MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | Dienstags direkt | 04.05.2021 | 20:00 - 23:00 Uhr Die (Corona) Sorge um unsere Kinder: Berechtigt oder übertrieben?

Ein Schulkind aus Bayern hat wegen der Corona-Pandemie einen Corona-Schnelltest gemacht. 109 min
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Schulen und Kitas geschlossen, wieder geöffnet, geschlossen, Wechselunterricht – seit über einem Jahr erlebt das Förder- und Bildungswesen - neben vielen anderen Bereichen der Gesellschaft - eine Berg- und Talfahrt. Bedingungen schwanken wöchentlich, manchmal sogar täglich. Die Corona-Pandemie hat unsere Gesellschaft in einen Ausnahmezustand versetzt, der bis heute anhält.

  • Dr. Eva Seeger, Oberärztin Ambulanz Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und –psychotherapie, Uniklinikum Dresden
  • Professor Gerald Hüter, Neurobiologe
  • Klaus Füßer , Rechtsanwalt Leipzig
  • Paul Döring, Lehrer und Vizepräsident Sportlehrerverband Sachsen
  • Im Interview: Dr. Melanie Hühn, Altersforscherin TU Chemnitz

Doch wie wirken sich die Corona-Maßnahmen auf die Kinder und Jugendlichen aus? Kinder und Jugendliche gelten als unsere Zukunft, die Kindheit jedoch als verletzlich und die Pubertät als besondere prägende Phase. Neurobiologie Gerald Hüther warnt vor den Auswirkungen der Pandemie auf die Psyche der Kinder. Besonders gefährlich sei, dass die Eltern ihre Angst auf die Kinder übertragen. Damit würde bei ihnen eine gesunde Bedürfnisentwicklung verhindert. "Die meisten Kinder wollen den Erwartungen von uns Erwachsenen gerecht werden. Dazu sind sie sogar bereit, ihre lebendigen Bedürfnisse zu unterdrücken", erklärte Hüther im Gespräch mit MDR SACHSEN.

Gerald Hüter, Neurobiologe
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Viele richten den Groll, den sie dabei empfinden, dann aber nach Innen, empfinden sich nicht mehr als liebenswert. Im schlimmsten Fall endet das in Zwangsstörungen, in Essstörungen, Depressionen oder Angsterkrankungen.

Werden Kinder zum Spielball der Ängste ihrer Eltern?

Welche Verantwortung haben hier die Eltern? In der Diskussion um die Corona-Maßnahmen und deren Auswirkungen sind in der Gesellschaft teilweise sehr polarisierende Positionen entstanden. Eltern erheben wegen der Maskenpflicht Klage vor dem Gericht, Schnelltests werden als unzumutbar diskutiert.

Kinder mit Schildern - Wir wollen wieder in die Schule gehen.
In der Diskussion um die Corona-Maßnahmen sind polarisierende Diskussionen entstanden. Werden die Kinder zum Spielball? Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Gleichzeitig erklären Kinder, Masken und Schnelltests seien für sie kein Problem, doch sie wollen ihre Freunde sehen. Wichtig sei laut Hüther, dass die Eltern ihren Kind Sicherheit und Geborgenheit vermitteln und versuchen, ihre Angst nicht an sie weiter zu tragen. Damit dies erfolgreich gelänge, sei es jedoch auch wichtig, dass die Eltern nicht von Angst und Unsicherheit erfüllt seien.

Wir haben uns vor einem Jahr als Gesellschaft darauf verständigt, dass das Haus brennt, haben die Feuerwehr geholt, und es ist uns in dieser Corona-Notsituation zunächst nicht aufgefallen, dass die Kinderzimmer dabei alle unter Wasser gesetzt wurden. Aber die Kinder sind doch unsere Zukunft.

Pandemie zeigt Probleme, die es schon lange gibt

Eine Verstärkung von Problemen, die es schon lange gibt, sieht Eva Seeger, Oberärztin in der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und –psychotherapie.  "Wir erleben tagtäglich das Offenlegen lang bekannter Probleme in der Versorgung und im gesellschaftlichen Einbezug von Kindern und Jugendlichen durch die Pandemie", sagte Seeger MDR SACHSEN.

Nur sind nun nicht mehr marginalisierte Gruppen, sondern alle Kinder betroffen.

Eva Seeger Oberärztin Ambulanz Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und –psychotherapie, Uniklinikum Dresden

Dr. Eva Seeger, Oberärztin Ambulanz Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und –psychotherapie, Uniklinikum Dresden.
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Ein Problem, dass sich auch auf die Psyche und das Wohlbefinden der Kinder auswirkt, liegt laut Sportlehrer Paul Döring in der mangelnden Bewegung und dem fehlenden Sport. „Die Corona-Pandemie hat unsere Kinder und Jugendlichen zur Bewegungslosigkeit verdonnert“, erklärt Döring MDR SACHSEN.

Statt Sportunterricht, Training im Verein und einer bewegten Freizeit an der frischen Luft, standen nun Distanzlernen am Schreibtisch, räumliche Enge und fehlende soziale Interaktion auf dem Stundenplan – das geht an keinem spurlos vorbei.

Paul Döring Sportlehrer und Vizepräsidenz im sächsischen Sportlehrerverband

Paul Döring, Sportlehrer und Vizepräsidenz im sächsischen Sportlehrerverband
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Was sagt das Gesetz?

Doch welche Rechte haben Kinder eigentlich? Sind sie den Entscheidungen der Erwachsenen ausgeliefert? Wie ist der Schutz der Jugend und der Alten im Gesetz verankert? Für den Leipziger Rechtsanwalt Klaus Füßer ist die Situation ganz klar. "Vorrangig sollten immer die Interessen unserer Kinder an einer für möglichst alle guten und kontinuierlichen Förderung in Erziehung und Beschulung sein. Erst dahinter kommt das Interesse der Erwachsenen an einem möglichst langen und erfüllten Leben, mit maximaler medizinischer Versorgung für alle“, erklärte er im Gespräch mit MDR SACHSEN.

Es sei ein Wink mit dem Zaunpfahl, dass das Bundesverfassungsgericht beim Urteil zum Klimaschutz jüngst die Pflicht zum wirksamen Schutz der legitimen Interessen der nachkommenden Generationen betont. "Hier ist im Corona-Tunnel-Blick der Politiker der maßgeblichen Parteien sowie eines erheblichen Teils der Bevölkerung eine Schieflage entstanden, die es jetzt schnell zu korrigieren gilt", sagte Füßer.

Klaus Füßer, Rechtsanwalt Leipzig
Klaus Füßer, Rechtsanwalt Leipzig Bildrechte: Klaus Füßer

Altersforscherin: Die Alten werden zum Sündenbock

Für die Altersforscherin Melanie Hühn von der TU Chemnitz ist die Bewertung als Konkurrenz der Jungen und Alten nicht so einfach und eindeutig. Sie warnt vor einer starken Altersdiskriminierung.

Das ist das große Dilemma dieser Krise: Die Kinder sind unsere Zukunft, die Alten sind unser Gedächtnis. Eine funktionierende Gesellschaft kann weder auf Kinder, noch auf Alte verzichten.

Das Dilemma der "aufgeschobenen" Zukunft der Kinder sei für viele schwer ertragbar. "Deshalb werden die Alten als Sündenböcke herangezogen. Im Alltags- und medialen Diskurs findet im Moment eine starke Altersdiskriminierung statt." Umso größer die Sorge um die Kinder sei, umso weniger Solidarität gebe es mit den Alten, prognostiziert die Forscherin, die aktuell mit ihrer Kollegin Miriam Schreiter zu den Veränderungen der Altersbilder während der Pandemie forscht.

Melanie Hühn
Bildrechte: Melanie Hühn

Forscherin Hühn verweist auf die immer jüngeren Patienten auf Intensivstationen. Man müsse vor dem Hintergrund der dritten Welle auch sehen – und das werde von vielen nicht erkannt oder ignoriert, dass die Intensiv- und Coronastationen nicht mehr mit den Großeltern, sondern mit den Eltern gefüllt seien. "Was nützt es einem Kind, in persona in die Schule gehen zu dürfen, aber keine Eltern mehr zu haben?"

Diskussion bei Dienstags direkt, 4. Mai ab 20 Uhr

Wie wirkt sich die Pandemie mit ihren Maßnahmen auf die Kinder aus? Können Kinder und Jugendliche Bildungslücken wirklich nicht mehr aufholen? Leiden sie an Isolation? Werden Kinder und Jugendliche zum Spielball politischer Interessen? Darüber sprechen wir bei Dienstags direkt - hier im Livestream.

Moderation: Sina Peschke
Redaktionelle Mitarbeit: Katrin Tominski
Redaktionsleitung: Ines Meinhardt