MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | Dienstags direkt | 05.05.2020 | Nachhören Nicht den Kontakt verlieren: Menschen mit Behinderung in Corona-Zeiten

Zwei Mädchen umarmen sich, das kleinere Mädchen hat das Down-Syndrom 90 min
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Wer behindert hier wen?

In den Kindergarten oder die Schule gehen, Freunde und Kollegen treffen, raus aus der Kurzarbeit, in's Restaurant essen gehen - alle hoffen, dass sich unser Leben wieder normalisiert. Was viele gerade als Besonderheit und Ausnahmesituation erleben, ist für Menschen mit Behinderung oft Alltag. Den Traumjob finden die wenigsten. Assistenten für die Alltagsbewältigung sind bisweilen nicht bezahlbar. Gesellschaftliches Leben ohne Barrieren ist die Ausnahme, nicht die Regel.

Ein Rechtsanspruch ohne Wirkung

Vor über zehn Jahren unterzeichnete Deutschland die Behindertenrechtskonvention der UN, Inklusion bekommt damit den Stellenwert eines Menschenrechts. Mit der verschriftlichten Konsequenz: Zugehörigkeit, Selbstbestimmung und Teilhabe am öffentlichen Leben ist zu ermöglichen, gleiche Chancen für alle, keine Barrieren im Alltag. Behinderte Menschen sollen Chancen für persönliche Entwicklungen und barrierefreie Zugänge im Alltag erhalten. Im Juli 2019 hat der Sächsische Landtag das "Gesetz zur Stärkung der Inklusion von Menschen mit Behinderungen im Freistaat Sachsen" (Sächsisches Inklusionsgesetz) verabschiedet. Das Ziel ist in Sachsen klar formuliert: "Behindern verhindern - Eine inklusive Gesellschaft, in der alle ganz selbstverständlich gleichberechtigt miteinander leben." So der Anspruch, aber wie sieht die Realität aus?

Behinderte werden auf ihre Defizite reduziert

Der Inklusionsaktivist – wie er sich selbst nennt – Raul Krauthausen aus Berlin schreibt in einem Plädoyer für eine vielfältige, inklusive Gesellschaft:

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Raul Krauthausen Bildrechte: MDR

Das medizinische Modell von Behinderung ist der klassische Ansatz, der seit jeher den Blick auf behinderte Menschen prägte. Hier wird Behinderung als Problem empfunden, als ein Zustand, der behandelt und im Idealfall beseitigt werden kann. Wenn eine Beseitigung nicht möglich ist, dann wäre wenigstens eine Optimierung des behinderten Menschen wünschenswert, um ihn möglichst schnell wieder zu einem 'funktionierenden' Mitglied der Mehrheitsgesellschaft zu machen und wieder in den Arbeitsmarkt einzugliedern.  Der behinderte Mensch wird auf sein 'Defizit' reduziert: Der Mensch und seine Behinderung ist das Problem – behindernde Faktoren werden außen vor gelassen.

Raul Krauthausen

Das Dilemma der Krise

Ein Mann sitzt auf dem Weg zur Arbeit in einer Straßenbahn und trägt einen Mundschutz.
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In Deutschland leben etwa zehn Millionen Menschen mit Behinderung. Gerade in den letzten Wochen wurde deutlich, wie viele Familien, wie viele Menschen mit Behinderung allein gelassen wurden. Für einige Menschen genügt das Geld kaum zum Leben. Beispielsweise sind viele Autisten auf einen fixen Tagesablauf angewiesen, der komplett ausgehebelt wurde. Gehörlose können die Lippen hinter den Masken nicht sehen. Der öffentliche Nahverkehr wurde reduziert und damit die Bewegungsfreiheit von Menschen mit Behinderung eingeschränkt. Es gibt Ausnahmegenehmigungen für die Maskenpflicht, dennoch treffen behinderte Menschen ohne Mund- und Nasenschutz auf wenig Verständnis.

Die Bewältigung der Corona-Pandemie verlangt Abstand. Besuche in Heimen und Pflegeeinrichtungen mussten minimiert werden oder wurden gänzlich untersagt. Die Folge ist eine Kontaktsperre für viele Menschen, die ohne Kontakte sozial noch stärker isoliert werden.

Immer lauter werdende Kritik

Wird jedem Menschen die perfekte Bildung angeboten? Stehen besondere Werkstätten für Exklusion, also für Ausgrenzung? Welches Signal geben Paralympics-Gewinner? Was können wir als Gesellschaft von Menschen mit einer Behinderung für Impulse bekommen? Warum verzichten wir so bereitwillig auf eine besondere Perspektive? Darüber haben wir gesprochen.

Unsere Gesprächspartner:

Christiane Reppe
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  • Thomas Naumann | Mitarbeiter mit Schwerpunkt barrierefreies Bauen des Landesverbandes Selbsthilfe Körperbehinderter e. V. und der Landesarbeitsgemeinschaft Selbsthilfe Sachsen e. V.

Ein Mann mit Brille und kurzem Haar lächelt in die Kamera
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Ein Mann mit Brille, Schnurrbart und grauem Haar schaut in die Kamera
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Redaktion: Stephan Wiegand
Leitung: Ines Meinhardt

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Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 05.05.2020 | 20:00 - 23:00 Uhr