Themenbild Organspende mit Spendeausweis
Bildrechte: IMAGO

Unser Expertenrat zur Organspende Prof. Wirth: "Es gibt bei der Organentnahme ganz genaue Richtlinien"

Unser Gesprächsgast: Prof. Manfred Wirth von der Klinik für Urologie am Dresdner Uni-Klinikum

Unser Thema im Expertenrat diesmal: Organspende. Zu Gast im Sachsenradio-Studio war Prof. Manfred Wirth von der Klinik für Urologie am Dresdner Uni-Klinikum. Er hat über viele Jahre praktische Erfahrung, zum Beispiel mit Nierentransplantationen, und sagt: "In Deutschland warten die Patienten viel zu lange auf ein Spenderorgan".

Themenbild Organspende mit Spendeausweis
Bildrechte: IMAGO

Wie sieht es im Fachgebiet der Urologie mit Spenderorganen aus?

Wir sind leider nicht gut versorgt. Es könnte wirklich deutlich mehr sein. Die Spendenbereitschaft in Deutschland ist merklich zurückgegangen. Wir haben jetzt Wartezeiten von etwa sieben Jahren, bis eine Niere dann tatsächlich für den, der sie braucht, zur Verfügung steht. Und das ist einfach viel, viel zu lange.

Wo steht Deutschland im europäischen Vergleich?

Wir stehen da ziemlich am Ende. Am besten sieht es in Ländern wie Spanien oder Holland aus, die nicht diese gesetzliche Regelung haben, wie wir sie haben, dass die Angehörigen im Todesfall zustimmen müssen. Es sei denn, man hat einen Organspendeausweis, aber den haben nur unter 20 Prozent der Bevölkerung, die Quote liegt eher bei zehn Prozent. Das System, dass wir in Deutschland haben, ist eigentlich für die Patienten, die auf eine Transplantation warten, eine Katastrophe.

Wie viele Organtransplantationen im Nierenbereich haben Sie durchgeführt?

Wir haben hier in Dresden im Jahre 1995 angefangen und sind jetzt bei der 997. Demnächst werden wir die 1.000 erreicht haben. Aber am wichtigsten ist immer genau der Patient, den man gerade operiert oder operiert hatte, dass das gut läuft. Wir wollen immer das Beste erreichen.

Können Sie sich noch an Ihre erste Transplantation erinnern?

Ja, sehr gut. Es war ein junger Mann. Der war damals Anfang 30, hatte zwei Kinder, wenn ich mich recht erinnere. Er brauchte dringend eine Niere und war ein Patient, der ideal geeignet war. Er lebt heute noch mit dieser Niere hervorragend und braucht keine Dialyse und hat eine sehr gute Lebensqualität.

Die Wartezeit ist heute leider so lange, dass die Patienten, die man transplantiert, nicht mehr ideal sind für die Transplantation. Die Dialyse, die viele Patienten machen, führt zu einer eheblichen Gefäßveränderung. Dann haben wir oft sehr kranke Patienten mit sehr schlechten Gefäßen, was zu Problemen bei der Transplantation führt.

Dialyse - künstliche Blutwäsche, die bei schweren Nierenerkrankungen eingesetzt wird. Kranke Nieren können überschüssiges Wasser und schädliche Stoffe aus dem Körper nicht mehr selbst entfernen. Die Reinigungsfunktion der Nieren übernimmt die Dialyse, die aber nicht ohne Nebenwirkungen ist.

Welche Erkrankungen führen dazu, dass Menschen ein neues Organ, zum Beispiel eine neue Niere, brauchen?

Hauptsächlich chronische Entzündungen der Niere führen dazu, dass man ein neues Organ braucht, selten auch Verletzungen oder angeborene Erkrankungen oder Zysten.

Im Ausland gilt oft die Regel, wenn nicht widersprochen wird, darf gespendet werden. In Deutschland muss man den Willen ausdrücklich erklären. Wie funktioniert das in der Praxis?

Wenn die Angehörigen wissen, dass man Organspender ist, ist das kein Problem. In 18 Ländern ist es so, wenn man nicht seinen Widerspruch erklärt hat, ist man Spender. Das ist die vernünftigere Lösung. Ich habe da schon immer für gekämpft. Ich bin da leider auf verlorenem Posten gewesen. Unsere Politik hat sich anders entschieden.

Beim Thema Organspende gibt es viele Ängste. Einige vermuten, dass Organe entnommen werden könnten, obwohl das Leben vielleicht doch noch nicht ausgelöscht ist …

Es gibt bei der Organentnahme ganz genaue Richtlinien. Es muss der Hirntod sicher festgestellt sein, von einem unabhängigen Experten und nicht von dem, der etwas mit der Transplantation zu tun hat. Wenn das Hirn abgestorben ist, ist ein Leben nicht mehr möglich. Man würde auch irgendwann, auch wenn das Herz noch schlägt, die Geräte abstellen. Viele haben eine Patientenverfügung, wo das von vornherein festgelegt ist. Es wird niemandem ein Organ entfernt, wenn er nicht sicher hirntot ist. Dazu gibt es in Deutschland ganz genaue Kriterien.

Bis zu welchem Alter ist eine Organspende möglich?

Behälter zum Transport von Organen
Lebensretter: In diesem Behälter wird ein Organ zum Patienten transportiert. Bildrechte: dpa

Wir orientieren uns da am biologischen Alter. Also wie gesund ist der Spender? Wie gesund sind seine Organe? Dann kann man auch im hohen Alter noch Organe spenden. Eine genaue Grenze würde ich da nicht festlegen wollen. Organe von älteren Spendern werden in der Regel Patienten transplantiert, die auch schon über 65 sind.

Hat jedes Krankenhaus einen Arzt, der Organe entnehmen kann oder ist dies nur speziellen Kliniken vorbehalten?

An jedem Krankenhaus gibt es einen Verantwortlichen für Organspende. Die Entnahme erfolgt immer von den Transplantationszentren. Die fahren dann mit speziellen Fahrzeugen und den notwendigen Geräten dorthin und entnehmen die Organe. Häufig auch zusammen mit den dort tätigen Ärzten.

Wie kommt man zu einem Organspendeausweis?

Jede Krankenkasse hat die Organspendenausweise vorliegen. Da bekommt man sie am schnellsten. Wir haben sie natürlich auch in den Transplantationszentren verfügbar. Auch im Internet kann man den Organspendenausweis ausdrucken.

Welche Organe kommen für eine Transplantation in Frage?

Als Organe kommen prinzipiell in Frage: Niere, Leber, Lunge, Herz, die Bauchspeicheldrüse, meist in Verbindung mit einer Nierentransplantation. Auch Gewebe können transplantiert werden, zum Beispiel die Hornhaut, für Menschen, die sonst nicht mehr sehen können. Für die ist das ein Riesensegen.

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 06.03.2018 | ab 10:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 01. Juni 2018, 13:24 Uhr