeigt sich an vielen Stellen: von analog zu digital – das ist mehr, als nur ein paar Computer aufzustellen. Homeoffice und externe Systemzugänge für Mitarbeiter waren ebenso wenig Selbstverständlichkeit, wie die digitale Übermittlung von Daten, das schnelle Reagieren mit neuen Softwarelösungen, die verwaltungsübergreifend in ganz Deutschland oder gar europaweit funktionieren oder die Kommunikation über Videokonferenzen im Beruf wie auch im Privaten.

Zwischen Euphorie und Verzweiflung

Viele haben vieles sehr schnell gelernt – weil sie mussten, oft nach dem Motto „Versuch macht klug“. Besprechungen über den Bildschirm sind mittlerweile ebenso Usus wie das Videotelefonat mit den Großeltern. Schüler und Schülerinnen bekommen ihre Aufgaben über die Plattform "Lernsax" und Lehrer versuchen, mit Dateien und Streams den Lehrplan und nebenbei auch noch Werte zu vermitteln. Das dies nicht reibungslos läuft, ist im vergangenen Jahr oft kritisiert worden: Die Leitung zu langsam, das System stürzt ab.

Provokant gefragt: Sind das die digitalen Errungenschaften? Die Kinder hängen nur noch bei Instagram, in der Klasse gibt es Cybermobbing und Papa fliegt aus der Whatsapp-Gruppe, weil er etwas Politisches gepostet hat. Die Anträge beim Amt müssen digital eingereicht aber vorher ausgedruckt und wieder gescannt werden. Ältere Menschen verzweifeln im Impfportal oder Kunden sind zum Onlinebanking gezwungen, weil die Filialen schließen. Dazu gibt es ständig Updates und Passwörter, die schon wieder vergessen worden. Drama oder alles übertrieben? Euphorie und Verzweiflung über digitale Phänomene zieht sich quer durch alle Bevölkerungsschichten und Altersgruppen. Wie digital sind wir wirklich? Überfordert uns die Digitalisierung – und wenn ja, wie viel?

Oft fehlen schon schnelle Leitungen

Während  auch in Sachsen die Forschung an hyperfortschrittlichen Lösungen arbeitet und beispielsweise eine Modellregion mit 5G-superschnellen Internet entwickelt, baut sich die Webseite in vielen Dörfern und kleineren Städten nur im Schneckentempo auf. Laaaaangsam. Wie einen Online-Handel mit dieser Leitung etablieren – und damit Corona-Verluste kompensieren? Wie ein Start-up hochziehen oder ohne Unterbrechung mit dem Chef oder Geschäftspartnern sprechen? Noch immer fehlt es in vielen Regionen an der Grundlage jeder Digitalisierung, einer schnellen Internetleitung.

Beispiel Pirna: Zwei Krankenhäuser unterversorgt

Eine Studie attestiert der Stadt Pirna eine Unterversorgung in knapp 1.000 Haushalten, in über hundert Unternehmen und auch zwei Krankenhäusern. Ein ganzer Ortsteil, muss mit schlechten Leitungen in der digitalen Steinzeit verharren. Doch jetzt soll alles anders werden. Die Stadt startet im Frühling einen groß angelegten Breitbandausbau. Der erste Spatenstich ist schon gesetzt. Doch nicht nur Pirna, auch viele Landkreise bauen ihre Leitungen gerade in großem Stil aus. Doch warum dauert das so lange – wer steht da eigentlich sprichwörtlich auf der Leitung? Mit welchen Schwierigkeiten kämpfen Kommunen, und wie kann es schneller gehen?

Katrin Boller, Fachgruppe Stadtentwicklung der Stadt Pirna.
Katrin Boller, Projektkoordinatorin für den Breitbandausbau in Pirna Bildrechte: Juliana Socher

Bereits seit 2015 bemüht sich die Stadtverwaltung Pirna um schnelles Internet, aber es war ein langer zeitintensiver Weg, damit jetzt alle unterversorgten Stadtteile  ausgebaut werden können.

Beispiel: Augustusburg: Tourismus dank Digital-Projekt

Im Gegenzug dazu legt die Kleinstadt Augustusburg ein Corona-Pilotprojekt auf, um Tourismus auch in der Pandemie zu ermöglichen. Die dafür notwendige schnelle Internetleitung wurde über die Bergbahn installiert. Welche Chancen bietet die Digitalisierung?

Modellregion "Landnetz" und digitale Dörfer

Damit eben nicht nur Metropolen und Großstädte von neuen Technologien profitieren, arbeiten Forscherinnen und Forscher sowie Regionalentwicklerinnen und –entwickler in Lommatzsch gerade an der 5G-Modellregion "Landnetz". Neues superschnelles 5G-Internet, das ursprünglich zur Erforschung und zum Testen autonomer Fahrzeuge und anderer Anwendungen installiert wird, kann zur digitalen Entwicklung von Dörfern beitragen. Wie verändern Digital-Projekte den ländlichen Raum? Erfährt ‚das Dorf‘ eine neue Blüte oder wird es mit den digitalen Möglichkeiten eher davor bewahrt, abgehängt zu werden?

Dr. Norman Franchi, Forscher am Vodafone-Stiftungslehrstuhl Mobile Kommunikationssysteme der TU Dresden
Dr. Norman Franchi, Koordinator Experimentierfeld "Landnetz" und Forscher am Vodafone-Stiftungslehrstuhl "Mobile Kommunikationssysteme" der TU Dresden: Bildrechte: Dr. Norman Franchi

Smart Cities werden in Zukunft nur so attraktiv sein können, wie es der digitale ländliche Raum begünstigt.

Hass, Gebrüll und Social-Media-Sucht

Schon lange vor der Pandemie haben sich Messenger-Dienste und Social Media als Kommunikationsplattformen sowohl im Beruf als auch im Privaten etabliert. Der einst gefeierte freiheitliche digitale Raum entwickelt sich immer mehr zu einer Potenzierung von Hass, Gebrüll, Bedrohungen und Hetze. Wo der persönliche Kontakt fehlt, ventiliert sich Frust und Angst der Menschen. Forscher warnen seit Jahren vor einer Polarisierung der Gesellschaft durch Facebook, Twitter, Whatsapp, Telegramm und Co. Digitale Technologien verändert nicht nur die Art der Kommunikation untereinander, sondern auch politische Meinungs- und Willensbildungsprozesse.

Professor Guido Zurstiege, Direktor des Instituts für Medienwissenschaft Universität Tübingen.
Professor Guido Zurstiege, Direktor des Instituts für Medienwissenschaft Universität Tübingen Bildrechte: Guido Zurstiege

Je größer unsere gefühlte Abhängigkeit von den neuen digitalen Medien, desto größer wird unsere Sorge, zum Opfer jener Technologien zu werden, die unser Leben zwar angenehm machen, die uns Wissen und Information in bisher ungeahnter Hülle und Fülle bieten, aber dennoch offenbar so große Risiken bergen, dass wir Schaden nehmen könnten. Wo die Wiederbelebung längst tot geglaubter Ideologien im Fahrwasser nationalistisch-autokratischer Strömungen große Teile der Bevölkerung mit einer Art Politik wider Willen konfrontiert, einer Politik, die erschöpft,  da erleben immer mehr Menschen angesichts der zwielichtigen Datendeals, der rhetorischen Eskalation und propagandistischen Unterwanderung digitaler Debatten auch in ihrem Medienhandeln einen Kontrollverlust.

Was macht die Digitalisierung mit unserer Gesprächs- und Diskussionskultur? Wie wirkt sich die ständige Präsenz und Erreichbarkeit auf unsere Beziehungen und unsere Psyche aus? Studien belegen, dass viele Anwendungen im Netz – vor allem Social Media, Messenger und Computerspiele – durch ständige Belohnungsreize süchtig machen. Und natürlich ist ein Lächeln über dem Bildschirm nicht das Gleiche wie im Original, Augen leuchten weniger, Haare wehen zweidimensional, die Stimme verzerrt sich. Muss das eigentlich alles sein? Können wir nicht einfach wieder abschalten? Persönlich reden, uns direkt in die Augen sehen – sofern Corona das erlaubt?

Verlust von Nähe

Mit dem Verlust von Nähe kämpfen auch tausende Lehrer sowie Schüler, Studierende sowie Auszubildende, die aktuell oft nur noch per Lernplattformen und Videokonferenzen miteinander kommunizieren. Schülerinnen und Schüler ziehen sich zurück, Lehrer und Lehrerinnen beklagen den Verlust von Kontakt und Interaktion. Andere sind froh, dass sich ihr Engagement für eine digitale Schule endlich auszahlt. Werte und Moral lassen sich nicht als Stichpunkte in einer Präsentation vermitteln. Oder bietet sich gerade jetzt die Möglichkeit, für das Leben in einer digitalen Welt frühzeitig zu lernen? Wie verändert sich Lernen und wie geht allen dabei?

Jens-Uwe Jopp, Lehrer am Schillergymnasium in Leipzig.
Bildrechte: Jens-Uwe Jopp

Das digitale Lernen bietet Vor- aber auch Nachteile. Das Internet ist auch ein idealer Ort zum Verstecken vor dem Lernen - versteckt, vereinsamt, verpasste Chancen für Schülerinnen und Schüler. Eine demokratisch-humanistische Wertebildung hat es vor dem Laptop schwerer.

Bruchkante zwischen analoger und digitaler Welt

Besonders in der Schule, zwischen den Generationen zeigen sich die enormen Unterschiede in Technologie- und Medienkompetenz sowie im Digitalisierungswissen. Befinden wir uns gerade an einer Bruchkante zwischen digitaler und analoger Welt? Wie lässt sich Politik machen und Struktur schaffen für Bevölkerungsteile, die teilweise sehr verschieden funktionieren? Werden Menschen abgehängt? Wie schaffen wir den digitalen Anschluss für alle?

Wie verändert die Digitalisierung die Gesellschaft?  - unser Thema bei Dienstags direkt.

Moderation: Sina Peschke
Redaktionelle Mitarbeit: Katrin Tominski
Leitung: Ines Meinhardt