MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | Dienstags direkt | 29.06.2021 | 20:00 - 23:00 Uhr Pro und Contra Schwangerschaftsabbruch: Warum wir reden müssen

Schwangerschaftsabbrüche galten besonders in Ostdeutschland als selbstverständlich, in der DDR waren sie legal. Seit einigen Jahren streiten Frauen, Kirchenvertreter und Abtreibungsgegner wieder heftiger. Während die einen fordern, dass ein Schwangerschaftsabbruch endlich keine Straftat mehr sein sollte, sehen andere das Leben bedroht und zeigen sogar Ärztinnen und Ärzte an, die einen Abbruch vornehmen.

Eine Teilnehmerin einer Demonstration gegen die Paragrafen 218 und 219a, die Schwangerschaftsabbrüche und das Werbeverbot dafür regeln, hält ein Schild mit der Aufschrift "Mein Uterus, meine Entscheidung" hoch. 131 min
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Wie können und sollen Schwangerschaftsabbrüche geregelt werden?
Darüber sprechen wir bei "Dienstags direkt" mit:

  • Ursula Seubert, Geschäftsführerin des Pro Familia Landesverbandes Sachsen
  • Ulrike Busch (i.R.), Professorin für Familienplanung am Institut für Angewandte Sexualwissenschaft (IfaS) der Hochschule Merseburg
  • Ilona Berner, Schwangerschaftskonfliktberatung Diakonie
  • Evelyn Miksch, die MDR-Social-Media-Redakteurin hat in ihrem Studium ihre Schwangerschaft unterbrochen
  • Maria, hat ihre Schwangerschaft unterbrochen und in Berlin ewig einen Arzt gesucht

Im Interview:

  • Kristina Hänel ist Frauenärztin und wurde von Abtreibungsgegnern verklagt. Jetzt zieht sie bis zum Bundesverfassungsgericht.
  • Linda Schildbach, ARD-Studio Frankreich
  • Juergen Stryjak, ARD-Studio Ägypten
  • Jan Pallokat, ARD Studio Warschau

"Ein Schwangerschaftsabbruch ist in Deutschland gemäß Paragraph 218 Strafgesetzbuch in Deutschland grundsätzlich für alle Beteiligten strafbar", erklärt das Bundesfamilienministerium auf seiner Webseite. Der Staat verzichte allerdings auf eine Strafverfolgung, wenn betroffene Frauen der Beratungsregelung folgten oder eine kriminologische und medizinische Indikation vorliege.

Aus dem Kaiserreich: Paragraph 218 seit 150 Jahren im Strafgesetzbuch

Seit 150 Jahren steht der Schwangerschaftsabbruch im Strafgesetzbuch. "Die Aufnahme des Paragraph 2018 in das StGB des Deutschen Reiches von 1871 war das Ergebnis der seit Beginn des 19. Jahrhunderts geführten Diskussion“, heißt es von der Bundeszentrale für politische Bildung. Bis heute bliebe das normierte Abtreibungsverbot "Gegenstand oft erbitterter gesellschaftlicher und politischer Diskussionen."

Wie sollen Schwangerschaftsabbrüche geregelt werden?

Darüber wie Schwangerschaftsabbrüche geregelt werden sollen, streiten Frauen, Kirchenvertreter und Abtreibungsgegner seit Jahren wieder mit zunehmender Heftigkeit. Viele Verbände fordern mit ihrer Aktion "Wegmit2018" den Straftatbestand endlich zu legalisieren. Gleichzeitig verstärken sich abtreibungskritische Tendenzen. Die Frauenärztin Kristina Hänel beispielsweise muss sich wie viele andere Ärztinnen und Ärzte auch gegen die Anzeigen von Abtreibungsgegnern wehren.

Kristina Hänel
Kristina Hänel ist Frauenärztin und wurde von Abtreibungsgegnern verklagt. Jetzt zieht sie vor das Bundesverfassungsgericht. Bildrechte: dpa

Pro Familia: Der Schwangerschaftsabbruch muss raus aus dem Strafgesetzbuch.

"Seit 150 Jahren steht der Paragraph 218 zum Schwangerschaftsabbruch im Strafgesetzbuch zwischen Mord (§211), Totschlag (§212) und fahrlässiger Tötung (§222)", erklärt Ursula Seubert, Geschäftsführerin des Pro Familia Landesverbandes Sachsen MDR SACHSEN. Der Staat nehme sich ein Kontrollrecht über Autonomie der Frau und greift in ein maßgebliches Menschenrecht der Selbstbestimmung ein. "Deswegen muss der Schwangerschaftsabbruch raus aus dem Strafgesetzbuch, sagte Seubert.

Ursula Seubert, Geschäftsführerin des Pro Familia Landesverbandes Sachsen
Ursula Seubert, Geschäftsführerin des Pro Familia Landesverbandes Sachsen fordert, dass Abreibung aus dem Strafgesetzbuch gestrichen wird. Bildrechte: Ursula Seubert

Schutz des ungeborenen Leben

Die Diakonie Sachsen spricht sich für einen einfühlsamen Dialog mit den Frauen in der Schwangerschaftskonfliktberatung aus. "Ein wirksamer Schutz des ungeborenen Lebens kann nur mit der Frau, nicht gegen sie stattfinden", sagte Ilona Berger, Beraterin bei der Diakonie auf Anfrage von MDR SACHSEN. "Das ist das Grundverständnis evangelischer Schwangeren- und Schwangerenkonfliktberatung."

Ilona Berner
Ilona Berner, Diakonie Sachsen Bildrechte: Ilona Berner

Katholische Kirche gegen Abtreibung

Die katholische Kirche hatte sich erst in der vergangenen Woche nach einer Resolution des Europaparlaments gegen Schwangerschaftsabbrüche ausgesprochen. Das ungeborene Kind habe ein Menschenrecht auf Leben, erklärte das Sekretariat der Comece in Brüssel. Die Comece ist die Kommission der Bischofskonferenzen der EU und besteht aus Bischöfen der katholischen Bischofskonferenzen der 27 Mitgliedsländer.

WHO warnt vor unsicheren Abtreibungen

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) warnt indes vor unsicheren Abtreibungen: "Jedes Jahr sind fast die Hälfte aller Schwangerschaften - 121 Millionen - ungewollt. Dies erfordert die Stärkung von Verhütungsdiensten und den Zugang zu umfassender Abtreibungsversorgung", heißt es in einer Erklärung vom September 2020. Bis zu 13,2 Prozent der Müttersterblichkeit sei auf unsichere Abtreibungen zurückzuführen. Deutschland sei in Sachen Abtreibung rückständig, erklären internationale Frauen- und Gesundheitsorganisationen.

Andere Länder mit anderen Lösungen

Ulrike Busch (i.R.), Professorin für Familienplanung am Institut für Angewandte Sexualwissenschaft (IfaS) der Hochschule Merseburg erklärt MDR SACHSEN: "Immer wieder ist das Thema Schwangerschaftsabbruch ein Gegenstand heftiger Debatten. Das Recht der Frau auf sexuelle und reproduktive Selbstbestimmung sei in dieser Frage massiv eingeschränkt und auch Ärztinnen und Ärzte bewegten sich mit ihrer medizinischen Leistung im strafrechtlichen Kontext. "Das alles hat Folgen."

Prof. Dr. Ulrike Busch ist Professorin für Familienplanung und Mitglied beim Bundesverband „pro familia“
Professorin Ulrike Busch ist Professorin für Familienplanung am Institut für Angewandte Sexualwissenschaft (IfaS) der Hochschule Merseburg Bildrechte: MDR/Judith Heinze

Andere Länder zeigen, dass es auch anders geht, zum Beispiel Frankreich, Belgien, Irland, Neuseeland. Und schon die DDR verfügte im Übrigen über ein modernes Recht zum Abbruch einer ungewollten Schwangerschaft.

DDR: Schwangerschaftsabbrüche ab 1972 legal

In der DDR waren Schwangerschaftsabbrüche bis zur zwölften Schwangerschaftswoche legal. Die Volkskammer verabschiedete das "Gesetz über die Unterbrechung der Schwangerschaft" am 9. März 1972. Das Gesetz stellte weltweit ein Novum dar. Erstmals übertrug es der Frau das Recht, innerhalb von zwölf Wochen nach Beginn einer Schwangerschaft eigenverantwortlich über deren Abbruch zu entscheiden. Bis dahin oblag es einer Kommission, unter Maßgabe bestimmter Indikationen über eine Abtreibung zu entscheiden.

Gesetzesblatt zum Schwangerschaftsabbruch, 1972
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Laut dem Gesetz erfordere die Gleichberechtigung der Frau, "dass die Frau über die Austragung der Schwangerschaft selbst entscheiden kann". "Die Schwangere ist berechtigt, die Schwangerschaft innerhalb von zwölf Wochen nach deren Beginn durch einen ärztlichen Eingriff (…) unterbrechen zu lassen", hieß es im Originaltext.

Pro und Contra Abtreibung

Wie können und sollen Schwangerschaftsabbrüche geregelt werden? Darüber sprechen wir bei "Dienstags direkt" zum Thema "Pro und Contra Schwangerschaftsabbruch: Warum wir reden müssen".

Moderation: Sina Peschke
Redaktionelle Mitarbeit: Katrin Tominski
Redaktionsleitung: Ines Meinhardt

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | MDR SACHSEN | 29. Juni 2021 | 20:00 Uhr