MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | Dienstags direkt | 05.10.2021 | 20:00 - 23:00 Uhr Geschichte nur noch als Kulisse?

- von Mauerbau bis Mauerfall

Ausschnitt aus dem Buntglasfenster im Gebäude des ehemaligen Staatsrates der DDR von Walter Womacka in Berlin 124 min
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Sind es in erster Linie die wahren Schicksale, die uns fesseln? Oder darf es auch eine erfundene Story sein? Welche Rolle spielt der zeitliche Hintergrund? Ist er wesentlicher Bestandteil oder nur eine Art Tapete?

MDR SACHSEN - Das Sachsenradio Di 05.10.2021 20:00Uhr 123:46 min

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Menschen lieben Geschichten über Menschen. Das lernt man im Marketingstudium oder in Kursen für kreatives Schreiben. Sind es in erster Linie die wahren Schicksale, die uns fesseln? Oder darf es auch eine erfundene Story sein? Welche Rolle spielt der zeitliche Hintergrund? Ist er wesentlicher Bestandteil oder nur eine Art Tapete? Anlässlich von Jahrestagen, wie dem des Mauerbaus vor 60 Jahren fällt auf, dass solche historischen Ereignisse verstärkt als Kulisse für Romane oder Spielfilme dienen.

Bau der Berliner Mauer am Postdamer Platz 1961
Bau der Berliner Mauer am Postdamer Platz 1961 Bildrechte: dpa

Historische Romane – können auch in der DDR spielen

Wenn der Begriff "historischer Roman" fällt, sind wir gedanklich schnell im Kaiserreich, im Mittelalter oder in der Antike. Da spielen die Bestseller des Genres. Per Definition muss solch ein Roman "geschichtliche Vorgänge und Personen ohne Anspruch auf wissenschaftliche Richtigkeit in belletristischer Form" behandeln (Quelle: Wikipedia):

Insofern kann man Bücher, deren Handlung in der Zeit von Mauerbau bis Mauerfall spielen, als historische Romane bezeichnen. Die Gelehrten streiten sich allerdings über die zeitliche Komponente. Einige meinen, die Autorin bzw. der Autor dürften die entsprechende Zeit nicht selbst erlebt haben. Der Historiker Sönke Neizel sagte einmal bei "Dienstags direkt": "Geschichte fängt an, wenn die Zeitzeugen tot sind." Damals ging es um den 1. Weltkrieg. Nach dieser Definition wäre der Zeitraum von 1961 bis 1989 noch nicht Geschichte. Wohl aber dient er zunehmend häufig als Kulisse für fiktive Erzählungen.

Erfundene Personen vor realer Kulisse

Wie emotional und spannend so etwas erzählt werden kann, hat Robert Krause mit seinem Roman "3 ½ Stunden" bewiesen. Die Schicksale von Reisenden in einem Interzonenzug, der am Tag des Mauerbaus aus Bayern kommend in eine nun komplett verriegelte DDR fährt, sind mitreißend. Tipp: nicht nur den zeitgleich veröffentlichten Film sehen, sondern unbedingt auch den zugrundeliegenden Roman lesen.

Wie authentisch muss in solchen Fällen der historische Hintergrund recherchiert sein? Der Kulturhistoriker Sven Felix Kellerhoff, der bei der Zeitung "Die Welt" leitender Redakteur für Zeit- und Kulturgeschichte ist und nebenbei mit zwei weiteren Autoren eine Krimireihe schreibt, drückt es so aus:

Wir werden oft gefragt, wie es möglich ist, zu dritt einen Krimi zu schreiben. Wir haben einfach die Aufgaben verteilt. Ich bin als Historiker für das 'Bühnenbild' verantwortlich. Dazu gehört, dass ich Dossiers anfertige - von realen historischen Figuren aber auch von erfundenen Personen. Das geht bis hinein in die Sprache. Manche Worte, die wir heute verwenden, kannte man Ende der sechziger Jahre, in denen unsere Krimireihe spielt, noch gar nicht.

Sven Felix Kellerhoff | Historiker und Autor

Kellerhoff plädiert für eine genaue Recherche, findet es aber legitim, die Möglichkeit der Verknüpfung von realem Hintergrund mit erfundenen Handlungssträngen zu nutzen. Vor allem dann, wenn eine dokumentarische Herangehensweise nicht mehr möglich ist. So wie im Beispiel des aus Görlitz stammenden Fluchthelfers Dietrich Rohrbeck, der vor kurzem starb, bevor sich die Möglichkeit ergab, dass er seine Erlebnisse vor der Kamera erzählen konnte. Kellerhoff plant nun, das vorliegende dokumentarische Buch, dessen Herausgeber er ist, mit einem fiktional erzählenden Spielfilm zu ergänzen.

Eine fiktionale Annäherung an die DDR-Zeit kann es nachfolgenden Generationen leichter machen, sich mit ihr auseinanderzusetzen. Fiktive Helden können Brüche klarer zeigen als manche reale Biografie. Wenn dann der historische Hintergrund zum Schauplatz von Spionagethrillern wird, verbinden sich Nervenkitzel und Aha-Erlebniss. Titus Müller hat sein Buch "Die fremde Spionin" durch ein Glossar der historischen Abläufe ergänzt. So lassen sich im ersten Band seiner Trilogie um eine Sekretärin, die zur Spionin wird, Fiktion und Historie nebeneinanderlegen.

Gespräche mit den Großeltern – Erinnerungen bewahren

Die Leipziger Autorin Kati Naumann treibt vor allem eins an: sie möchte mit ihren Büchern dafür sorgen, dass Erinnerungen nicht verloren gehen. Dabei werden eigene biografische Bezüge in die Prosa eingewoben. Naumann, deren Großeltern im Thüringischen Sonneberg lebten und deren Vorfahren wiederrum in der Stadt eine Puppenfabrik besaßen, hat als Kind viel Zeit dort verbracht.

Cover Kati Naumann: "Wo wir Kinder waren"
"Wo wir Kinder waren" von Kati Naumann Bildrechte: HarperCollins Germany

Ihr neues Buch "Wo wir Kinder waren" erzählt die Geschichte einer Sonneberger Puppenfabrikantenfamilie – fiktiv, persönlich oder von beidem etwas? Das zwei Jahre zuvor erschienene Buch "Was uns erinnern lässt" handelt von der Vertreibung und dem Zerbrechen einer Familie. Deren Schicksal entwickelt sich vor dem Hintergrund deutsch-deutscher Teilung im Grenzgebiet am Rennsteig im Thüringer Wald. Naumann findet es wichtig, mit den Eltern oder Großeltern ins Gespräch zu kommen über deren Vergangenheit und über ihre Erfahrungen in inzwischen historischen Zeiten. Oft verpasse man diese Chance und bedauere es, wenn die vertrauten Zeitzeugen eines Tages nicht mehr da sind.

Stadt-Kulisse als gefragter Drehort für Filmproduktionen

"Görli-Wood" ist in Sachsen ein Wort, das keiner Erklärung mehr bedarf. Seit vielen Jahren hat Görlitz sich in der Filmwelt einen Namen gemacht als Ort der Handlung. Und anders als beim Namenspaten Hollywood ist in der Stadt an der Neiße die Kulisse nicht aus Pappe. Dabei spielt Görlitz in den seltensten Fällen sich selbst, sondern tritt als Paris, London oder Berlin vergangener Epochen auf.

Kerstin Gosewisch vom im Februar gegründeten Filmbüro Görlitz weiß, dass es für die meisten Bewohnerinnen und Bewohner der Stadt eine Freude ist, die Kulisse zu beleben. Viele arbeiten als Komparsen bei Produktionen mit. Und wenn nicht, tolerieren sie es, wenn wegen Dreharbeiten Straßen gesperrt sind und Umwege in Kauf genommen werden müssen. Görlitz, sagt Kerstin Gosewisch, ist aber nicht nur Tapete für historische Filme, sondern auch aktueller Schauplatz - manchmal im kurzen Wechsel. So wird die Stadt in der gerade entstehenden Serie "Torstraße 1" etwa hundert Jahre alt wirken und sich bei den Dreharbeiten der Komödie "Ze Network" ganz modern zeigen.

Unsere Gäste:

Kati Naumann | Autorin, Schriftstellerin

Schriftstellerin Kati Naumann
Kati Naumann Bildrechte: Clementine Künzel

Ich finde es besonders spannend über eine Zeit zu schreiben, die so weit zurückliegt, dass ich sie mit objektiver Distanz betrachten kann, und die gleichzeitig noch so nah ist, dass mir Menschen von ihren Erinnerungen daran erzählen können.

Kati Naumann | Autorin, Schriftstellerin

Robert Krause | Autor, Schriftsteller, Filmemacher

Schriftsteller Robert Krause
Robert Krause Bildrechte: Sabine Schreiber

Mich schmerzt, dass gerade im TV die DDR oft nur Unrechtsstaat ist oder von Ostalgie weichgespült wird. Mir war es deswegen wichtig, in '3 ½ Stunden' ein differenziertes Bild vom Osten (und vom Westen) zu zeichnen.

Robert Krause | Autor, Schriftsteller https://www.rowohlt.de/magazin/im-gespraech/robertkrause

Titus Müller | Autor, Schriftsteller

Schriftsteller Titus Müller
Titus Müller Bildrechte: Sandra Frick

Oft muss man im Roman zuspitzen, um das Drama deutlicher zu machen. Beim Schreiben über den Mauerbau ist das nicht nötig. Das Drama liegt nackt und offen da.

Titus Müller | Autor, Schriftsteller

Thilo Wierzock | Architekt, Hobby-Historiker DDR-Geschichte

Architekt Thilo Wierzock
Thilo Wierzock Bildrechte: Thilo Wierzock

Die Kindheit zerfällt für mich in einen Augenblick im Schwarz-Weiß-Licht. In Folge entsteht für mich bis heute die Möglichkeiten zwischen den beiden deutschen Welten zu schweben.

Thilo Wierzock | Architekt, Hobby-Historiker DDR-Geschichte

Moderation & Redaktion:

Leitung: Ines Meinhardt

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Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | Dienstags direkt | 05. Oktober 2021 | 20:00 Uhr