Interview Unterschätzte Gefahr: Das Fetale Alkoholsyndrom

Heute weiß man, dass auch kleine Mengen Alkohol in der Schwangerschaft dem ungeborenen Kind im Bauch schaden können. Wer als werdende Mutter Alkohol in der Schwangerschaft trinkt, riskiert das sogenannte Fetale Alkoholsyndrom beim Ungeborenen. Damit ist später für das Kind kein "normales" Leben möglich. MDR SACHSEN hat mit Dr. Heike Hoff-Emden vom Sozialpädiatrischen Zentrum in Leipzig gesprochen.

Wie äußert sich das Fetale Alkoholsyndrom?

Diese Kinder sind oft besonders niedlich. Sie sind kleiner und sie haben bestimmte Gesichtsauffälligkeiten: schmale Oberlippe, abgeflachte Rinne zwischen Nase und Oberlippe (verstrichenes Philtrum) und verkürzte Lidachsen. Das sind alles Sachen, die nicht weiter stören. Aber die Eltern, meistens auch Pflege- und Adoptiveltern, weil die Kinder nicht bei den leiblichen Eltern leben, melden sich mit dem Problem, dass die Kinder Verhaltensauffälligkeiten zeigen. Sie haben oft Wutanfälle. Sie haben Schwierigkeiten, zu lernen, sich zu konzentrieren, vergessen immer wieder die Dinge, und man muss ihnen alles sehr, sehr oft wiederholt erzählen. Sie haben den Tagesablauf noch nicht verinnerlicht. Desweiteren kommen Regulationsstörungen hinzu. Sie können also schlecht einschlafen, schlecht durchschlafen, kommen nicht runter. Ganz kleine Kinder haben Schwierigkeiten beim Essen und Trinken.

Gibt es einen Zusammenhang zwischen der Stärke des Ausbruchs der Krankheit und der konsumierten Alkoholmenge während der Schwangerschaft?

Ja, es gibt eine internationale Studie zwischen Wissenschaftlern in Kalifornien und der Ukraine. Dort wird ganz klar festgestellt, je mehr Alkohol getrunken wird, umso größer sind die Schäden. Andererseits wurde aber auch festgestellt, dass so eine moderate Menge an Alkohol - so immer abends mal ein Bierchen oder den trockenen Sherry, wie in amerikanischen Filmen - auch schon zu Schwierigkeiten bei den Kindern später beim Lernen, sich konzentrieren und Nachdenken, führen kann.

Wie kann man denn den Kindern helfen, die mit dieser Krankheit geboren wurden?

Wichtig ist, dass man die Kinder früh erkennt. Ich habe jetzt mit der Neonatologie, also mit der Neugeborenen-Station im Sankt Georg in Leipzig, eine sehr gute Verbindung, sodass ich manchmal schon die Kinder nach der Geburt relativ früh sehe. Das heißt, wir sollten die Kinder relativ früh erkennen.

Die Behandlung erfolgt so: Als erstes ist wichtig zu akzeptieren, dass das Kind etwas anders ist. Dann kommt eine ganz genaue Untersuchung auf körperliche Symptome, wie zum Beispiel nicht richtig trinken können. Haben sie Herzprobleme? Haben Sie Probleme mit der Motorik? Und eine neuropsychologische Diagnostik dann natürlich in einem etwas größeren Alter - so ab vier bis fünf Jahren - um festzustellen, was den Kindern schwer fällt. Die Kinder sind sehr, sehr schnell überfordert, reizüberflutet, sodass dann oft auch bei den Therapien weniger mehr ist.

Wichtig ist für die Kinder, den Tagesablauf zu erlernen. Damit sie, je nachdem wo die Probleme sind, zum Beispiel in der Motorik aufholen können oder auch bei der Feinmotorik, also die Stifte richtig halten. Hilfreich sind zudem Aufgaben, die auch im täglichen Leben angesiedelt sind, um die Konzentrationsfähigkeit zu verbessern. Ich sage den Eltern: Haushalt ist die beste Übung. Also Wäsche mit aufhängen oder mithelfen beim Kochen oder Backen. Das Wichtigste ist für die Kinder, dass sie Abläufe lernen. Sie haben Schwierigkeiten im Arbeitsgedächtnis. Das heißt, sie haben nicht verinnerlicht, bestimmte Handlungsstränge zu vollziehen. Das muss immer und immer und immer wieder trainiert werden.

Wie kann man alkoholkranken Müttern helfen, damit sie neben dem eigenen Körper nicht auch noch dem ihres Kindes schaden?

Eine Frau trinkt ein Bier
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Ich denke, wir müssen zwei Dinge differenzieren: Es gibt einmal die Frauen, die wirklich alkoholkrank sind. Da ist es sehr schwierig, ihnen zu helfen. Ich habe zum Beispiel bei einem Klinikkonzern gearbeitet, wo Menschen mit Alkoholabhängigkeit behandelt worden sind. Dort haben wir manchmal Schwangere die gesamte Schwangerschaft aufgenommen, sodass der Zugang zu Alkohol geringer war und sie auch andere Dinge lernen konnten.

Aber der größte Anteil der Frauen ist eben nicht alkoholkrank oder suchtkrank, sondern es ist so ein "Social-Drinking". Und das kann man natürlich durch Aufklärung gut verhindern.

Es ist also ein gesellschaftliches Problem?

Genau. Ich habe auch Frauen, die mir erzählt haben "ich habe jeden Tag eine Flasche Wodka getrunken, zum Ende der Schwangerschaft nur eine halbe Flasche Wodka". Die sind mit 2,6 Promille zur Entbindung gekommen. Das sind Frauen, die sich die Kinder wegtrinken wollten, weil sie verzweifelt waren, weil sie Gewalt erlebt haben, selber schon aus einer Suchtfamilie kommen oder seit dem frühen Teenager-Alter, also mit zwölf, 13 Jahren angefangen haben, Alkohol zu trinken. Das sind extrem gefährdete Frauen, die wirklich wieder Opfer werden. Und natürlich wird ihr Kind auch Opfer. Um die muss man sich speziell kümmern und sie früh identifizieren, dass sie dann entsprechende Hilfen bekommt. Aber das sind Ausnahmen, die sicherlich nicht die Regel sind.

Was ich sehr wichtig finde, ist, dass auch die Partner nicht in der Schwangerschaft mittrinken. Das macht auch sehr viel aus. In vielen Kampagnen, die international als Prävention dienen, werden auch natürlich die Väter insofern einbezogen, dass sie ihren Partnerinnen den Rücken stärken und eben nicht Alkohol trinken. Aber es gibt natürlich auch Frauen, die wirklich so verzweifelt sind, in Gewalt leben, wo dann Alkohol das einzige Mittel ist, um Situationen zu überleben. Aber da sind eben auch andere Hilfesysteme noch gefragt.

Das Interview führte Sachsenradio-Moderator Thomas Hehde.

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Quelle: MDR

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 21.02.2020 | 11:38 Uhr