21.11.2019 | 15:40 Uhr Medikamentenmangel in Sachsens Apotheken

Sie haben es sicher auch schon erlebt: Immer mehr Arzneimittel sind nicht lieferbar: Blutdrucksenker, Antidepressiva, Schmerzmittel und auch Medikamente, die von Schwerkranken wie z.B. Krebspatienten, dringend gebraucht werden. Viele Patienten sind verunsichert, wenn sie in der Apotheke ein Ersatzmedikament bekommen, deren Form und Verpackung anders aussieht, als sie es bisher gewohnt waren. Göran Donner, Sprecher der Apothekerkammer Sachsen und selbst Apotheker, beantwortet Fragen.

Engpässe hat es bei einzelnen Medikamenten schon immer mal gegeben. Wie groß ist denn das derzeitige Ausmaß? Beängstigend?

Göran Donner: Inzwischen hat das tatsächlich beängstigende Ausmaße erreicht. Während vor Jahren einzelne Wirkstoffe für kurze Zeit gefehlt haben, sprechen wir jetzt von einem breiten Strauß von Arzneistoffen, die nicht lieferbar sind. Das betrifft das gesamte Sortiment. Wir sprechen von Versorgungsproblemen, nicht mehr nur von Lieferproblemen.

Gibt es Zahlen, wie viele Arzneistoffe das betrifft?

Es handelt sich offiziell um reichlich 200 Wirkstoffe, aber die Dunkelziffer ist noch höher. In meiner Apotheke fehlen derzeit 190 Produkte, die ich immer wieder bestelle und nicht bekomme.

Welche Medikamente sind besonders betroffen?

Das geht quer durch die gesamten Indikationen. Das sind Mittel gegen Gicht, Blutdrucksenker, aber auch Mittel gegen Depressionen fehlen, Ibuprofen - es geht quer durch das ganze Sortiment.

Wie gehen Sie als Apotheker damit um?

Von uns wird da stillschweigend ein enormes Maß an kommunikativen Fähigkeiten erwartet. Wir müssen unseren Kunden erklären, warum Medikamente fehlen, was wir alternativ machen könnten. Das sorgt bei den Patienten für Verunsicherung und wir haben einen enormen Aufwand.

Die Situation im Moment ist ein Unding. Das hätte ich mir nie träumen lassen.

Göran Donner, Sprecher der Apothekerkammer Sachsen

Was ist denn die Ursache für dieses Problem?

Verschiedene Tabletten, Schmerztabletten, Tablettensucht
Aus Kostengründen werden Wirkstoffe für Tabletten fast ausschließlich in Asien produziert. Bildrechte: imago images / McPHOTO

Ich sage, es gibt drei Ursachen. Zuerst, es wird kaum noch ein Wirkstoff in Deutschland und in Europa hergestellt. Das hat sich aufgrund des Kostendrucks weitgehend nach Asien verlagert. Wenn dann dort was ist, wenn zum Beispiel Qualitätsprobleme auftreten und eine Fabrik in Indien ausfällt, dann hat man von diesem Wirkstoff plötzlich nichts mehr da.

Dann machen die Lieferverträge, den die Krankenkasse mit einem Hersteller abschließt, nach wie vor Ärger. Und ein Punkt ist der riesengroße Markt. Auch in China, Indien und anderen Völkern gibt es immer mehr Kranke und die brauchen ihre Wirkstoffe, die dort produziert werden auch für sich. Dazu kommt, dass Deutschland kein Hochpreisland mehr für Arzneimittel ist. Wir geben nicht mehr die Benchmarke vor, also den Vergleichs- oder Referenzwert. Es gibt andere Länder, die für Wirkstoffe mehr zahlen und dorthin werden dann die Wirkstoffe lieber verkauft.

Wenn ein Medikament nicht vorrätig ist, bekommt man in der Apotheke oft ein Ersatzmedikament. Wirkt das genauso?

In der Regel ist es so. Wir reden da von Arzneimitteln im Generikamarkt, das sind sogenannte Nachahmerpräparate. Da gibt es eine Menge Hersteller, die diese Produkte vertreiben. Wenn wir austauschen von A auf B, ist in der Regel gewährleistet, dass das Medikament genauso wirkt. Davon kann man ausgehen.

Können Ersatzmedikamente trotzdem unerwünschte Nebenwirkungen hervorrufen?

Die Tablette ist aus Wirkstoff und Hilfsstoffen zusammengesetzt. Und wenn jemand auf einen besonderen Hilfsstoff reagiert, kann das mit dem Ersatzmedikament zu Nebenwirkungen führen, die er bei seinem ursprünglichen Arzneimittel nicht hatte. Dann muss man mit dem Apotheker oder dem Arzt Rücksprache halten und so lange suchen, bis man das Medikament findet, das einem persönlich ohne Nebenwirkungen hilft.

Inwieweit ist die Behandlung von Patienten durch die Lieferengpässe bedroht?

Bei einigen Patienten sind die Auswirkungen dramatisch. Zum Beispiel brauchen Schilddrüsenpatienten spezielle Hormone. Wenn die nicht lieferbar sind, sieht es schlecht aus. Hier muss man bohren und gucken, dass man an etwas herankommt, zum Beispiel von anderen Firmen, ggf. mit Rücksprache zum Arzt. Oder der Arzt muss Alternativen verschreiben. Es kommt zum Teil zu großen Problemen.

Müssen Apotheker jetzt öfter mit den behandelnden Ärzten direkt Kontakt aufnehmen, um für den Patienten eine Lösung zu finden?

Ja, das passiert häufig. Es gibt Medikamente, die dürfen wir als Apotheker nicht austauschen. Da müssen wir mit den Ärzten sprechen. Wenn wir mit einer Wirkstoffgruppe überhaupt nicht mehr weiterkommen, müssen wir uns mit den Ärzten beraten. Die Rücksprachen haben stark zugenommen.

Gibt es Signale der Herstellerfirmen die Wirkstoff-Produktion, wieder nach Europa zu verlagern?

Von den Herstellern haben wir da noch nichts gehört. Wir fordern seit einigen Jahren, dass die Wirkstoffproduktion wieder nach Europa kommt. Es gibt jetzt erste Signale aus der Politik. Es werden Sofortmaßnahmen diskutiert, aber langfristig muss die Wirkstoffproduktion wieder hier her.

Quelle: MDR/in

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 21.11.2019 | 10-13 Uhr