MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | Dienstags direkt | 27.10.2020 | 20 bis 23 Uhr Die aufgeheizte Gesellschaft: Wozu führen Hass und Hetze im Netz?

Fast jeden Tag fegt heute ein Shitstorm durchs Netz. Hass und Hetze scheinen an der Tagesordnung. Ist dies Teil einer demokratischen Auseinandersetzung oder das Ende einer guten Debattenkultur? Darüber sprechen wir bei Dienstags direkt.

Gestellte Aufnahme zum Thema Hasskommentare in Sozialen Netzwerken 123 min
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Der Begriff "Shitstorm" war noch nicht lange im Sprachgebrauch, bis er im Jahr 2011 zum "Anglizismus des Jahres 2011" wurde. Seit 2013 hat auch der Duden das Wort aufgenommen. Dort steht er heute ausschließlich für ein Internetphänomen: einen Sturm der Entrüstung, der nicht selten mit Beleidigungen und unsachlichen Bemerkungen einhergeht.  Fast jeden Tag "fegt" ein solcher Shitstorm durchs Netz. Hass und Hetze scheinen an der Tagesordnung. In sozialen Medien heizen sich Menschen gegenseitig auf, steigern sich in Meinungen hinein, lassen andere Meinungen nicht mehr gelten und radikalisieren sich sogar. Andersdenkende werden beschimpft, beleidigt und  bedroht.

Sind die heftigen Auseinandersetzungen Teil einer demokratischen Auseinandersetzung im Netz oder markieren Sie eher das Ende einer guten Debattenkultur? Welche Folgen haben Hass und Hetze für die Gesellschaft und die Demokratie? Was müssen wir aushalten – müssen wir das überhaupt? Gibt es Grenzen. Falls ja, wer soll sie ziehen und über deren Einhaltung wachen? Was kann der Einzelne tun? Darüber sprechen wir bei Dienstags direkt mit.

Katja Meier, Justiz- und Demokratieministerin Sachsen
Wolfgang Kubicki , FDP-Bundestagsabgeordneter, Autor des "Meinungs(un)freiheit"
Lars Weber, Berater Onlinekommunikation
Gregor Landwehr, Mitautor "Die gehetzte Republik"

Soziale Medien galten einst als große Hoffnung für eine demokratische Kommunikationskultur. Alle Menschen haben eine Chance auf Öffentlichkeit, unabhängig von Verlagen, Chefredakteuren und auch Geld. Damit könne die Gesellschaft gleichberechtigter und die Welt gerechter werden, war und ist auch heute noch die Vision vieler Netzaktivisten. Andererseits gehören Hass und Hetze zur Tagesordnung im Netz. Hier treffen sich nicht nur Engagierte zum anständigen Austausch. Im Netz treffen sich Radikale, Kriminelle – oder auch ganz normale Menschen, die sich auf einmal im Ton vergreifen.

Computertaste mit der Aufschrift Hass und Radiergummi
Bildrechte: imago/Christian Ohde

Schon lange wird über eine Verrohung  der Sprache und der Kommunikationskultur diskutiert, doch trotz aller Reflektion ändert sich scheinbar wenig. Welche Rolle spielen soziale Medien bei der dieser Entwicklung? Fungieren sie weiter unaufhaltsam als Verstärker und Polarisationsfilter – oder lässt sich diese Entwicklung aufhalten? Um gegen Hass und Hetze vorzugehen haben sächsische Behörden mit öffentlich-rechtlichen und auch privaten Medien eine Kooperation gestartet. Kann das ausreichen? Hätte das nicht schon viel früher passieren müssen?

Viele Menschen ahnen nicht, dass unter der Oberfläche des WorldWideWeb ein erbitterter Kampf um Reichweite tobt, der mit gefälschten Webseiten und  Psyeudo-Accounts von Social-Media-Kanälen geführt wird. Social Bots, kleine Computerprogramme, heizen die Stimmung oft noch zusätzlich an, weil sie vorgeben, dass eine bestimmte Meinung vorherrscht. Was passiert bei den Diskussionen im Netz eigentlich wirklich? Geht es wirklich nur um Meinungsfreiheit, oder auch darum wer sich am besten auskennt und das meiste Geld für Online-Kampagnen zahlen kann?

Computertaste mit der Aufschrift Hate Speech
Bildrechte: IMAGO

Schon lange diskutieren Experten und Aktivisten darüber, ob der Begriff "Soziale Medien" überhaupt gerechtfertigt ist. Gleichzeitig gibt es Kritik daran, dass Facebook und Google so mächtig geworden sind und deren Algorithmen sogar die Ergebnisse von Wahlen beeinflussen können. Welche Auswirkungen haben soziale Medien bei der politischen Meinungs-und Willensbildung? Ist vielleicht sogar die Demokratie in Gefahr?

Katja Meier, Justiz- und Demokratieministerin Sachsen

Katja Meier, Staatsministerin der Justiz und fuer Demokratie, Europa und Gleichstellung von Sachsen, spricht zu den Medien im Rahmen der Sitzung des Bundesrates in Berlin.
Bildrechte: imago images/photothek

"Hass und Hetze gefährden unseren demokratischen Diskurs und unser gesellschaftliches Klima. Sie sind der Nährboden für Gewalt. Wenn das Netz zum Tatort von Hasskriminalität wird, dürfen wir nicht wegsehen. Löschen allein reicht nicht. Hasskriminalität muss verfolgt und geahndet werden. Damit wollen wir den offenen Dialog im Netz fördern – und zwar auch derjenigen, die bereits aus Furcht vor Gewaltandrohungen verstummt sind."

Wolfgang Kubicki, FDP-Bundestagsabgeordneter, Autor des "Meinungs(un)freiheit"

Wolfgang Kubicki , FDP-Bundestagsabgeordneter, Autor des "Meinungs(un)freiheit".
Bildrechte: Wolfgang Kubicki

"Ich kann mich an keine Phase der Bundesrepublik erinnern, in der es um die Meinungsfreiheit so schlecht bestellt war - nicht, weil man nicht alles sagen dürfte, sondern weil die Offenheit und die Vorurteilsfreiheit für andere Meinungen noch nie so schwach ausgeprägt waren."

Gregor Landwehr, Mitautor "Die gehetzte Republik"

Gregor Landwehr, Mitautor  - Die gehetzte Republik
Bildrechte: Gregor Landwehr

"Mini-Shitstorms wabern täglich durch die Sozialen Netzwerke und vergiften damit unsere Debattenkultur. Denn hier geht es nicht um den Austausch von Argumenten, sondern um die schnelle Empörung. Diese Shitstorms passieren nicht zufällig, sondern sind gesteuert. Die Firmen, die die Plattformen für solche Shitstorm bieten, schauen zu und handeln nicht. Ihre Mechanismen begünstigen sogar solche Entwicklungen, anstatt sie einzudämmen."

Lars Weber , Stratege Onlinekommunikation

Lars Weber , Stratege Onlinekommunikation
Bildrechte: Lars Weber

Wenn in einer Parallelgesellschaft, wie der Virtuellen, plötzlich jeder zum Richter werden kann und über andere, völlig unreflektiert und jede rechtliche Grundlage, urteilen darf oder denkt es tun zu dürfen, dann sind für einen Shitstorm Tür und Tor offen. Denn er trifft damit den Zahn der Zeit, wo nahezu jeder das Bedürfnis verspürt über andere Macht auszuüben oder Aufmerksamkeit zu bekommen oder einfach nur Teil einer sich immer größer werdenden Lawine anzuschließen, die den höchst möglichen Schaden anrichtet. Die Gründe dafür sind recht vielfältig. Waren es anfangs vielleicht kleinere Überreaktionen, Unbedarftheit oder Versehen, sind es heute echte Waffen in einem virtuellen Krieg. Und die Munition dieser Waffen ist Manipulation und das Ausnutzen analysierter Schwächen.

Im Interview

Ursula-Marlen Kruse, Landesvorsitzende Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft Sachsen

Moderation: Jan Kummer
Redaktion: Katrin Tominski
Redaktionsleitung: Ines Meinhardt