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Die Armut in Deutschland steigt. Vor allem Kinder, Alleinerziehende und Senioren, doch auch immer mehr Erwerbstätige und Selbstständige haben wenig Geld zum Leben. Bildrechte: IMAGO

Dienstags direkt | 05.07.2022 | 20 - 23 UhrTabu, Stigma, Selbstzweifel. Über Ungleichheit und Armut in Deutschland

Stand: 05. Juli 2022, 22:59 Uhr

Alle lieben Erfolgsgeschichten, doch tausende Menschen in Deutschland sind von Armut betroffen. Die Sozialkaufhäuser sind leer, die Tafeln werden überrannt und die Inflation frisst die Sozialleistungen auf. Ein Phänomen, was in Deutschland immer größer wird und längst auch viele Erwerbstätige und Selbstständige betrifft, ist unser Thema bei "Dienstags direkt".

Gäste:

  • Dr. Ulrich Schneider, Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Gesamtverbandes
  • Anni W., alleinerziehende Mutter zweier Kinder, Begründerin des Hashtags #IchbinArmutsbetroffen
  • Professor Christoph Butterwegge, Politikwissenschafter mit Schwerpunkt soziale Ungleichheit
  • Olivier David, Journalist und Autor des Buches "Keine Aufstiegsgeschichte. Warum Armut psychisch krank macht"

Interviews:

  • Stefan Bach, Steuerforscher Deutsches Institut für Wirtschaft
  • Karltheodor Huttner, Vorstand der Tafeln in Sachsen
  • Martin Seidel, Leiter des Sächsischen Umschulungs- und Fortbildungswerks Dresden e. V., das ein Sozialkaufhaus und einen sozialen Möbeldienst betreut.

Das Lieblingslokal ausgebucht, der Urlaubsflug abgesagt und die neue Couch nicht lieferbar - diese Probleme dürften für Millionen von Menschen Deutschland nach einer fremden Welt klingen. Denn sie können sich den Restaurantbesuch, den Flug oder eine neue Wohnungseinrichtung schlicht nicht leisten. Wie der aktuelle Armutsbericht feststellt, ist die Armutsquote im Jahr 2021 auf einen Höchststand von 16,6 Prozent angewachsen. Demnach gilt jeder sechste Bundesbürger als arm. Betroffen sind vor allem Kinder, Alleinerziehende und Senioren, doch zunehmend auch immer mehr Erwerbstätige. Als arm wird bezeichnet, wer weniger als 60 Prozent des durchschnittlichen gesellschaftlichen Einkommens zur Verfügung hat.

Der vom Paritätischen Wohlfahrtsverband ermittelte Wert, den die amtliche Statistik als Armutsgefährdungsschwelle bezeichnet, lag 2021 für Singles bei 1.148 Euro, für Alleinerziehende mit einem kleinen Kind bei 1.492 Euro und für einen Paarhaushalt mit zwei kleinen Kindern bei 2.410 Euro.

Steigende Armut als sozialer Brennstoff

"Nie hatten wir seit der Vereinigung mehr Armut, nie war Deutschland gespaltener. Es gibt kein Erkenntnisproblem, es mangelt an entschlossenem politischen Handeln, um Armut abzuschaffen", erklärt Ulrich Schneider, Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Gesamtverbandes MDR SACHSEN. Grundsicherung, Wohngeld und BAföG seien die wirksamsten und nachhaltigsten Hebel, um schnell eine Entlastung unterer Einkommen zu erreichen. "Wir haben keine Zeit zu verlieren. Denn die Zeit spielt gegen uns, gegen die Armen und gegen den Zusammenhalt dieser Gesellschaft."

Ulrich Schneider, Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Gesamtverbandes schlägt Alarm. Die Gesellschaft drohe am unteren Rand auseinanderzubrechen. Bildrechte: dpa

Nie hatten wir seit der Vereinigung mehr Armut, nie war Deutschland gespaltener. Es gibt kein Erkenntnisproblem, es mangelt an entschlossenem politischen Handeln, um Armut abzuschaffen.

Dr. Ulrich Schneider | Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Gesamtverbandes

G7-Staaten berieten zu Armut und Ungleichheit

Mit dieser Einschätzung ist der Paritätische Wohlfahrtsverband nicht allein. Auch die Regierungschefs der G7-Staaten wissen, wie explosiv Armut als sozialer Brennstoff ist. Deswegen haben sie sich in ihrer Erklärung über resiliente - also widerstandsfähige Demokratien - dafür ausgesprochen, Hungersnöte zu verhindern, die Ernährungssicherheit zu verbessern sowie soziale Ungleichheiten und Ausgrenzungen zu bekämpfen, "die sich während der Pandemie verschärft haben". Armut und Ungleichheit sind also längst keine "Sozi"-Themen mehr, die ein Minderheiten-Phänomen beschreiben. Armut und Ungleichheit sind in die Mitte der Gesellschaft vorgerückt.

Deutschland auf Platz 5 der weltweiten Ungleichheit

Auch Ökonomen beschäftigen sich mit dieser Entwicklung. Nach Berechnungen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung besitzen in Deutschland zehn Prozent der reichsten Bundesbürger 60 Prozent des gesamten Vermögens. Damit schiebt sich Deutschland auf Platz 5 der weltweiten Ungleichheitsskala und liegt damit weit über dem Durchschnitt. In dieser Kategorie betrachtet sind Ungarn (48 Prozent), Belgien (42 Prozent) und die Slowakische Republik (34 Prozent) fast Musterländer der sozialen Gerechtigkeit, auch wenn der durchschnittliche Wohlstand hier zum Teil geringer ist.

Wie viel Verantwortung trägt jeder für seine Situation?

In der gesellschaftlichen Diskussion wird immer wieder an die eigene Verantwortung appelliert. Man müsse sich nur richtig anstrengen, dann würde man auch nicht mehr arm sein. Viele Hartz-IV-Empfänger wollten nicht arbeiten und lebten auf Kosten des Staates, so der gängige Vorwurf. Wie viel Selbstverantwortung trägt eigentlich jeder für seine Situation? Sind manche einfach nur bequem oder nicht fähig? Was steht hinter dem Stigma Hartz-IV-Empfänger? Ist ein Aufstieg möglich?

Wie fühlt sich Armut an?

Wie fühlt es sich an, arm zu sein? Als Kind, wenn es kein Eis gibt, geschweige denn die Hose, die man sich schon lange gewünscht hat? Wie fühlt es sich an, wenn die Mutter im Stillen ihr Geld zählt, bevor es in das Freibad geht? Was ist All-inclusive-Urlaub, von dem viele erzählen?

Oder umgekehrt, wie fühlt es sich für Eltern an, wenn jeder Cent umgedreht werden muss, es nicht für eine Melone im Supermarkt reicht? Wenn die Kinder in Schule und Kindergarten erzählen "was die anderen alles haben"? Wie fühlt es sich an, wenn man als arm, Unterschicht oder "proletarisch" ausgegrenzt wird?

Tabu und Stigma überwinden: #IchbinArmutsbetroffen

Am 17. Mai 2022 schreibt Anni W. auf Twitter: "Hi, ich bin Anni, 39 und habe die Schnauze voll! Ich lebe von Hartz IV und es reicht ganz einfach nicht! Nein, ich kann keine weiteren Kosten senken. Nein, ich kann nicht auf das spritsparende Auto verzichten. Nein, ich gebe kein Geld "unnütz" aus. Ich versuche nur, uns einigermaßen gesund und ausgewogen zu ernähren und meinem Kind den Anschein von Normalität zu bewahren."

Mit diesem Satz und unter dem Hashtag #IchbinArmutsbetroffen löste die alleinerziehende Mutter zweier Kinder eine große Bewegung im Netz aus. Tausende von Armut Betroffene meldeten sich und erzählten ihre Geschichte. Heute gibt es Initiativen und Flashmobs in ganz Deutschland und Anni wird oft eingeladen. "Ich möchte, dass von Armut Betroffene gesehen werden, als das, was sie sind und nicht nur als ominöse Zahlen", erklärt Anni MDR SACHSEN.

Ich möchte, dass von Armut Betroffene gesehen werden, als das, was sie sind und nicht nur als ominöse Zahlen.

Anni W. | Alleinerziehende Mutter und Begründerin des Hastags #Ichbinarmutsbetroffen

Ungleichheit: Armut nicht ohne Reichtum zu verstehen

Doch Armut ist nicht ohne Reichtum zu verstehen. Sie ist an Ungleichheit gekoppelt, mit der Armut wächst der Reichtum. "Durch eine Steuerpolitik, die Wohlhabende, Reiche und Hyperreiche stärker belastet, sollte eine Umverteilung von oben nach unten verwirklicht werden", erklärt Christoph Butterwegge, Politikwissenschaftler und Experte für soziale Ungleichheit, MDR SACHSEN. Armut müsse bekämpft und Reichtum begrenzt werden. "Wer die Armut bekämpfen will, muss den Reichtum antasten."

Reiche müssten heute im Gegensatz zu früher nur noch geringe Steuern bezahlen, das sei auch ein Grund für die Finanzierungsprobleme des Staates. "Das ist nicht immer so gewesen. Allein wenn wir heute die Steuern der Ära Helmut Kohl hätten, würde der Staat etwa 100 Milliarden Euro mehr im Jahr einnehmen", erklärte Butterwegge.

Politikwissenschaftler Christoph Butterwegge hat im Frühjahr das Buch "Die polarisierende Pandemie. Deutschland nach Corona" veröffentlicht. Bildrechte: imago/epd

Durch eine Steuerpolitik, die Wohlhabende, Reiche und Superreiche stärker belastet, sollte eine Umverteilung von oben nach unten verwirklicht werden.

Professor Christoph Butterwegge | Politikwissenschafter mit Schwerpunkt soziale Ungleichheit

Lassen sich Armut und Selbstzweifel überwinden?

Doch lässt sich Armut mit all' seinen Folgen überwinden? Ist es möglich aufzusteigen, ohne Geld und ohne Kontakte - und ohne die sozialen Codes der Erfolgreichen? Wie prägt die Bildsprache der Armut das Leben? Olivier David ist in Armut aufgewachsen und arbeitet heute als Journalist. "Während für die Bundeswehr 100 Milliarden Sondervermögen bereitgestellt wird, leben in Deutschland mittlerweile 13,8 Millionen Menschen in Armut", erklärt er MDR SACHSEN. "#IchbinArmutsbetroffen zeigt die Auswirkungen dieser Politik der Verelendung auf. Nie war die Ungleichheit größer, nie war es nötiger als jetzt, eine breite Front gegen die Politik der Reichen zu bilden."

Olivier David hat das Buch "Keine Aufstiegsgeschichte. Warum Armut psychisch krank macht" geschrieben. Bildrechte: Oliver David

Während für die Bundeswehr 100 Milliarden Sondervermögen bereitgestellt wird, leben in Deutschland mittlerweile 13,8 Millionen Menschen in Armut, Nie war die Ungleichheit größer, nie war es nötiger als jetzt, eine breite Front gegen die Politik der Reichen zu bilden.

Olivier David | Journalist und Autor

Die Erfahrungen seiner Armut sind nicht spurlos an David vorbeigegangen. Er hat sie jetzt aufgeschrieben. Sein Buch heißt: "Keine Aufstiegsgeschichte. Warum Armut psychisch krank macht."

Tabu, Stigma und jetzt Inflation – über Ungleichheit und Armut in Deutschland sprechen wir bei Dienstags direkt.

Moderation: Jan Kummer
Redaktionsmitarbeit: Katrin Tominski
Redaktionsleitung: Ines Meinhardt

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Dieses Thema im Programm:MDR SACHSEN | Dienstags direkt | 05. Juli 2022 | 20:00 Uhr