MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | Dienstags direkt | 08.09.2020 | 20:00 - 23:00 Uhr China: Bedrohung oder Bereicherung - wie nah ist uns das ferne Land?

Der kartenmäßige Umriss Chinas unter einer Lupe. Die Fläche ist mit den Farben der chinesichen Flagge gefüllt. 135 min
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Woran denken Sie zuerst, wenn Sie das Wort "China" hören? An die Herkunftsbezeichnung "Made in China", die auf vielen unserer Alltagsgegenständen steht? An die Faszination einer jahrtausendealten Kultur? An die riesigen industriegeprägten Städte inklusive Smog-Glocke? Oder an die Traditionelle Chinesische Medizin, die mit dem Wechselspiel der beiden Lebenspole Yin und Yang arbeitet? Unbestritten ist: das einst als "rückständig" bezeichnete Land arbeitet mit Hochgeschwindigkeit an seiner Zukunft. China steht für zahlreiche Superlative und hat längst den Anspruch als Weltmacht formuliert. Doch die Meinungen über diesen Staat gehen weit auseinander.

Chinas Einfluss wächst auf allen Ebenen

"Das ist so ungefähr so spannend, wie wenn in China ein Sack Reis umfällt…" - wenn das jemand sagt, dann will man damit ausdrücken, wie bedeutungslos ein Ereignis ist. Ein umgefallener Reis-Sack wird wohl auch in Zukunft kein Aufsehen erregen, aber sonst wird im Ausland sehr genau beobachtet, was sich in Chinas Wirtschaft tut. Und das sollte man auch, sagen Kenner der Volksrepublik und ihrer Machthaber. In wirtschaftlicher Hinsicht hat sich das Land längst zu einem wichtigen Handelspartner entwickelt - auch für Sachsen.

In einem Hafen werden Container verladen.
China hat die größten Häfen der Welt. Hier werden Container mit Exportwaren von LKWs auf Schiffe verladen. Bildrechte: dpa



Dem Statistischen Landesamt zufolge ist im vergangenen Jahr die Ausfuhr sächsischer Erzeugnisse nach China auf mehr als sieben Milliarden Euro gestiegen. Damit liegt die Volksrepublik bei den Exporten weiter auf Platz 1. Nach Tschechien, den USA und Polen war China zudem im vergangenen Jahr der viertgrößte Lieferant von Waren in den Freistaat. Vor allem Elektronik kommt aus dem Reich der Mitte nach Sachsen, während von hier in erster Linie Autos und Erzeugnisse aus dem Maschinenbau geliefert werden. Eine sehr enge Zusammenarbeit birgt aber auch die Gefahr einer Abhängigkeit. Zudem reicht der Einfluss der Kommunistischen Partei Chinas mitunter bis an den Verhandlungstisch.

Bei Verhandlungen in China saß stets ein Vertreter der KPch* mit im Raum. Zwar hat man keine direkte Einflussnahme gespürt, aber ich habe meinen Leuten immer gesagt, dort werden die eigentlichen Entscheidungen getroffen.

Eberhard Bredel | ehemaliger Entwicklungschef bei Nabtesco ITG in Zschopau

"Neue Seidenstraße" - nur eine moderne Handelsroute?

Thomas Reichert
Der Journalist Thomas Reichart kennt China gut. Er war fünf Jahre lang Studioleiter in Peking. Bildrechte: ZDF/Thomas Reichert

Der Einfluss der Volksrepublik reicht inzwischen weit über die Grenzen des Landes hinaus. Vor allem mit dem Megaprojekt der "Neuen Seidenstraße" entsteht in zahlreichen Partner-Ländern eine finanzielle Abhängigkeit. Mehr als 60 Staaten haben sich der Initiative bereits angeschlossen oder beabsichtigen, es zu tun. Es geht in erster Linie um Infrastrukturprojekte auf dem Weg von China nach Mitteleuropa. Der TV-Journalist Thomas Reichart ist der geplanten Route für eine Dokumentation gefolgt und hat Menschen getroffen, die darauf hoffen, dass diese Handelsroute ihnen Arbeit und Wohlstand bringt. Andere spüren bereits negative Auswirkungen durch steigende Preise und Mieten.

Der Arm von Chinas Diktatur reicht inzwischen bis zu uns. Es ist ein schleichendes Einflussnehmen. Das Problem daran ist, dass wir das vielfach noch gar nicht bemerkt haben. Es ist deshalb wichtig für uns in Europa, zu verstehen, wie diese chinesische Diktatur funktioniert, und welche Folgen die allgegenwärtige Überwachung für das Land hat. Denn am Ende betrifft es auch uns.

Thomas Reichart | TV-Journalist und Autor des Buches "Das Feuer des Drachen"

Chinesische Lebensart - Begegnungen in Sachsen

Bei aller Modernität und der rasanten Umgestaltung zu einer digitalen Arbeits- und Lebenswelt, ist es vor allem die jahrtausendealte Kultur, die uns Europäer fasziniert. Zahlreiche bahnbrechende Erfindungen kamen aus dem alten China in die Welt: das Papier, der Buchdruck oder das Schwarzpulver. Auch die Kunst Tee in einer stundenlangen Zeremonie zuzubereiten und zu genießen haben die Chinesen kultiviert und dann in Länder wie Japan exportiert, sagt Hongfeng Yang vom Verein Chinesisch-Deutsches Zentrum in Dresden.

Bilder Bis heute beliebt - die chinesische Teezeremonie

Hongfeng Yang und Sachsenradio-Moderator Thomas Lopau bei einer Teezeremonie
Thomas Lopau moderiert die Sachsenradio-Sendung "Dienstags direkt" zum Thema "China - Bereicherung oder Bedrohung". Im Vorfeld hat er sich mit Hongfeng Yang zu einer traditionellen Teezeremonie getroffen. Bildrechte: MDR/Thomas Lopau
Hongfeng Yang und Sachsenradio-Moderator Thomas Lopau bei einer Teezeremonie
Thomas Lopau moderiert die Sachsenradio-Sendung "Dienstags direkt" zum Thema "China - Bereicherung oder Bedrohung". Im Vorfeld hat er sich mit Hongfeng Yang zu einer traditionellen Teezeremonie getroffen. Bildrechte: MDR/Thomas Lopau
Teetassen einer chinesischen Teezeremonie
Die Kunst Tee in einer stundenlangen Zeremonie zuzubereiten und zu genießen haben die Chinesen kultiviert und dann in Länder wie Japan exportiert, sagt Hongfeng Yang. Bildrechte: MDR/Thomas Lopau
Hongfeng Yang
Hongfeng Yang kommt aus China und lebt seit 20 Jahren in Sachsen. Sie arbeitet beim Verein Chinesisch-Deutsches Zentrum (CDZ) in Dresden. Bildrechte: MDR/Thomas Lopau
Teemeister Andreas Opfermann bei einer Teezeremonie
Andreas Opfermann ist Teemeister und arbeitet beim Verein Deutsch-Chinesisches Zentrum Dresden Bildrechte: Thomas Lopau
Chinesische Touristen
Den Verein Chinesisch-Deutsches Zentrum gibt es seit 2003. Sein Ziel ist es, die traditionelle chinesische Kultur mit den Werten Ehrlichkeit, Mitgefühl und Toleranz zu pflegen und in Sachsen bekanntzumachen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
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Den Verein gibt es seit 2003. Er will die traditionelle chinesische Kultur mit den Werten Ehrlichkeit, Mitgefühl und Toleranz pflegen und in Sachsen bekannt machen. Das sei aber ausdrücklich keine Einbahnstraße meint die Chinesin, die seit mehr als 20 Jahren in Sachsen lebt. Man wolle auch den Chinesen, die hier leben, die Grundlagen der Demokratie wie Freiheit und Gerechtigkeit nahe bringen. Das sei für viele, die sich gezwungen sehen, die Volksrepublik zu verlassen, nicht leicht. Sie selbst wagt es nicht, ihre Heimat zu besuchen, weil sie dort Repressalien fürchtet.

Es gibt viele Menschen wie mich, die außerhalb Chinas versuchen die traditionelle chinesische Kultur zu pflegen und zu bewahren. Die Werte und Rituale die uns wichtig sind, haben in der von der KP regierten Volksrepublik aktuell keinen Platz. Wir bereiten uns darauf vor, eines Tages unsere Kultur in das Land zurückzutragen.

Hongfeng Yang | Verein CDZ in Dresden

Perfekte Überwachung - auch eine Bedrohung für westliche Demokratien?

Demonstranten rufen bei Protesten auf der Straߟe Slogans.
Immer wieder gibt es in Hongkong Demonstrationen. Protestiert wird u.a. gegen die Einschränkungen der Demokratie. Bildrechte: dpa

Eigentlich sollte Mitte September der EU-China-Gipfel in Leipzig stattfinden. Alles war vorbereitet. Auch wir hatten uns China aus Anlass dieses Ereignisses als Thema gesetzt. Infolge der Corona-Pandemie wurde das Spitzentreffen auf unbestimmte Zeit verschoben. Gut möglich, dass neben wirtschaftlichen Themen auch die Situation in Hongkong dort thematisiert worden wäre.

Für Chinesen, die im Exil leben, sind die Berichte und Bilder aus Hongkong schwer zu ertragen, sagt Hongfeng Yang. Mit Hongkong falle eine letzte Bastion der Demokratie im Umfeld Festlandchinas. Für die Sinologin Mareike Ohlberg, die sich auf Chinas Propagandapolitik spezialisiert hat, ist die vorzeitige Machtübernahme durch die chinesische Regierung in Hongkong nicht mehr aufzuhalten. Sie hofft, dass die internationale Politik deutlicher Einfluss nimmt, um eine ähnliche Entwicklung in Taiwan zu verhindern. Das werde aber zunehmend schwierig, wie Ohlberg in dem gemeinsam mit dem australischen Philosophie- und Ethikprofessor Clive Hamilton im Buch "Die lautlose Eroberung" beschreibt.

Der chinesische Staat erkaufe sich überall auf der Welt die Freundschaft von Entscheidern in Politik, Kultur und Wirtschaft. Das Spektrum reiche von zugestandenen Privilegien bis hin zu geheimdienstlichen Aktivitäten. Gefährlich sei auch die zunehmend perfektere Überwachung des eigenen Volkes durch die Möglichkeiten der Digitalisierung. Sollte sich das zu einem Exportschlager entwickeln, seien auch westliche Demokratien bedroht, warnt Ohlberg.

Unsere Gesprächspartner:

Prof. Dr. Kristina Spohr | Historikerin, London School of Economics and Political Science

Aino Rosa Kristina Spohr
Bildrechte: Muir Vidler

Seit dem Tiananmen Massaker 1989 sehen wir Chinas zielstrebige Anwendung seiner demografischen und wirtschaftlichen Stärke, um das Reich der Mitte bis 2050 zur globalen Supermacht zu machen.

Thomas Reichart | ZDF-Fernsehjournalist, war fünf Jahre lang Studioleiter in Peking

Thomas Reichert
Bildrechte: ZDF/Thomas Reichart

Wir müssen in Deutschland unsere Naivität ablegen. Die Zeit, da wir glaubten, mit China reich werden zu können, ist vorbei. Die neue Weltmacht bedroht die Grundlagen unserer freien Gesellschaft.

Hongfeng Yang | Dolmetscherin und Reiseleiterin, Vorsitzende vom Chinesisch-Deutschen Zentrum e.V. Dresden

Hongfeng Yang
Bildrechte: MDR/Thomas Lopau

Die traditionelle chinesische Kultur mit ihren Prinzipien Ehrlichkeit, Mitgefühl und Toleranz liegt mir am Herzen. Deshalb versuche ich sie in möglichst jeden Aspekt meines Lebens zu integrieren.

Eberhard Bredel | Diplom Physiker, ehemaliger Entwicklungsleiter Nabtesco ITG

Eberhard Brendel
Bildrechte: MDR/Eberhard Brendel

Im Umgang mit chinesischen Geschäftspartnern galt und gilt für mich das Prinzip: die Chancen nutzen und weiter auszubauen. Dabei die Risiken im Auge behalten.

Redaktion: Thomas Lopau
Leitung: Ines Meinhardt

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*KPch (Kommunistische Partei Chinas)

Quelle: MDR

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN Dienstags Direkt | 08.09.2020 | 20:00 Uhr

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