Dienstags direkt | 22.11.2022 | 20:00 - 23:00 Uhr Hohe Preise & Tarifdruck: Wie weit dreht sich die Inflationsspirale?

Die Preise steigen seit Monaten und ein Ende ist nicht in Sicht. Die IG Metall hat gerade die höchste Lohnerhöhung seit 2008 erkämpft. Gleichzeitig warnen Ökonomen vor einer Inflationsspirale, weil Unternehmen die Mehrkosten weitergeben und die Preise sich noch weiter erhöhen können. Wie gelingt ein gerechter Weg? Das fragen wir bei "Dienstags direkt"

Mitarbeiter streiken in Radebeul. 119 min
Die IG Metall ist die größte Einzelgewerkschaft in Deutschland - sie hat jetzt insgesamt Lohnsteigerungen von 8,5 Prozent sowie eine Einmalzahlung von 3.000 Euro verhandelt. In Sachen werden jedoch wenige davon profitieren, der Freistaat hat deutchlandweit die geringste Tarifbindung. Bildrechte: IG Metall
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Die Preise steigen seit Monaten und ein Ende ist nicht in Sicht. Während die IG Metall Lohnerhöhungen über acht Prozent erkämpft hat, warnen Ökonomen vor einer Inflationsspirale. Was ist gerecht?

MDR SACHSEN - Das Sachsenradio Di 22.11.2022 20:00Uhr 119:20 min

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Gäste:

  • Professorin Silke Übelmesser, Finanzwissenschaftlerin an der Universität Jena
  • Stefan Ehly, IG Metall Geschäftsstellen Dresden & Riesa
  • Matthäus Riedel, Mitglied des Betriebsrates (in Gründung) von Lieferando Leipzig
  • Dr. Andreas Lutz, Vorsitzender Verband der Gründer und Selbstständigen Deutschland (VGSD) e.V.

Interviews:

  • Dr. Reinhard Bispinck, Hans-Böckler-Stiftung
  • Danny Hess, Experte für "New Work" und Büroarchitekt aus Dresden

Nach zwölf Stunden Verhandlungen und einem drohenden Abbruch verständigten sich IG Metall und Arbeitgeber auf die höchsten Lohnerhöhungen seit 2008. Wird der Pilotabschluss für alle anderen Regionen übernommen, was als weitestgehend sicher gilt – profitieren etwa 3,9 Millionen Beschäftigte in Deutschland von 5,2 Prozent Lohnsteigerungen zum Juni 2023 und noch mal 3,3 Prozent ab Mai 2024 bei einer Laufzeit von 24 Monaten.

Dazu kommen steuerfreie Einmalzahlungen von insgesamt 3000 Euro. Laut IG-Metall-Chef Jörg Hofmann stünden damit unterem Strich nach zwei Jahren Tabellenerhöhungen von 8,5 Prozent. Für einen Facharbeiter seien das rund 7000 Euro mehr – davon 3000 Euro steuerfrei.

Lohnerhöhungen von acht Prozent verhältnismäßig?

Doch sind solche Lohnerhöhungen bei einer Inflation von über zehn Prozent verhältnismäßig? Droht damit nicht eine Lohn-Preis-Spirale, weil Unternehmer Ihre Mehrkosten weitergeben? Oder ist es im Gegenteil eher Gebot der Stunde, Arbeitnehmer erstens zu unterstützen und zweitens auch an den Gewinnen der Metall- und Elektroindustrie zu beteiligen?

Rüstungskonzerne gehören zur Metallindustrie

Nicht zu vergessen: Rüstungskonzerne gehören zur Metallindustrie. Der Rüstungskonzern und Autozulieferer Rheinmetall beispielsweise hat nach eigenen Angaben hat im ersten Halbjahr ein Rekordergebnis erzielt. Das operative Ergebnis verdoppelte sich nahezu auf 191 Millionen Euro. Das sei das beste Ergebnis, das Rheinmetall jemals in der ersten Jahreshälfte erzielt habe. Das Rüstungsgeschäft nehme dabei den Löwenanteil ein.

"Die Mär von der Lohn-Preis-Spirale wird nicht richtiger, nur weil sie ständig wiederholt wird. Was wir brauchen sind kräftige Lohnerhöhungen, um die Kaufkraft zu erhalten und die Konjunktur zu stützen. Dafür stehen wir als Gewerkschaften ein", erklärte Stefan Ehly von der IG Metall in Dresden und Riesa.

Die Mär von der Lohn-Preis-Spirale wird nicht richtiger, nur weil sie ständig wiederholt wird. Was wir brauchen sind kräftige Lohnerhöhungen, um die Kaufkraft zu erhalten und die Konjunktur zu stützen.

Stefan Ehly IG Metall in Dresden und Riesa

Stefan Ehly
Stefan Ehly von der IG Metall Dresden und Riesa plädiert für Lohnerhöhungen, um die Kaufkraft der Menschen zu erhalten. Bildrechte: Stefan Ehly

Geringe Tarifbindung in Sachsen

Die Industriegewerkschaft Metall ist mit knapp 2,3 Millionen Mitgliedern vor der Verdi die größte Einzelgewerkschaft in der Bundesrepublik Deutschland und die weltweit größte organisierte Arbeitnehmervertretung. Allerdings profitieren vor allem Arbeitnehmer in den alten Bundesländern von den Lohnerhöhungen. In Ostdeutschland gibt es weniger Unternehmen in der Metall- und Elektroindustrie, auch ist es hier seltener gelungen, Unternehmen zur Tarifbindung zu bewegen. Laut einer Studie der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung ist Sachsen bundesweites Schlusslicht mit 39 Prozent Tarifbindung. In keinem anderen Bundesland arbeiten so wenig Menschen mit Tarifverträgen, die Hans-Böckler-Stiftung spricht gar vom "Billiglohnland Sachsen".

Infineon will öffentliche Gelder, zahlt aber keinen Tarif

Der große Chiphersteller Infineon beispielsweise, der größte Halbleiterhersteller Deutschlands, mit Sitz im Landkreis München, betreibt in Dresden ein großes Werk mit über 3.000 Mitarbeitern. Laut Aussagen der IG Metall verwehrt sich der Hersteller seit Jahren gegen Tarifverträge. Auf eine  entsprechende Anfrage von MDR SACHSEN reagierte Infineon nicht. Gleichzeitig knüpfte der börsennotierte Konzern seine Ankündigung im Raum Dresden eine Mega-Chip-Fabrik für fünf Milliarden Euro bauen zu wollen an eine "angemessene öffentliche Förderung". Keine Tarife zahlen aber öffentliche Gelder als Förderung erwarten - ist das gerecht?

IG Metall: Tarif ist Frage der Gerechtigkeit

"Hier sollen auch mit öffentlichen Fördergeldern hochwertige Arbeitsplätze entstehen, für die eine Absicherung durch Tarifverträge eine Frage der Gerechtigkeit ist“, argumentiert Stefan Ehly von der IG Metall Dresden, der zugleich im Infineon-Aufsichtsrat sitzt. Gleichzeitig begrüßte die IG Metall die Ausbaupläne als große Chance. Irene Schulz, Bezirksleiterin IG Metall Berlin, Brandenburg, Sachsen: "Die IG Metall hat sich sehr frühzeitig für den Auf- und Ausbau der Halbleiterindustrie in Sachsen eingesetzt. Die Produktion von Halbleitern in Deutschland stärkt den Industriestandort und mindert die Abhängigkeit von internationalen Lieferketten."

Schwache Tarifbindung in der Halbleiterbranche

Laut dem Technologie-Nachrichtenportal "Oiger.de" ist die Tarifbindung in der sächsischen Halbleiter-Branche schon seit Jahren schwach. Demnach taten sich viele der nach der Wiedervereinigung angesiedelten Mikroelektronik-Unternehmen schwer, Tarifverträge abzuschließen, weil deren Manager fürchteten, weniger flexibel auf starke Schwankungen der Branche reagieren können. Gleichzeitig sei eine US-amerikanische Unternehmenskultur auf eine traditionell wenig tarifgebundene Region getroffen. In der Vergangenheit hätten Gewerkschafter beispielsweise mehrfach – mäßig erfolgreich – das aus AMD hervorgegangene Globalfoundries-Chipwerk bestreikt, um es zu Tarifverträgen zu drängen. Infineon ist also nicht das einzige Unternehmen ohne Tarifbindung. Auch Globalfoundries, Bosch und Qimonda haben sich laut Gewerkschaft niemals zu Tariflöhnen hinreißen lassen.

Wenig Betriebsräte in Sachsen

Laut der Böckler-Stiftung gibt es in Sachsen nicht nur eine geringe Tarifbindung, sondern im Verhältnis auch wenig Betriebsräte. Das wollen junge MitarberInnen von Lieferando jetzt ändern, sie sind dabei am Standort Leipzig einen Betriebsrat zu gründen.

Betriebsrat für Lieferando Leipzig wird gegründet

"Die FahrerInnen bei Lieferando haben jetzt mit der Hilfe der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten in Leipzig einen Betriebsrat gewählt", erklärt Matthäus Riedel, Mitglied des sich gerade in Gründung befindenden Betriebsrates von Lieferando Leipzig. "In großen Unternehmen haben ArbeiterInnen als letztes Glied in der Hierarchiekette meist wenig Mitspracherecht. Mit einem Betriebsrat können wir den Menschen, die unseren Arbeitsalltag bestimmen, helfen, unsere Bedürfnisse als Fahrer besser zu berücksichtigen. Und wir können gemeinsam dafür sorgen, dass der Kuchen ein wenig fairer verteilt wird."

In großen Unternehmen haben ArbeiterInnen als letztes Glied in der Hierarchiekette meist wenig Mitspracherecht. Mit einem Betriebsrat können wir helfen, unsere Bedürfnisse als Fahrer besser zu berücksichtigen. Und wir können gemeinsam dafür sorgen, dass der Kuchen ein wenig fairer verteilt wird.

Matthäus Riedel Betriebsratsmitglied Lieferando

Matthäus Riedel, Mitglied des Betriebsrates (in Gründung) von Lieferando Leipzig.
Matthäus Riedel, Mitglied des Betriebsrates (in Gründung) von Lieferando Leipzig will sich für die Rechte der Fahrerinnen und Fahrer engagieren. Bildrechte: Matthäus Riedel

Nutzen Arbeitnehmer die Inflation für ihre Interessen aus?

Doch droht nun eine Lohn-Preis-Spirale? Immer wieder wird von Ökonomen gewarnt, Beschäftigte und Gewerkschaften könnten die hohe Inflation "missbrauchen" und auf unverhältnismäßige Lohnerhöhungen drängen, die wiederum die Inflation befeuern. "Bei sorgfältiger Betrachtung zeigt sich jedoch, dass dieses Narrativ in das Reich der Fabeln gehört. Mehr noch: Ordentliche Lohnerhöhungen sind auch in dieser Krise nicht nur möglich, sondern sogar nötig, um die Wirtschaft zu stabilisieren", schrieb der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung Marcel Fratzscher im April in seiner Kolumne in der ZEIT. Die Angst vor einer Lohn-Preis-Spirale sei unbegründet. Eine ordentliche Lohnentwicklung könnte stabilisierend und helfen, die von der Corona-Pandemie schwer gebeutelten Dienstleistungssektoren zu stützen.

Maßnahmen gegen Inflation nötig

Die Volkswirtschaftlerin Silke Übelmesser von der Universität Jena sieht trotzdem Handlungsbedarf, um die Inflation aufzuhalten. "Die Inflation in Deutschland hat im Oktober mit 10,4 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat den höchsten Wert im wiedervereinigten Deutschland erreicht. Dafür sind sowohl angebots- als auch nachfrageseitige Faktoren verantwortlich", erklärt die Expertin. "Entsprechend zugeschnittene Maßnahmen sind nötig; Zweitrundeneffekte müssen im Blick behalten werden."

Die Inflation in Deutschland hat im Oktober mit 10,4 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat den höchsten Wert im wiedervereinigten Deutschland erreicht. Dafür sind sowohl angebots- als auch nachfrageseitige Faktoren verantwortlich. Entsprechend zugeschnittene Maßnahmen sind nötig.

Silke Übelmesser Volkswirtschaftlerin Universität Jena

Professorin Silke Übelmesser, Finanzwissenschaftlerin an der Universität Jena.
Professorin Silke Übelmesser, Finanzwissenschaftlerin an der Universität Jena fordert Maßnahmen gegen die Inflation. Bildrechte: Anne Günther

Keinen Tarifschutz für Freiberufler und Gründer

Neben traditionellen Arbeitnehmern gibt es jedoch auch immer mehr Selbstständige, Freiberufler und Gründer in Deutschland. Wie sind die eigentlich abgesichert? Wer zahlt ihnen Ausgleich? Und spüren sie vielleicht nicht zuerst eine vorsichtige Haltung bei der Auftragsvergabe. "Viele Selbstständige klagen über Auftragszurückhaltung, denn zahlreiche Kunden sind durch Verteuerung der Energie, Lieferprobleme und auch die Auswirkungen des Krieges in der Ukraine verunsichert", erklärt Andreas Lutz, Vorsitzender des Verbandes der Gründer und Selbstständigen in Deutschland auf Anfrage von MDR SACHSEN. Hinzu komme eine "verbliebene Zurückhaltung in Folge der Corona-Pandemie sowie Rückzahlungen aus Corona-Hilfen".

Viele Selbstständige klagen über Auftragszurückhaltung, denn zahlreiche Kunden sind durch Verteuerung der Energie, Lieferprobleme und auch die Auswirkungen des Krieges in der Ukraine verunsichert.

Dr. Andreas Lutz Vorsitzender des Verbandes der Gründer und Selbstständigen in Deutschland

Dr. Andreas Lutz, Vorsitzender Verband der Gründer und Selbstständigen Deutschland (VGSD) e.V.
Dr. Andreas Lutz, Vorsitzender Verband der Gründer und Selbstständigen Deutschland (VGSD) möchte die Energiepreisbremse auch für Selbstständige. Bildrechte: Thomas Wieland

Verband fordert Hilfe auch für Selbstständige

Lutz fordert, Hilfe auch für Selbstständige mitzudenken und auch von staatlicher Seite Verantwortung zu übernehmen. "Wir hoffen, dass die Energiepreisbremse auch für Selbstständige gilt und hier hilft die Kosten abzufedern. Arbeitnehmer und Beamte profitieren von der Inflationsausgleichsprämie. Wir wünschen, dass auch Selbstständige diese Inflationsausgleichsprämie bekommen", sagte Lutz. "Die Regierung hat sich im Koalitionsvertrag sinnvolle Dinge für Selbstständige vorgenommen. Jetzt ist es wichtig, dass diese auch angegangen werden. Noch ist leider nichts passiert. Es würde jedoch sehr helfen, wenn sie hier endlich ins Handeln kommt.“

Moderation: Jan Kummer
Redaktionelle Mitarbeit: Katrin Tominski
Redaktionsleitung: Ines Meinhardt / Lucas Görlach
Kontakt: Dienstagsdirekt@mdr.de

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | Dienstags direkt | 22. November 2022 | 20:00 Uhr