Expertentipps Wenn sich Großeltern in die Erziehung einmischen...

Großeltern können eine große Stütze im Alltag sein. In vielen Familien in Sachsen funktioniert das auch, aber es gibt eben auch Knackpunkte. Ein Beispiel: Oma erlaubt etwas, das bei Mama verboten ist. Ist es aber nicht gerade das, was die Großeltern ausmacht? Wie weit dürfen Großeltern in der Erziehung mitreden? Was rät die Familientherapeutin Diana Jentzsch?

Frage: Dürfen die Großeltern verwöhnen oder sollten sie das nicht tun?

Diana Jentzsch: Es geht darum, zu schauen, an welchen Stellen sind wir nur beim Verwöhnen und an welchen Stellen haben die Eltern mit Absicht andere Meinungen dazu. Die Frage ist: Wie schaffen es die Eltern, dass sich die Großltern daran beteiligen.

Welche Streitthemen gibt's?

Gerade die Themen Cola, Süßigkeiten und Ernährung sind mittlerweile Streitpunkte zwischen den Generationen. Da gibt es große Unterschiede zu früher. Es hat sich über die letzten Jahrzehnte viel verändert. Es fällt vielen Großeltern schwer, anzuerkennen, dass es Veränderungen gibt - und dass man sich darauf einstellt.

Wo hakt es noch?

Das Thema Benehmen. Es geht oft um die Frage: "Brauchen Kinder Grenzen?" An der Stelle machen Eltern heute mit Absicht viele Sachen anders als früher. De Großeltern fühlen sich oft angegriffen, denn sie haben ja früher auch ihr Bestes gegeben und sich daran gehalten, was damals als richtig galt. Und dass das jetzt alles komplett überholt sein soll, das ist für Großeltern manchmal schwer zu verstehen.

Wer hat Streit? Mütter und Schwiegermütter oder ist das ein Vorurteil?

Es ist noch oft so. Aber es verändert sich teilweise auch. Viele Eltern stehen dichter zusammen als früher. Viele Väter bringen sich gut mit ein und können gut nachvollziehen, wenn es zu solchen Konflikten kommt. Je mehr Austausch es mit Respekt auf Augenhöhe zwischen Müttern und Töchtern, Schwiegermüttern und Töchtern dazu gibt, desto leichter kann es im Sinn der Enkel und Familienzugehörigkeit zu guten Lösungen kommen.

Mutter und Tochter blicken in die Kamera
Respektvoller Austausch ist hier das A und O: Mütter und Schwiegermütter über ihre Erziehungsansichten Bildrechte: Colourbox.de

Und wenn es zum Streit zwischen den Eltern kommt, gerade weil sich Omi einmischt?

Als Mutter des Kindes muss ich mich fragen, ob nur ich das Problem habe? Bin ich vielleicht zu sehr in der Überforderung oder ist es tatsächlich so, dass sich mein Mann oder Partner noch nicht gut abgelöst hat? In vielen Fällen fällt es Vätern schwer, ihren Müttern, also den Omas, zu sagen, "bis hier her und nicht weiter! Es reicht jetzt mal. Wir sind hier Mama und Papa. Wir geben uns größte Mühe. Wir sind voller Wertschätzung dafür, was du gemacht hast, aber hier sind wir in der Verantwortung." Manchmal braucht es das.

Verstehen sich Mütter und Töchter bei der Erziehung der Kinder bzw. Enkel besser?

Wenn es zu Konflikten kommt, ist das auch nicht leichter. Weil wir Wertschätzung von denen wollen, von denen wir abstammen. Also die Töchter, die jetzt Mütter sind, wollen von ihren Müttern hören, dass sie es gut machen. Wenn dann Kritik kommt, sind sie oft sehr getroffen.

Welche Rolle haben die Großeltern?

Für Großeltern, die nur wenig Kontakt mit den Enkeln haben, gilt das Verwöhn-Motto mehr, als für Großeltern, die sich sehr intensiv, auch in der Woche, einbringen. Dann ist es gut zu klären, wer wann das Sagen hat. Wir brauchen Klarheit. Welche Aufgaben sollen die Großeltern übernehmen? Welche Aufgaben bleiben bei den Eltern? Hier ist es wichtig, dass sich auch die Großeltern an Regeln halten. Zum Beispiel, wann die Enkel zu Hause sein sollen, wann die Hausaufgaben gemacht werden? Es geht auch beim Essen um klare Absprachen.

Großeltern und Kind beim Nudelnessen (Symbolfoto)
Großeltern verwöhnen gern. Wenn das bei gelegentlichen Besuchen etwas besonderes bleibt, hat sicher keiner etwas dagegen. Bildrechte: IMAGO / Westend61

Wenn es viel Kontakt, auch in der Woche, zu den Großeltern gibt, bin ich immer dafür, dass die Eltern die Ansage machen und die Großeltern ein Stück weit zurücktreten. Das ist in der Rollenkonstellation schwierig, weil die Eltern ja gleichzeitig die Kinder der Großeltern sind . Da braucht es viel Klarheit.

Diana Jentzsch Familientherapeutin

Hat sich der Erziehungsstill wirklich so sehr geändert?

Es hat sich sehr viel verändert, im Vergleich zu den letzten zwanzig Jahren. Es ist ein viel bewussterer Umgang mit den Kindern. Eltern belesen sich viel mehr, welchen Erziehungsstil sie verfolgen. Sie sind viel mehr im Austausch und schauen sich genau an, was will ich, was will ich nicht. Sie reflektieren viel genauer: Was war in meiner eigenen Kindheit toll, was will ich nicht weitergeben? Die Digitalisierung, die vieles verändert, ist nur ein Aspekt nebenbei.

"Manchmal haben die Großeltern eben auch recht, wir haben mehr Lebenserfahrung." Wie reagieren Eltern darauf?

Hier muss man sagen: In der Familie geht es selten darum, wer Recht hat, sondern wer die Verantwortung trägt. Und zweitens: Wie schaffen wir es, gut ins Gespräch bei solchen Themen zu kommen? Wenn die Großeltern das Gefühl haben, die "jungen Leute" machen zu schnell dicht, dann lohnt es hinzuschauen, ob sie als Großeltern bereit sind, zuzuhören, wenn die jungen Leute ihre Position erklären.

Bei welchen Themen sollten sich Großeltern einmischen?

Einmischen müssen sich die Großeltern, wenn es absehbar ist, wenn das Kind Schaden nimmt. Das betrifft Gewalt in der Familie. Nicht nur von Seiten der Eltern, sondern auch von Kindern ausgehend. Dann braucht die Familie Hilfe. Denn das wächst sich nicht von allein aus. Und das betrifft auch Eltern, die eine Abhängigkeit haben und sich nicht gut um ihre Kinder kümmern können. Damit ist keine Party gemeint, die dazu führt, dass am anderen Tag keine volle Leistung für die Familie gebracht wird. Auch vegane Ernährung in der Familie muss von Großeltern toleriert werden.

Kind, Eltern und Großeltern
Die Kinder essen zu Hause vegetarisch oder vegan - das müssen Großeltern akzeptieren. Die Eltern tragen dafür die Verantwortung. Bildrechte: imago/MITO

Wie kommt ein Großeltern-Ratschlag nicht als Bevormundung an?

Der sicherste Weg ist, wenn die Großeltern die Eltern fragen, ob sie den Ratschlag hören wollen. Ich kann als Oma formulieren: "Du, mir sind hier ein paar Sachsen aufgefallen und ich weiß, wir wollen beide das Beste für unsere Enkel und eure Kinder. Ich würde da gern mal mit dir darüber plaudern. Hast du Zeit und Lust?“ Es gibt wenige Eltern, die sich dem dann verschließen.

Quelle: MDR/hs/in

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | MDR SACHSEN | 12. Oktober 2021 | 10:00 Uhr