MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | Dienstags direkt | 19.01.2021 | 20:00 - 23:00 Uhr Ausbildung in Corona-Zeiten: Droht dem Arbeitsmarkt eine verlorene Generation?

Tausende Auszubildende sitzen in Sachsen derzeit auf dem Trockenen. In geschlossenen Betrieben können sie keine Praxiserfahrung mehr sammeln, müssen aber dennoch ihre Prüfungen absolvieren. Wie kommen Auszubildende durch die Corona-Pandemie? Wie blicken Ausbildungsbetriebe im Handwerk auf den Lockdown? Darüber sprechen wir bei Dienstags direkt.

Ausbildung in Corona-Zeiten: Eine verlorene Generation?

Unsere Gäste:
Dr. Jörg Dittrich, Präsident Handwerkskammer Dresden, Dachdecker und Hochbauingenieur
Oliver Sachsze, Auszubildender Kaufmann im Groß-und Außenhandel und Vize-Chef im Landesschülerrat
Ines Briesowsky-Graf,
Tischlerin und Kreishandwerksmeisterin Görlitz, beschäftigt viele Auszubildende und auch BA-Studierende
Peter Morawietz, Bühnenbauer Kunstgriff GmbH Veranstaltungstechnik

Die Corona-Pandemie zieht sich in alle Lebensbereiche. Während über die Situation in Schulen, Kitas und auch Universitäten schon oft gesprochen wurde, sind die Auszubildenden in den Hintergrund geraten. Doch Tausende junge Menschen absolvieren in Sachsen derzeit eine Ausbildung – auch in vielen systemrelevanten Berufen. Viele davon fühlen sich allein gelassen. "Es ist immer die Rede von Abschlussklassen, die eventuell in die Schulen zurückkehren, allerdings ist nie die Rede von den Berufsschulen", schreibt eine Gesundheits- und Krankenpflegerin in Ausbildung per Mail an MDR SACHSEN. "Meine Berufsschule benutzt keine Plattformen, wir bekommen unsere Aufgaben über Email zugeschickt. Es gibt weder Videokonferenzen noch kann gewährleistet werden, dass Auswertungen rechtzeitig zurück gesendet werden", erklärt sie MDR SACHSEN. Es seien viele prüfungsrelevante Themen gelaufen, die sie sich komplett selbst erarbeiten habe müssen, "ohne Feedback der Lehrer". "Für uns geht es um einen Abschluss", schreibt die angehende Pflegerin.

In unserem Beruf geht es um Menschenleben und wir fühlen uns total alleine gelassen. Wir sollen in acht Monaten alleine für Patienten sorgen und können mit der Verantwortung aufgrund von Themen, die wir nur selbst erarbeitet haben, nicht leben.

Auszubildende Gesundheits- und Krankenpflegerin

Abschlüsse sind wichtige Bausteine für das Leben

Die Schule und später die Ausbildung oder das Studium prägen das Leben. In dieser Zeit häufen die jungen Menschen Wissen an, sammeln Erfahrungen, entdecken Neues und treffen erste Entscheidungen über den beruflichen Werdegang. Der jeweilige Abschluss ermöglicht die nächsten Schritte im Beruf, denn er bedeutet Zugänge zu konkreten Jobs und eine entsprechende Bezahlung. Der Lohn und auch andere Konditionen entscheiden sich oft allein über den Berufs- und Bildungsabschluss. Kurzum: Mit einem Abschluss gibt es leichter Jobs, mehr Geld und bessere Arbeitsbedingungen. Sind diese Abschlüsse jedoch durch die Pandemie gefährdet, kann sich dies auf die Lebensläufe einer ganzen Generation auswirken.

Weniger Geld und geschlossene Betriebe

Rund 49.000 Auszubildende absolvieren nach Angaben des Freistaats derzeit in Sachsen eine duale Berufsausbildung. Auszubildende lernen beim Bäcker und Friseur, im Hoch- und Tiefbau, im Gesundheitswesen, im Handel, in der Gastronomie, im Handwerk und der Industrie. Sie lernen Berufe in fast allen Lebensbereichen und Branchen, die wichtige Pfeiler der Gesellschaft darstellen. Die Pandemie zwingt viele Auszubildende durch die geschlossenen Betriebe jedoch zu einem Praxis-Stopp. Das raubt ihnen die für die Abschlussprüfung so wichtige Erfahrung und auch Geld. Durch die Kurzarbeit der ohnehin oft kargen Ausbildungsgehälter bleibt vielen jungen Menschen nur wenig Geld zum Leben.

Viele Auszubildende haben Ängste und Sorgen

"Ängste und Sorgen haben derzeit viele Auszubildende in Sachsen", erklärte Ulrike Jacob von der Gewerkschaft Verdi in Leipzig MDR SACHSEN Ende des vergangenen Jahres. "Es ist eine schwierige Situation, die nach individuellen Lösungen verlangt." Die junge Gewerkschafterin empfahl, sich an die Jugend- und Auszubildendenvertretung des jeweiligen Unternehmens zu wenden, eine Art Betriebs- und Personalrat für Auszubildendenangelegenheiten. "Wer diese Möglichkeit nicht hat, sollte eine außerbetriebliche Interessensvertretung gründen, kollektiv aufzutreten macht auf jeden Fall Sinn", sagte Jacob.

Handwerksbetriebe zögern beim Ausbildungsstart

Die Corona-Pandemie hat sich jedoch nicht nur auf den Verlauf, sondern auch auf den Start der neuen Ausbildungen ausgewirkt. "Vor dem Hintergrund ungewisser wirtschaftlicher Folgen pausierten viele Betriebe mit der Aufnahme neuer Auszubildender", sagte Daniel Siegel, der Kreishandwerkschef des Landkreises Görlitz.

Wie sieht die Zukunft der Auszubildenden aus?

Wie sieht die Zukunft der Azubis aus? Können die vielen Tausend Auszubildenden in diesem Jahr ihren Abschluss machen? Mit welchen Herausforderungen kämpfen sie? Wie bereiten sie sich auf die Prüfungen vor? Werden diese verschoben oder die Anforderungen angepasst? Wo bekommen sie Hilfe und werden sie von ihren Betrieben unterstützt? Bekommen die jetzigen Auszubildenden Probleme auf den Arbeitsmarkt in den nächsten Jahren? Darüber sprechen wir bei Dienstags direkt.

Im Handwerk wächst Unmut über Corona-Hilfen

Doch nicht nur der Nachwuchs ächzt unter der Pandemie. Auch erfahrene Handwerker kämpfen mit den Corona-Schutzmaßnahmen. Viele Betriebe sind geschlossen, vielen sind die Einnahmen komplett weggebrochen. Während Handwerker wie Maler, Sanitärtechniker und Elektriker relativ unkompliziert weiterarbeiten können, stockt das Geschäft im Bereich der körpernahen Dienstleistungen. Weder Friseure noch Kosmetiker können ihren Beruf gerade derzeit ausüben. Aber auch Bühnenbauer bzw. Veranstaltungstechniker haben mittlerweile schon seit fast einem Jahr ihre Geschäftsgrundlage verloren, weil sie schlichtweg keine Bühnen mehr aufbauen können. Wegen ihrer existenziellen Probleme wächst im Handwerk der Unmut über die schleppende und komplizierte Auszahlung der Corona-Hilfen. "Unsere Betriebe sind auf Hilfen unbedingt angewiesen, um über die Durststrecken zu kommen", sagte Handwerkspräsident Hans Peter Wollseifer der deutschen Handwerkszeitung. Wenn Unternehmen um ihre Existenz bangen, können sie nicht ausbilden.

Ausbildung in Corona-Zeiten: Droht dem Arbeitsmarkt eine verlorene Generation? - unser Thema bei "Dienstags direkt"

Leitung: Ines Meinhardt
Moderation: Jan Kummer
Redaktionelle Mitarbeit: Katrin Tominski

Quelle: MDR/kt

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR | 19.01.2021 | 20:00 Uhr