Ältere Dame im Gespräch mit einem Altenpfleger.
Bildrechte: IMAGO

Ratgeber von MDR SACHSEN Expertenrat: Ein Pflegefall in der Familie - was tun?

Was muss ich wissen, wenn ich plötzlich einen Pflegefall in der Familie habe? Wo bekomme ich welche Hilfe? Antworten auf Fragen zum Thema "Pflege" gab es am Dienstag im Expertenrat von MDR SACHSEN. Zu Gast im Studio war Frau Prof. Kathrin Engel. Sie ist Pflegewissenschaftlerin von der Evangelischen Hochschule Dresden und unabhängige Pflegesachverständige.

Ältere Dame im Gespräch mit einem Altenpfleger.
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MDR SACHSEN: Um die Pflege für ein Familienmitglied zu organisieren, braucht man zunächst einmal Zeit. Oft trifft einen die Situation plötzlich und unvorbereitet. Hat man als Angehöriger, der noch arbeitet, das Recht, für die Organisation ein paar Tage frei zu nehmen?

Prof. Kathrin Engel: Ja, dafür gibt es ein Gesetz, eine Leistung. In einem akuten Notfall kann man zehn Tage Freistellung erhalten. Es wird das sogenannte Pflegeunterstützungsgeld gezahlt.

Dann gibt es noch die Möglichkeit, Pflegezeit zu beantragen. Was verbirgt sich dahinter?

Da greift das Pflegezeitgesetz. Damit kann man eine unbezahlte ganze oder teilweise Freistellung von der Arbeit bekommen - und das bis zu sechs Monaten.

Wo kann man sich Rat und Hilfe holen, wenn ein naher Familienangehöriger plötzlich pflegebedürftig wird? In Sachsen gibt es keine Pflegestützpunkte, sondern Pflegeberater. Was ist deren Aufgabe?

Viele Landkreise und kreisfreie Städte haben Pflegekoordinatoren an den Sozialämtern. Die Pflegekassen beschäftigen sogenannte Pflegeberater. Dort kann man anrufen und seine Situation schildern. Diese Leute kommen auch zu Ihnen nach Hause, wenn das gewünscht ist und beraten Sie. Man kann auch eine Sozialstation fragen, auch die beraten am Anfang. Es gibt auch unabhängige Pflegeberater, sogenannte Seniorenberater.

Was kann man von einem Pflegeberater erwarten?

Er wird Ihnen kein Heim vermitteln, aber er wird Ihnen sagen, welche Hilfen möglich sind, welche Angebote es gibt und er gibt Auskünfte darüber, wo man was beantragen kann. Es gibt eine Vielfalt an Angeboten und in diesem Dschungel muss man sich erst einmal zurechtfinden.

Worüber sollte ich mir im Vorfeld eines Beratungsgesprächs Gedanken machen?

Ich sollte mir Gedanken und Stichpunkte machen, worunter der Pflegebedürftige am meisten leidet und was schlechter funktioniert. Ich sollte mir überlegen, ist die Mobilität eingeschränkt, zum Beispiel beim Treppensteigen. Wie ist das mit dem Toilettengang und der Kontinenz. Das ist meist in so einer Beratungssituation nicht gerade das Lieblingsthema. Ich sollte mir Gedanken machen, was sich an Verhaltensweisen geändert hat, auch an Verhaltensweisen, die dann später der Begutachter im Moment seiner Begutachtung nicht sehen kann. Zum Beispiel deutliche Vergesslichkeit, Hinweise auf Demenz, nächtliche Unruhe, Rumräumerei.

Man sollte sich überlegen: Was könnte dem Pflegebedürftigen helfen? Was würde die Situation verbessern? Das könnte zum Beispiel schon eine Umgestaltung des Wohnumfeldes sein. Ein wichtiger Punkt: Ist der Pflegebedürftige alleine oder ist jemand in der Nähe, der ihn unterstützen kann, beispielsweise der Ehepartner - und wie belastbar ist dieser Partner. Das sollte man zusammenfassen, um irgendeine Idee zu entwickeln, wohin die Reise gehen könnte.

Wenn ich eine Pflegestufe oder Leistungen aus der Pflegeversicherung beantragen möchte - was muss ich alles beachten?

Den Antrag selber kann nur der Pflegebedürftige stellen. Das heißt, er muss den Antrag unterschreiben. Das ist ganz wichtig. Wenn der Gutachter dann ins Haus kommt, sollte man sich in der Form vorbereiten, dass man erst einmal die Unterlagen bereitlegt, die man vielleicht vom Arzt hat, wie Krankenhausberichte, Medikamentenplan. Man sollte sich überlegen, wer bei der Begutachtung dabei sein kann. Vielleicht eine Vertrauensperson, die Kinder oder der Pflegedienst, wenn der beispielsweise schon die Medikamente verabreicht. Man sollte sich vorher überlegen, in welchen Bereichen bestehen Schwierigkeiten, um auf die Fragen des Gutachters vorbereitet zu sein.

Pflegerin
Pflegebedürftig sind Menschen, die im täglichen Leben Hilfe brauchen. Welche Kriterien gibt es, um das zu bestimmen ? Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Wer gilt als pflegebedürftig? Kann man das definieren?

Da gibt es ein Gesetz, das Pflegestärkungsgesetz II, in dem das geregelt ist. Als pflegebedürftig gelten Menschen, die mindestens sechs Monate, vorrausichtlich aber auf Dauer, in ihrer Selbstständigkeit, in ihren kognitiven Fähigkeiten, also der Gedächtnisleistung, eingeschränkt sind. Aber auch in der Bewältigung von Krankheitsanforderungen, zum Beispiel beim Medikamente einnehmen. In dem Gesetz gibt es sechs Module. Anhand dieser Module, wie Mobilität, Gedächtnisleistung, Verhalten, Selbstversorgung, Waschen, Toilettengang, Essen, soziale Kontakte, wird die Pflegebedürftigkeit festgestellt. Als pflegebedürftig gilt man, wenn man eine bestimmte Punktzahl im Sinne dieses Gesetzes erreicht. Nicht der Angehörige schätzt die Pflegebedürftigkeit ein, weil alles langsamer geht und beschwerlich ist. Das ist ein großer Unterschied.

Wer entscheidet über die Pflegebedürftigkeit?

Über die Pflegebedürftigkeit entscheidet die jeweilige Krankenkasse, wenn man es genau nimmt - die Pflegekasse. Im Auftrag der Pflegekasse kommt der medizinische Dienst der Kassen und begutachtet die Pflegesituation, wenn man das beantragt hat. Dann gibt es einen Bescheid, in dem steht, welchen Pflegegrad man erreicht hat.

Ist es seit der Einführung der neuen Pflegegrade im vergangenen Jahr leichter geworden, Leistungen bewilligt zu bekommen?

In der alten Pflegeversicherung musste man 45 Minuten Hilfe bei der Grundpflege benötigen. Das heißt tatsächlich 45 Minuten beim Waschen, Toilettengang und Essen, etc. Das ist tatsächlich leichter geworden, weil in dem neuen Pflegebedürftigkeitsbegriff tatsächlich die Demenz und Vergesslichkeit gilt. Dort geht es weniger um den Hilfebedarf von außen, sondern mehr um Einschränkungen der Selbstständigkeit. Was man nicht vergessen darf und was gern verwechselt wird, ist, dass die Haushaltsführung als solches in die Pflegebedürftigkeit nicht zählt.

Wie lange dauert es durchschnittlich, bis die Pflegekassen Geld und Leistungen bewilligen?

Wenn ein Antrag beim MDK (Medizinischer Dienst der Krankenversicherung) gestellt wird, muss der MDK den Antrag innerhalb von 25 Arbeitstagen bearbeiten. Die Geldleistungen von der Kasse fließen dann relativ zügig. Wenn nicht, ist es kein Problem, denn es wird auch rückwirkend gezahlt.

Wie leicht kann man ein Pflegeheim wechseln, wenn man damit nicht zufrieden ist?

Grundsätzlich kann man einen Pflegeplatz im Heim zum dritten Tag des Monats zum Monatsende kündigen. Bei Entgelterhöhung seitens des Heims können Sie jederzeit kündigen.

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 08.05.2018 | 10:00-12:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 12. Mai 2018, 17:31 Uhr