Podcast: Wie tickt der Osten Schublade "Ossi" - Warum wir reden müssen

Die "Ossis" sind mehr als ein sächselnder Haufen, der FKK liebt, in Jogginghose Bier trinkt und anders wählt als der Westen. Trotzdem werden Ostdeutsche auch nach über 30 Jahren in Schubladen gesteckt. Wie diskriminierend Klischees  sind und warum sie die wirklich wichtigen Diskussionen für den Osten verhindern – das Thema im Podcast von "Dienstags direkt".

Ein Passant geht an an einem Wandbild von Caspar Kirchner mit der deutschen Nationalflagge und dem Schriftzug Ossi oder Wessi? vorbei 120 min
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MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | Dienstags direkt | 13.04.2021 | Podcast Schublade "Ossi" - Warum wir reden müssen

Schublade "Ossi" - Warum wir reden müssen

Die "Ossis" sind mehr als ein homogener Haufen. Trotzdem werden sie auch nach über 30 Jahren in Schubladen gesteckt. Warum Klischees die wirklich wichtigen Diskussionen für den Osten verhindern.

MDR SACHSEN - Das Sachsenradio Di 13.04.2021 20:00Uhr 119:54 min

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Unsere Gäste:

  • Professor Steffen Mau, Soziologe HU Berlin, Autor des Buches "Lütten Klein"
  • Christian Bangel, Autor bei ZEIT Online und Begründer des #Baseballschlägerjahre
  • Katharina Warda, ostdeutsche Soziologin, Autorin "Der Ort aus dem ich komme, heißt Dunkeldeutschland"
  • Henriette Stapf, Henriette Stapf, freie Kulturarbeiterin (u.a. "Biografiearbeit Dritte Generation Ost“)
  • Jörn Diederichs, Künstler. Der Maler aus der Region Bremen kam 1992 zum Studium an die Kunsthochschule  Dresden

Unsere Gäste

Steffen Mau, Makrosoziologe
Professor Steffen Mau, Soziologe HU Berlin, Autor des Buches „Lütten Klein“

"Der Osten ist noch lange nicht ausdiskutiert, aber es braucht ein vielstimmiges Reden im und mit dem Osten, weniger ein Reden über ihn."
Bildrechte: juergen-bauer.com
Steffen Mau, Makrosoziologe
Professor Steffen Mau, Soziologe HU Berlin, Autor des Buches „Lütten Klein“

"Der Osten ist noch lange nicht ausdiskutiert, aber es braucht ein vielstimmiges Reden im und mit dem Osten, weniger ein Reden über ihn."
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Katharina Warda
Katharina Warda
ostdeutsche Soziologin, Autorin "Der Ort aus dem ich komme, heißt Dunkeldeutschland"

"Im Osten fehlen wichtige Stimmen! Anstelle eines Sprecher ÜBER braucht es ein Sprechen AUS dem Osten.  Anstelle von Klischees und immer gleicher Stereotype, braucht es authentische Geschichten, neue Erzählweisen und kritisch Reflexionen. Und das muss so bunt und vielfältig sein wie der Osten selbst."
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Henriette Stapf, Gründerin des Vereins "Mein Leben entdecken"
Henriette Stapf, freie Kulturarbeiterin (u.a. "Biografiearbeit Dritte Generation Ost“)

"Ein innerostdeutscher Austausch eröffnet die Möglichkeit zu reflektieren, wie die DDR-, Umbruchs- und Transformationszeit jeweils erlebt wurde und zu erkennen, wie vielfältig dieses Erleben sein konnte. Er bietet die Möglichkeit zu einem neuen Verständnis von Vergangenheit und Gegenwart zu gelangen, sich von Zuschreibungen zu lösen und zu neuen Selbstbeschreibungen zu kommen. Er kann dazu beitragen, dass Verantwortung bewusst und übernommen wird."
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Portrait-Foto des Künstlers Jörn Diederichs
Jörn Diederichs, Künstler. Der Maler aus der Region Bremen kam 1992 zum Studium an die Kunsthochschule  Dresden.

"Es gibt nicht DIE Ossis (oder Wessis.)"
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Christian Bangel, Autor bei ZEIT Online und Begründer des #Baseballschlägerjahre Bildrechte: Christian Bangel
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Die "Jammerossis " oder auch die "typisch kalt-arrogant-egoistischen Wessis" – seit mehr als 30 Jahren werden immer noch Menschen in Schubladen gepackt. Dabei verhindern gerade stereotype Zuweisungen, dass wirklich konstruktive Diskussionen über den Osten, den Westen und das gesamte Deutschland entstehen können – auch vor dem Hinblick aktueller politischer Entwicklungen.

Was verbirgt sich hinter dem Begriff "Ossi"?

Doch was verbirgt sich hinter dem Begriff "Ossi"? Was eint Ostdeutsche und worin unterscheiden sich Millionen Menschen aus den neuen Bundesländern? "Der Osten ist noch lange nicht ausdiskutiert, aber es braucht ein vielstimmiges Reden im und mit dem Osten, weniger ein Reden über ihn", erklärt Steffen Mau, Professor für Makrosoziologie und Autor des Buches "Lütten Klein" im Gespräch mit MDR SACHSEN im Vorfeld der Sendung. Mau ist selbst in einer Plattenbausiedlung in Rostock aufgewachsen. Er fordert einen neuen Dialog zwischen den Ostdeutschen.

Fehlende Stimmen

"Im Osten fehlen wichtige Stimmen! Anstelle eines Sprechens ÜBER braucht es ein Sprechen AUS dem Osten", erklärt auch die ostdeutsche Soziologin Katharina Warda. "Anstelle von Klischees und immer gleicher Stereotype, braucht es authentische Geschichten, neue Erzählweisen und kritisch Reflexionen. Und das muss so bunt und vielfältig sein wie der Osten selbst."

Lebensläufe reflektieren

Eine Verständigung fordert auch die Kulturarbeiterin Henriette Stapf, die Biographieworkshops organisiert. "Ein innerostdeutscher Austausch eröffnet die Möglichkeit zu reflektieren, wie die DDR-, Umbruchs- und Transformationszeit jeweils erlebt wurde und zu erkennen, wie vielfältig dieses Erleben sein konnte", sagte Stapf MDR SACHSEN.

Biographien entwickelten sich schlagartig auseinander

Schon in der DDR waren nicht alle Bewohner gleich, auch hier gab es Unterschiede zwischen den Generationen, den politischen Einstellungen und den Ansprüchen an das Leben. Doch spätestens nach der Wiedervereinigung entwickelten sich die Biographien der Ostdeutschen fast explosiv auseinander. Neben der politischen Aufarbeitung, auch rund um die Stasi, erlebt die Gesellschaft im Ganzen einen fundamentalen Umbruch.

Zwischen Neonazis , Punks und Techno in leeren Fabriken

Während die einen im Erwachsenenleben und in neuer Freiheit richtig durchstarteten, bangten andere um Jobs und Familie, verloren tausende ihre Arbeit. Die Geburtenrate knickte ein. Teenies starteten mit Unsicherheit und manche sogar ohne Orientierung in das Erwachsenenleben. Die Jugendkultur polarisierte sich, Neonazis zogen über die Dörfer, Punks in Abbruchhäuser und Tanzende mit Drogen auf Technopartys umher – oder ist diese Feststellung auch gleich wieder Klischee?

Die 90iger Jahre wirken nach

Die Auswirkungen der Transformation in den 90iger Jahren sind heute noch zu spüren. So schreibt Steffen Mau in der Einleitung seines Buchs "Lütten Klein": "Eine frakturierte Gesellschaft ist anfälliger für Stimmungen, die aus dem Gefühl des Zu-Kurz-Kommens entspringen, aus der Entwertung des eigenen Lebensmodells. (…) Der Osten nimmt möglicherweise sogar eine Pionierrolle beim populistischen Aufstand der Unzufriedenen und Frustrierten ein."

Können die Jungen vermitteln

Mau sieht eine Chance durch die Vermittlung der jungen Generation. Sie könnten sich von den "älteren Diskursen emanzipieren und zeigen, dass der Osten nicht auf einen braunen Haufen zusammengeschrumpft werden kann", erklärt er in einem MDR-Interview vom Oktober. Für Kulturarbeiterin Stapf steckt ein Schlüssel in der Verantwortung: "Ein Dialog kann dazu beitragen, dass Verantwortung bewusst und übernommen wird."

Moderation: Sina Peschke
Redaktionsmitarbeit: Katrin Tominski
Redaktionsleitung: Ines Meinhardt

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | Dienstags direkt | 13. April 2021 | 20:00 Uhr