26.03.2020 | 06:00 Uhr Logistikbranche trifft tschechische Pendler-Entscheidung wie ein Schlag

Vor einigen Tagen standen Lkw in einem 60 Kilometer langen Stau an der polnischen Grenze und zeigten unfreiwillig, was die Transportunterbrechung für die Wirtschaft bedeutet. Jetzt drohen neue Schwierigkeiten. Die Entscheidungen Polens und Tschechiens, den Berufspendlerverkehr ab Ende der Woche zu untersagen, trifft das Transportgewerbe hart. Zwei Unternehmer haben wir beispielhaft befragt, wie sie die Situation beurteilen.

Zwei Sattelzüge mit Plane steht beim Entladen mit dem Heck an einer Lagerhalle
Das Transportgewerbe sieht sich zur Zeit mit besonderen Problemen konfrontiert. Bildrechte: Bauer Spedition GmbH

Tino Bauer, der 100 Beschäftigte und 60 Fahrzeuge in seiner Spedition in Callenberg managt, ist als Vorstandsmitglied des Landesverbandes des Sächsischen Verkehrsgewerbes auch mit Politik und Behörden im Gespräch. Er fordert klare Regelungen. "Allein bei mir sind 15 Fahrer aus Tschechien angestellt. Wenn sie am kommenden Montag nicht mehr zur Arbeit nach Deutschland kommen, wird es schwierig für uns. Es gibt keinerlei Rechtssicherheit für diesen Fall."

Ein Sattelzug mit Plane steht beim Entladen mit dem Heck an einer Lagerhalle
Die Spedition Bauer hat 100 Beschäftigte. Bildrechte: Bauer Spedition GmbH

Die Branche sei eigentlich gut aufgestellt und könne diese besondere Situation meistern. "Doch im Moment werden wir täglich mit neuen Informationen überflutet. Wir brauchen aber klare Regelungen, um weiterhin unsere Aufgaben erfüllen zu können." Von der Politik erhofft sich Bauer mehr Unterstützung. "Das Transportgewerbe hat eine Schlüsselfunktion. Das ist bisher zu wenig beachtet worden." Für große Unternehmen und Kleinstunternehmer seien bereits Hilfen in Aussicht gestellt worden. "Das ist auch gut und richtig. Aber für den Mittelstand brauchen wir auch klare Signale." Eine Aussetzung der Lkw-Maut, die befristete Verschärfung der Regelungen für die Kabotage oder die komplette Sperrung ausländischer Speditionen für den Inlandstransport würden dem Transportgewerbe schon Luft verschaffen.

Kabotage Kabotage ist gewerblicher Güterkraftverkehr mit Be- und Entladeort in einem Staat durch einen Unternehmer, der in diesem Staat weder Sitz noch Niederlassung hat.

Bundesamt für Güterverkehr

Bauers Spedition seien in den vergangenen Tagen Aufträge aus der Automobilindustrie weggebrochen, andere Bereiche liefen aber weiterhin gut, weil viele Unternehmen weiter beliefert würden.

Ein Sattelzug mit Plane steht vor einer großen Lagerhalle
Mit 150 Fahrzeugen ist die Spedition Prüstel unterwegs. Bildrechte: PRÜSTEL Spedition GmbH

Ingo Prüstel: Europäische Lösung ist notwendig

Ingo Prüstel, dessen Spedition nur ein paar Kilometer weiter in Callenberg angesiedelt ist, hat ähnliche Sorgen. "Wir haben 150 Lkw und 170 Fahrer. 40 Prozent der Fahrer kommen aus Rumänien." Für die lägen gleich mehrere geschlossene Grenzen zwischen der Heimat und dem Arbeitsort.

Eine Einigung der Verkehrsminister der betroffenen Länder ist dringend nötig.

Ingo Prüstel Transportunternehmer

Aktueller Stand bei den Grenzschließungen Tschechien entschärft die Grenzschließung für Arbeitspendler. Wie das Innenministerium in Prag mitteilte, dürfen Mitarbeiter aus sozialen und medizinischen Berufen weiter ohne Einschränkung über die Grenze. Nach den bisherigen Plänen hätten sich alle Pendler aus Tschechien ab Donnerstag in Deutschland eine Unterkunft suchen oder zu Hause bleiben müssen. Davon sind mehrere Tausend Menschen betroffen.

Ab Sonnabend dürfen auch Berufspendler aus Polen nicht mehr aus- und einreisen. Sachsens Wirtschaftsminister Martin Dulig betonte, Betroffene aus relevanten Berufen des Gesundheitsbereichs, könnten ein sächsisches Hilfsprogramm in Anspruch nehmen.

Nachweis erbringen - aber wie?

Ingo Prüstel hat zur Zeit eine gute Auftragslage. "Die Getränke-Logistik läuft weiter gut, Einbrüche gab es nur bei der Automobil-Logistik. Aber das konnten wir ausgleichen." Zuschüsse für die Logistikunternehmen würden jetzt helfen, um Liquiditätsengpässe zu vermeiden. "Auch ein Erlassen der Maut in dieser Zeit könnte helfen", so Prüstel weiter.

Schwierig sei es auch für die Fahrer. Die Kunden hätten ihre sanitären Einrichtungen für betriebsfremde Personen teilweise geschlossen. "Manche Kunden haben einen schriftlichen Nachweis von uns gefordert, dass die Fahrer keinen Kontakt mit Corona-Verdachtsfällen hatten. Teilweise sollten sie einen Mundschutz tragen." Solche Nachweise seien für ihn als Unternehmer gar nicht möglich.

Gleichzeitig begrüßt Ingo Prüstel die vorübergehende Änderung der Vorschriften für das Verkehrsgewerbe. "Die Lockerung der Lenkzeitregelung und die Aufhebung des Sonntagsfahrverbotes gehen in die richtige Richtung. "Trotzdem ist es kompliziert, eine Rückladung zu bekommen in dieser Situation, um die Fahrzeuge auszulasten."

Grenzkontrollen Tschechien
Tschechien hatte als eines der ersten Länder Grenzkontrollen eingeführt. Bildrechte: xcitePRESS

IHK kritisiert die Entscheidung Tschechiens scharf

Polizisten stehen an einer tschechisch-österreichischen Grenze 1 min
Bildrechte: dpa

Der Hauptgeschäftsführer der Industrie-und Handelskammer Chemnitz, Hans-Joachim Wunderlich, sagte dem MDR, dass die Unternehmen stinksauer seien über die Entscheidung der tschechischen Regierung. "Der europäische Gedanke wird hier offensichtlich mit Füßen getreten. Gerade ein Herr Babiš, der ganz besonders von Europa profitiert hat, sollte Verständnis haben für Grenzregionen. Die Ausfälle bei den Unternehmen sind ziemlich erheblich. Und ich habe keine Ahnung, wie die Unternehmen das überstehen wollen." Bereits am Dienstag hatte der stellvertretende Hauptgeschäftsführer der Chemnitzer IHK, Christoph Neuberg gefordert, dass die Staatsregierung ihre Unterstützung auf alle tschechischen Berufspendler ausweitet."

Situation für Berufskraftfahrer soll sich verbessern

Um den Lkw-Fahrern ein Mindestmaß an Hygiene zu bieten, öffnen in Sachsen die Raststätten wieder für die Versorgung dieser Berufsgruppe. Das kündigte Wirtschaftsminister Martin Dulig am Mittwoch an. Die Rasthöfe sollen Toiletten, Duschen und Mahlzeiten für die Brummifahrer bereitstellen. Diese Regelung habe Dulig mit dem Bundesverkehrsministerium abgesprochen. Tankstellen sind in Sachsen ohnehin geöffnet.

Ob es weitergehende Ausnahmeregelungen für das Transportgewerbe geben wird, um darüber hinaus den Unternehmern und Fahrern zu helfen, ist zur Zeit noch nicht klar.

Quelle: MDR/tfr

Mehr zum Thema

Bildergalerie Hamsterkäufe und Grenzkontrollen - Tschechien lässt keine Deutschen mehr rein

Wegen der Grenzschließung Tschechiens haben sich an den Grenzübergängen lange Schlangen gebildet. Vor allem viele Deutsche nutzen die letzten Stunden, um sich mit Zigaretten, Lebensmitteln und Benzin einzudecken.

Hamsterkäufe an tschechischer Grenze
Am Grenzübergang Bärenstein haben sich lange Autoschlangen gebildet. Bildrechte: Bernd März
Hamsterkäufe an tschechischer Grenze
Am Grenzübergang Bärenstein haben sich lange Autoschlangen gebildet. Bildrechte: Bernd März
Hamsterkäufe an tschechischer Grenze
Grenzübergang Bärenstein: Viele Deutsche wollen sich noch schnell mit Zigaretten und Lebensmitteln eindecken. Bildrechte: Ronny Küttner
Hamsterkäufe an tschechischer Grenze
Auch Benzin ist billiger. Bildrechte: Daniel Unger
Hamsterkäufe an tschechischer Grenze
Am Grenzübergang Johanngeorgenstadt haben die tschechischen Händler voll zu tun. Bildrechte: Daniel Unger
Hamsterkäufe an tschechischer Grenze
Grenzübergang Johanngeorgenstadt: Vor allem Deutsche aus den benachbarten Grenzorten kaufen große Mengen Zigaretten. Bildrechte: Daniel Unger
Hamsterkäufe an tschechischer Grenze
Am Grenzübergang Varnsdorf in der Oberlausitz waren ähnliche Szenen zu sehen. Bildrechte: Lausitznews
Grenzkontrollen Tschechien
A17 bei Petrovice: Seit Anfang der Woche wird hier kontrolliert. Bildrechte: xcitePRESS
Grenzkontrollen Tschechien
Die tschechischen Behörden messen bei Einreisenden Fieber. Etliche wurden bereits in Quarantäne geschickt. Bildrechte: xcitePRESS
Grenzkontrollen Tschechien
Auch Busse werden an der A17 kontrolliert. Bildrechte: xcitePRESS
Grenzkontrollen Tschechien
Im Kampf gegen die Ausbreitung des Coronavirus greift auch Tschechien zu drastischen Maßnahmen. Das Land riegelt sich ab - allerdings mit diversen Ausnahmen. Bildrechte: xcitePRESS
Grenzkontrollen Tschechien
Ab Sonnabend 0 Uhr dürfen Deutsche ohne Sondererlaubnis nicht mehr nach Tschechien einreisen. Bildrechte: xcitePRESS
Alle (11) Bilder anzeigen

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 25.03.2020 | 10:30 Uhr in den Regionalnachrichten aus dem Studio Chemnitz

Zuletzt aktualisiert: 26. März 2020, 06:00 Uhr

Mehr aus Sachsen