Dienstags direkt | 05.04.2022 | 20-23 Uhr Kassensturz im Krankenhaus: Können unsere Kliniken überleben?

Gestresste Pflegekräfte, Ärzte am Limit, volle Corona-Stationen, verschobene Behandlungen - die Pandemie hat die Diskussion um Zustand und Finanzierung der Klinken neu entfacht. Das System der Fallpauschale gilt als überholt, die Kritik an einer Kommerzialisierung wird lauter. Gleichzeitig scheint es immer schwerer, Krankenhäuser auf dem Land zu halten. Pflegekräfte, Therapeuten und Ärzte ächzen unter immenser Belastung und 24-Stunden-Schichten. Brauchen die Krankenhäuser eine Reform? Oder gar Kliniken auf Vier-Sterne-Hotel-Niveau wie die Waldkliniken in Eisenberg. Darüber sprechen wir bei Dienstags direkt.

Das Team eines Intensivtransportwagens fährt auf einer Intensivstation des RKH Klinikum Ludwigsburg einen Covid-19-Patienten, der aus einem anderen Krankenhaus verlegt wurde, auf einer Intensivtrage.
Die Corona-Pandemie hat viele Krankenhäuser an ihre Grenzen geführt und Schwachpunkte gnadenlos offenbart. Bildrechte: dpa

Gäste

  • Erik Bodendieck, Präsident der Sächsischen Landesärztekammer
  • David-Ruben Thies, Geschäftsführer der kommunalen Waldkliniken Eisenberg
  • Professor Sebastian Schellong, Medizinischer Direktor des Städtischen Klinikums Dresden
  • Marcel Weigand, Unabhängige Patientenberatung, Leiter für Kooperation und digitale Transformation

Im Interview

  • Michael Junge, Vorsitzender des Sächsischen Pflegerates
  • Dr. Peter Lange, ARD-Studio Prag

Zwei Krankenpflegerinen stehen in einem Patientenzimmer.
Ohne Pflege geht nichts im Krankenhaus. Wegen den hohen Belastungen haben viele Pflegerinnen und Pfleger jedoch ihren Arbeitsplatz gewechselt. Bildrechte: dpa

Die Corona-Pandemie hat das Gesundheitssystem vor völlig neue, bis dato in diesem Ausmaß nicht gekannte Aufgaben gestellt und Defizite offenbart: Viele Krankenhäuser sind hart kalkuliert bis unterfinanziert. Ihr Personal ist erschöpft. Vielen Häusern fehlt es nicht nur an Geld, sondern auch an Zeit für Patienten sowie Wertschätzung für das Personal. Schnell das Bett freimachen, langes Warten auf Arzt und Diagnose, überfordertes Pflegepersonal, schlechtes Essen - nicht selten ist das Spardiktat bis an das Krankenbett zu spüren.

"Deutschland hat beste Voraussetzungen: Exzellentes Personal, Forschung auf höchstem Niveau, modernste technische Ausstattung und hohe Budgets", erklärt David-Ruben Thies, Geschäftsführer der kommunalen Waldkliniken Eisenberg der Sendung "Dienstags direkt" von MDR SACHSEN. "Wir sollten bei der Weltgesundheitsorganisation in Sachen Volksgesundheit auf Platz 1 landen, schaffen es jedoch nicht einmal in die Top 10. Warum krankt unser Gesundheitssystem trotz bester Voraussetzungen?"

Operationen vermeiden

Thies fordert einen vollständigen Systemwechsel sowie eine einheitliche fachliche Haltung, damit die Politik "umsetzbare Konzepte" ausarbeiten kann. "Das Gesundheitssystem muss in seiner Komplexität radikal reduziert werden. Das gelingt nur durch ein völlig neues System, nicht durch Korrekturen", sagt der Geschäftsführer. Zudem sollte dem Gesundheitspersonal mehr Wertschätzung entgegengebracht werden. Ein Krankenhaus solle nicht nur einen besseren Ort zur Heilung, sondern auch zum Arbeiten werden.

Das Gesundheitssystem muss in seiner Komplexität radikal reduziert werden. Das gelingt nur durch ein völlig neues System, nicht durch Korrekturen.

David-Ruben Thies Geschäftsführer der Waldkliniken Eisenberg

David-Ruben Thies, kaufmännischer Direktor der Waldkliniken Eisenberg.
David-Ruben Thies hat in Eisenberg in Ostthüringen ein kommunales Krankenhaus auf Vier-Sterne-Hotel-Niveau gegründet. Bildrechte: David-Ruben Thies

Kommunale Klinik mit vier Sternen

Ruben-Thies hat als Pfleger in München gearbeitet. Während ständiger Beschwerden seiner Kollegen, entschied er sich, selbst aktiv zu werden. Mit den Waldkliniken in Eisenberg verwirklichte er sich den Traum eines Krankenhauses, das sich neben medizinischer Qualität auch durch Gastfreundschaft auszeichnet. Die Regisseurin Antja Schneider hat über die Kommunale 4-Sterne-Klinik und den Werdegang des Klinik-Managers den Dokumentarfilm "VierSternPlus. Vom Patienten zum Gast" gedreht, der zum Filmwettbewerb des Max Ophüls Preises vorgestellt wurde.

Ruben-Thies will Lebensqualität anstelle von Gewinnorientierung

Thies fordert Prävention statt Behandlung, etwa 30 Prozent der Operationen könnten und sollten vermieden werden. "Wir sollten präventiv statt kurativ agieren", sagt der Geschäftsführer. "Kein Geldabfluss aus dem Solidarsystem in private Taschen, sondern Rückfluss ins System."

Forderung nach Reformen

Nach zwei Jahren Pandemie werden die Forderungen nach einer Reform der Krankenhäuser immer lauter. "Die Corona-Pandemie hat letztlich langjährig bestehende Defizite in der stationären wie ambulanten Versorgung offen gelegt", erklärt Erik Bodendieck, Präsident der Sächsischen Landesärztekammer "Dienstags direkt" von MDR SACHSEN. "Für die Zukunft brauchen wir deshalb nicht nur eine andere Finanzierung, sondern auch moderne Versorgungsstrukturen, die nicht an den Sektorengrenzen enden.“

Die Corona-Pandemie hat letztlich langjährig bestehende Defizite in der stationären wie ambulanten Versorgung offen gelegt

Erik Bodendieck Präsident der Sächsischen Landesärztekammer

Erick Bodendieck, Präsident der Sächsischen Landesärztekammer.
Erick Bodendieck, Präsident der Sächsischen Landesärztekammer kritisiert die Kommerzialisierung von Medizin. Bildrechte: Erick Bodendieck

Pandemie hat Entwicklung beschleunigt

Der medizinische Direktor des Städtischen Klinikum Dresden Sebastian Schellong spricht sich ebenfalls für eine Reform der Krankenhäuser aus. "Die Pandemie hat eine Entwicklung beschleunigt, die der Krankenhauslandschaft in Deutschland ohnehin bevorstand. Die bedarfsgerechte Neusortierung darf jetzt aber nicht ohne Steuerung ablaufen", sagte Schellong "Dienstags direkt" von MDR SACHSEN. Das Städtische Klinikum Dresden hat mit einer der größten Corona-Stationen der Region auf der Spitze der Corona-Wellen im Durchschnitt gleichzeitig hundert Corona-Patienten versorgt. Gleichzeitig kämpft der kommunale Eigenbetrieb seit Jahren mit Verlusten. Per Zukunftskonzept soll das Krankenhaus bis zum Jahr 2023 saniert und organisatorisch zum Spezialanbieter in verschiedenen Bereichen umgebaut werden.

Die Pandemie hat eine Entwicklung beschleunigt, die der Krankenhauslandschaft in Deutschland ohnehin bevorstand.

Professor Sebastian Schellong medizinische Direktor des Städtischen Klinikum Dresden

Professor Sebastian Schellong, Medizinischer Direktor des Städtischen Klinikums Dresden.
Professor Sebastian Schellong hofft auf eine gut gesteuerte Reform der Krankenhausfinanzierung. Bildrechte: Sebastian Schellong

Gesundheitsminister will Krankenhausfinanzierung ändern

Seit Jahren wird eine Reform der Krankenhausfinanzierung gefordert, seit Jahren ist es nicht zum Durchbruch gekommen. Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) kündigte jetzt zum DRG-Forum vor zwei Wochen einen Entwurf für eine Reform sowie eine Expertenkommission an. "Kurzfristig" wolle er die Rahmenbedingungen der Krankenhausfinanzierung – also das diagnosebezogene Fallpauschalen-System – modifizieren, erklärte Lauterbach (SPD) in einer Videobotschaft auf dem Forum. Die Ausgliederung der Pflege aus dem DRG-System in der vergangenen Legislaturperiode sei der Beginn gewesen. Die "bedarfsgerechte Finanzierung der Pädiatrie und Geburtshilfe" solle nun Gegenstand eines der nächsten Gesetzesentwürfe werden.

Was versteht man unter der DRG Fallpauschale? Eine Diagnosis Related Group (DRG) ist eine diagnosebezogene Fallgruppierung, die Erkrankungen mit ähnlichen Kosten zusammenfasst. Eine G-DRG wird auch als Fallpauschale bezeichnet. Im Jahr 2021 sind insgesamt 1.285 DRGs für stationäre Krankenhausleistungen generiert worden.

Patientenberatung fordert ebenfalls Reform

Die Unabhängige Patientenberatung fordert eine zügige Reform: "Viel zu lang wurde eine grundsätzliche Krankenhausstrukturreform vertagt. Wir benötigen eine sektorenübergreifende Bedarfsplanung und Finanzierung sowie regionale Versorgungskonzepte", erklärt Marcel Weigand von der Unabhängige Patientenberatung MDR SACHSEN. Für die Wahl einer geeigneten Klinik bräuchten Patienten und Patientinnen deutlich mehr Informationen und Unterstützung.

Marcel Weigand, Unabhängige Patientenberatung, Leiter für Kooperation und digitale Transformation.
Marcel Weigand von der Unabhängigen Patientenberatung setzt auch auf regionale Versorgungskonzepte. Bildrechte: Marcel Weigand

Können Krankenhäuser mit der Fallpauschale noch ausreichend finanziert werden – und mit welcher Qualität? Wie geldgetrieben sind die Krankenhäuser? Wie kommerziell darf Medizin sein? Müssen die Krankenhäuser reformiert werden und wie können Zukunftskonzepte aussehen? Über diese und viele weitere Fragen sprechen wir bei Dienstags direkt.

Moderation: Sina Peschke
Redaktionsmitarbeit: Katrin Tominski
Redaktionsleitung: Ines Meinhardt

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Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN | Dienstags Direkt | 05. April 2022 | 20:00 Uhr