Dienstags direkt | 23.08.2022 | 20 - 23 Uhr Rohstoff Bildung – nutzen wir unser Potential?

Der Zugang zu Bildung ist entscheidend für den Lebensweg eines Menschen. Deutschland bietet da beste Voraussetzungen – eigentlich. Denn wie die damalige Bundesbildungsministerin Anja Karliczek bei der Vorstellung der jüngsten OECD-Bildungsstudie sagte, sind wir in puncto Chancengerechtigkeit noch nicht am Ziel. Die Gründe dafür sind vielfältig. Über einige davon wollen wir am Dienstagabend sprechen.

Eine Schülerin der fünften Klass hebt im Unterricht den Finger.
Ist die Bildung in Deutschland gerecht? Bietet sie die gleichen Chancen für alle? Das ist unser Thema bei "Dienstags direkt". Bildrechte: dpa

Gäste:

  • Yasmin Mei-Yee Weiß, BWL-Professorin (TH Nürnberg), Startup-Gründerin, Expertin für digitale Bildung & Arbeitswelt der Zukunft
  • Birgit Kilian, Schulleiter-Coaching und Schulentwicklung
  • René Michel, Lehrer / stellvertretender Landesvorsitzender des Sächsischen Lehrerverbandes
  • Annett Lungershausen, Leiterin des Projektes "mittendrin" der Dresdner Volkshochschule mit Lernpate Enrico Bakan

Im Interview:

  • Professor Gerhard Roth, Entwicklungs-Neurobiologe & Autor des Buches "Schule mit Köpchen"
  • Silke Fokken, Journalistin und Autorin des Buches "Krisenkinder"
  • Stefan Vaes, Gymnasiallehrer und Lehrer-Ausbilder in Belgien
  • Martin Rücker, Journalist/Verbraucherrechts-Aktivist

Als "Land der Dichter und Denker" – so wird Deutschland seit rund zweihundert Jahren bezeichnet. Brillante Autoren, Wissenschaftler und Ingenieure haben diesen Ruf immer wieder gefestigt. Doch zunehmend droht dieser wichtige "Rohstoff Bildung" zu versiegen. In Ländervergleichen, wie der OECD-Studie von 2021, stehen wir bisher noch gut da. Dennoch warnen Bildungsexperten, dass Deutschland vor allem bei der Digitalisierung und bei der Motivation junger Menschen, sich Wissen anzueignen, den Anschluss verlieren könnte.

Yasmin Mei-Yee Weiß, BWL-Professorin (TH Nürnberg), Startup-Gründerin, Expertin für digitale Bildung & Arbeitswelt der Zukunft
Bildrechte: Charlotte Starup

Wir sind dabei, durch eklatante Defizite in der Bildung - vor allem in der digitalen Bildung - unseren Wohlstand sowie die Zukunft nachfolgender Generationen zu gefährden.

Yasmin Mei-Yee Weiß BWL-Professorin (TH Nürnberg), Startup-Gründerin, Expertin für digitale Bildung & Arbeitswelt der Zukunft

Persönlichkeiten treffen im Klassenzimmer aufeinander

"Wenn alles schläft und einer spricht, so nennt man dieses Unterricht". Der launige Spruch wird dem Schriftsteller und Zeichner Wilhelm Busch zugeschrieben. Und tatsächlich haben viele von uns ähnlich einschläfernde Erfahrungen während ihrer Schulzeit gemacht. Zahlreiche alternative Lernformen versuchen unentwegt, die Aufmerksamkeit der Schülerinnen und Schüler mehr zu fesseln, als der klassische Frontalunterricht. Dabei wird die Rolle der Lehrerpersönlichkeit oft vernachlässigt, sagt der Neurobiologe und Verhaltensforscher Gerhard Roth.

Roth hat gemeinsam mit dem Lehrer Michael Koop viele Jahre ein Projekt geleitet, das in einer Bremer Gesamtschule wissenschaftliche Thesen im Schulalltag untersuchte. Im gerade erschienenen Buch "Schule mit Köpfchen" fassen beide Autoren die Ergebnisse zusammen. Demnach ist zum einen ein "hirngerechter Unterricht" hilfreich, der sich von Stundenplänen löst und auf fächerübergreifende Projektarbeit setzt. Eine wesentliche Rolle spiele aber auch die Persönlichkeit der Lehrkräfte und ihr Fingerspitzengefühl im Umgang mit unterschiedlichen Schülerpersönlichkeiten. Die Motivation der Lehrenden und ihre fachliche Kompetenz würden von der Klasse schnell erkannt.

Birgit Kilian, Schulleiter-Coaching und Schulentwicklung.
Bildrechte: Anna Granzin

Die Anforderungen an das Bildungssystem haben sich massiv verändert. Routinen zu verlassen, fällt oft schwer. Doch es gibt 'andere Schulen‘ die Mut machen, neue Wege zu gehen.

Birgit Kilian Schulleiter-Coaching und Schulentwicklung

Es ist nie zu spät für den ersten Schritt

Jedes Jahr am 8. September ist Welt-Alphabetisierungstag. Er wurde vor knapp 60 Jahren von der UNESCO ins Leben gerufen. In Deutschland gelten 6,2 Millionen Menschen als gering literalisiert, d.h. sie können maximal einfache Sätze lesen und schreiben. Das entspricht einem Bevölkerungsanteil von etwa 12 Prozent. Natürlich ist es wichtig, mit so einem Tag gezielt auf das Problem hinzuweisen, für Verständnis zu werben und Betroffene zu motivieren. Allerdings ist die Arbeit nicht mit einem Aktionstag im Jahr getan. Deshalb gibt es zahlreiche Angebote, wie das, welches die Volkshochschule Dresden gemeinsam mit der SG Dynamo Dresden auf den Weg gebracht hat. Das Projekt "mittendrin - mit Kopf und Ball" will neue Wege beschreiten. Die Idee: im voll besetzen Stadion sind statistisch etwa 3.600 gering literalisierte Menschen, die man ansprechen kann. Das geschieht niederschwellig und ist erfolgreich. So das Fazit zur Projekt-Halbzeit zu Beginn des Jahres. Vertreterinnen von Volkshochschule und Verein sowie ein Lernpate berichten bei Dienstags Direkt darüber. Inzwischen ist Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer "mittendrin"- Schirmherr.

Nicht nur Studenten brauchen das richtige Futter

Dass es einen Zusammenhang zwischen Ernährung und Bildungschancen gibt ist im ersten Moment vielleicht etwas überraschend. Der Journalist und Verbraucherrechtsaktivist Martin Rücker macht in seinem kürzlich erschienenen Buch "Ihr macht uns krank!" darauf aufmerksam. Er beschreibt, welche Folgen eine aus seiner Sicht verfehlte Ernährungspolitik hat und wie Lobby-Verbände und Politik miteinander verflochten sind. Der Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Gesamtverbands Ulrich Schneider, der im Juli Gast bei Dienstags Direkt war, schreibt, Rückers Buch lege "den Finger in eine kaum thematisierte Wunde unserer Gesellschaft".

So sei im Wohlstandsstaat Deutschland eine gesunde Ernährung für Millionen Menschen ein Luxus, den sie sich nur selten leisten können. Dass die Politik zulasse, dass gerade Kinder darunter leiden, sei ein Skandal, meint Rücker. Schon das Embryo werde in seiner Entwicklung gestört, wenn die Mutter sich nur mangelhaft ernähren könne. In der Wissenschaft sei das mit der "1.000-Tage-Regel" belegt. Was zwischen Empfängnis und zweitem Geburtstag versäumt werde, sei kaum aufzuholen. Fehle es in dieser Zeit an Vitaminen und Mineralien, könne sich das Gehirn nicht richtig entwickeln.

René Michel, Lehrer / stellvertretender Landesvorsitzender des Sächsischen Lehrerverbandes.
Bildrechte: Fotostudio Dresden konvex

Ich sehe den erfüllenden Beruf Lehrer als Berufung, der das leider immer weniger sein darf und somit geht viel Potential verloren.

René Michel stellvertretender Landesvorsitzender des Sächsischen Lehrerverbandes

Probleme und Chancen infolge der Corona-Pandemie

"Krisenkinder" nennt die Journalistin und Buchautorin Silke Fokken die aktuelle Schüler-Generation. Zahlreiche Lockdowns, die zum Stubenarrest wurden, hätten die kindliche Entwicklung massiv beeinträchtigt. Erschwerend kam die unzureichende Vorbereitung auf digitale Lernangebote hinzu. Das habe zusätzlichen Stress gebracht – auf Seiten der Lehrenden, der Kinder und auch für deren Eltern. Dass die derart "abgehängten Kinder" Probleme hätten, alles aufzuholen, sei nur verständlich. Hier sei die Politik gefordert, Wiedergutmachung zu leisten. Die Kinderrechte seien beim Krisenmanagement unter die Räder gekommen.

Auf der anderen Seite hätten die Umstände auch dazu geführt, dass die Aufgabe, Schule neu zu denken, erst als solche erkannt wurde. Leistungsstarke Schülerinnen und Schüler konnten oft vom Distanzunterricht profitieren, weil er ihnen die nötigen Freiräume bot. Allerdings sei das für Kinder, die sich mit dem Lernen ohnehin schwertun, keine Lösung.

Lehrer zu sein ist ein wunderbarer Beruf. Wir arbeiten an der Zukunft. Und eigentlich ist nichts wichtiger als das.

Stefan Vaes Gymnasiallehrer und Lehrer-Ausbilder

Ähnliche Erfahrung hat auch der Gymnasiallehrer und Lehrer-Ausbilder Stefan Vaes aus Brügge in Belgien gemacht. Gut an der Pandemie sei gewesen, dass die belgische Regierung Geld bereitstellte, um die Ausstattung mit Computertechnik an allen Schulen zu gewährleisten. Die habe es vor Corona in seiner Schule noch nicht gegeben. Auch in Flandern sei inzwischen ein Lehrermangel zu spüren. Zudem sei es schwer, junge Menschen zu motivieren, den Lehrerberuf zu ergreifen. Dabei sei das aus seiner Sicht unverständlich. Wörtlich sagte er im Interview mit MDR SACHSEN: "Lehrer zu sein ist ein wunderbarer Beruf. Wir arbeiten an der Zukunft. Und eigentlich ist nichts wichtiger als das."

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN | Dienstags direkt | 23. August 2022 | 20:00 Uhr