MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | Dienstags direkt | 28.09.2021 | 20:00 - 23:00 Uhr Da war doch noch 'was... - Was bleibt von uns nach dem Tod?

Die Füße einer zugedeckten Leiche im Leichenschauhaus 68 min
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MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | Dienstags direkt | 28.09.2021 | Podcast Da war doch noch 'was... - Was bleibt von uns nach dem Tod?

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Was bleibt, wenn die letzte Tür des Lebens vom Tatortreiniger geöffnet wird? Was in unserem Leben hält einer kritischen Überprüfung stand, wenn uns der Blick auf das Ende das Blut in den Adern gefrieren lässt?

MDR SACHSEN - Das Sachsenradio Di 28.09.2021 20:00Uhr 68:00 min

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Es sind zwei Klicks im Internet, die erklären, welche Voraussetzungen ein Tatortreiniger mitbringen muss. Von Vorteil ist demnach eine Ausbildung zum Gebäudereiniger, mit einer Zusatzqualifikation zum Desinfektor. Und im Schnitt schrubbt dieser Job wohl 3.000 Euro brutto pro Monat in die Tasche. Nicht das schlechteste Angebot – ist da vielleicht der erste Gedanke. Der zweite Gedanke: Was erwartet einen dann am Tatort?

Thomas Kundt bringt bereits auf den ersten Seiten seines Buches etwas Aufklärung. Nach einem Suizid war er gefragt. Gemeinsam mit seiner Mutter, so beschreibt er seinen Berufseinstieg, hat er alle Hände voll zu tun gehabt:

Was sollte ich nur tun? Blut und Hirnmasse, aber alles sehr frisch. Sie müssten in ein paar Stunden durch sein. Vielleicht war es gar nicht so schlimm, wie ich es mir ausmalte. Ob man jetzt verschütteten Tomatensaft wegmacht oder eben Blut, das Konzept war dasselbe.

Thomas Kundt | Tatortreiniger "Nach dem Tod komm ich"

Ja, wer etwas Fantasie hat, wird schnell darauf kommen. Das hört sich schaurig an, spiegelt aber nur teilweise die Realität wider.

Bereits nach wenigen Schritten stand ich mitten in einer Lache aus Blut und Urin und wer weiß, was sonst noch. Dickflüssige Pampe, einen knappen Zentimeter hoch, verteilt über mehr als einen Quadratmeter. Und in der Pampe immer wieder Stückchen. Hirnmasse, dachte ich und schauderte.

Thomas Kundt | Tatortreiniger "Nach dem Tod komm ich"

Auch wenn das langsam rechtfertig, dass ein Tatortreiniger etwas besser bezahlt wird, als die Haushaltshilfe, die gelegentlich hilft das Chaos im Kinderzimmer zu beseitigen,gibt es Momente, in denen die Vorstellungskraft von der Realität überholt wird. Bisweilen liegt der Tote eine Weile - mehrere Wochen - auf dem Sofa. Dann muss selbst der Tatortreiniger sehr tapfer sein:

Leichenflüssigkeit ist etwas dickflüssiger als Wasser und rutschig wie Schmierseife. … die Klamotten rutschten mir trotzdem immer wieder durch die Finger. …der linke Schuh machte keine Probleme und landete ebenfalls schnell im Sack. Der rechte rutschte mir aus der Hand … wobei irgendetwas aus dem Schuh herauspurzelte. Eine schwarze Walnuss? ...plötzlich erkannte ich einen Zehennagel. Das war … der große Zeh des toten Mannes!

Thomas Kundt | Tatortreiniger "Nach dem Tod komm ich"

Was bleibt also, wenn die letzte Tür des Lebens vom Tatortreiniger geöffnet wird? Entsetzen? Menschliches? Bilder, die wir üblicherweise und mit gutem Grund aus unserer Welt verbannen? Auch wenn nicht jeder Tod in Krimimanier endet, fast alle Menschen friedlich und begleitet von Brückenteams und Angehörigen aus dem Leben treten, so spiegeln wir in der Sendung zwei Seiten des Abschieds. Und um beide etwas besser verstehen zu können, lohnt es sich, die Gedanken kreisen zu lassen und die vielfältigen Fragen zu beantworten. Mit Sicherheit relativiert sich da der alltägliche Stress. Was in unserem Leben hält einer kritischen Überprüfung stand, wenn uns der Blick auf das Ende von Zeit zu Zeit das Blut in den Adern gefrieren lässt?

Unsere Gäste sind vom menschlichen Ende täglich berührt - nicht über Umwege, sondern ganz direkt.

Einen Frau auf einem Friedhof mit gelben Blättern in den Händen
Bestatterin Claudia Bergmann-Staercke Bildrechte: Bergmannbestattungen

Wir werden oft gefragt, ob es nicht deprimierend ist, so viel mit traurigen Menschen zusammen zu sein. Ja, manchmal ist es so. Aber es sind nicht unsere Geschichten. Wir sind nur Begleiter, die mit Mitgefühl und einer gewissen Klarheit das Tor zur Trauer öffnen und versuchen, auf dunklen Wegen etwas Licht am Wegesrand zu gewähren.

Thomas Kundt | Tatortreiniger und Autor von "Nach dem Tod komm ich"

Ein Mann mit schwarzem T-Shirt und der Aufschrift 'Sächsische Tatortreinigung'.
Tatortreiniger Thomas Kundt Bildrechte: DTV/Christiane Grundlach

Der Letzte wischt das Blut auf...

Moderation:

Redaktionelle Mitarbeit: Stephan Wiegand
Leitung: Ines Meinhardt

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Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | Dienstags direkt | 28. September 2021 | 20:00 Uhr