MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | Dienstags direkt | 21.07.2020 Manche mögen's wild - Rückzugsräume für die Natur in Sachsen

Betreten Verboten! Keine Häuser, keine Straßen, nicht mal ein schmaler Wanderweg. Wo gibt es heute in Sachsen noch echte Wildnis? Und wie finden wir einen Ausgleich zwischen Naturschutz und wirtschaftlicher Nutzung? Darüber sprechen wir im Podcast.

Ausblick von einem Aussichtsturm über die Königsbrücker Heide 117 min
Bildrechte: MDR/Lucas Görlach

Den Garten einfach mal wuchern lassen? Was für die einen wunderschön ist, ist für die anderen ein absolutes Ärgernis. Die Wildnis im Nachbargarten ist jedoch keine richtige. Denn: Wirkliche Wildnis, also die sogenannte primäre Wildnis gibt es in Sachsen nicht mehr. Deutschland ist eine Kulturlandschaft. Seit Jahrhunderten prägen die Menschen hier die Natur, bestellen Felder und roden Wälder. Selbst vermeintlich unberührte Flecken Erde wurden vielleicht vor vielen Hundert Jahren einmal bewirtschaftet. Dennoch gibt es Wildnis in Sachsen.

Wildnis braucht eine Chance

Anders sieht es mit der sogenannten sekundären Wildnis aus. Sie entsteht, wenn zuvor genutzte Fläche wieder der Natur überlassen wird. In der Nationalen Strategie zur biologischen Vielfalt sind Wildnisgebiete als „ausreichend große, weitgehend unzerschnittene, nutzungsfreie Gebiete“ definiert. Hier soll sich die Natur die Landschaft wieder zurückerobern.

Eine zugewucherte Wiese mit allen möglichen Gräsern und Sträuchern, im Hintergrund ist Wald
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Natürliche Prozesse sollen dauerhaft unbeeinflusst ablaufen können. Das heißt auch: Frisst sich der Borkenkäfer durch einen Wald oder wird eine große Fläche durch Feuer zerstört, dann ist das eben so. Die Natur wird damit umgehen und sicher neues Leben schaffen. Gebiete, die komplett der Natur überlassen werden sind relativ selten. In Sachsen gibt es beispielsweise im Nationalpark Sächsische Schweiz eine große Fläche von ungenutztem Wald. Das bedeutendste Wildnisgebiet jedoch befindet sich nördlich von Dresden.

Früher Truppenübungsplatz, heute Naturentwicklungszone

Die Königsbrücker Heide, ca. 30 Kilometer von der sächsischen Landeshauptstadt entfernt, erstreckt sich insgesamt über ca. 7000 Hektar. Im gut 5000 Hektar großen Kernbereich des Naturschutzgebietes findet überhaupt keine Nutzung durch den Menschen mehr statt. Das hat sicher auch mit den unzähligen Sprengkörpern und Munitionsresten zutun, die immer noch im Boden liegen.

Eine Schranke über einem Waldweg. Daran ein Schild mit der Aufschrift 'Betreten Verboten' und einem Warnhinweis vor Kampfmittel-Belastung
Bildrechte: MDR/Lucas Görlach

Zwischen 1906 und 1992 wurde das Gebiet als Truppenübungsplatz genutzt. Zuerst für die Armee des Kaiserreiches, dann für die Wehrmacht und zuletzt für die rote Armee. In dieser Zeit waren bei Königsbrück zehntausende Soldaten sowie mehrere Atomsprengköpfe stationiert. In Zukunft soll die Königsbrücker Heide das erste international anerkannte Wildnis­gebiet Deutschlands werden.

Wie viel Wildnis ist zu viel Wildnis?

Es gibt gute Gründe dafür, mehr Wildnis zu wagen. Durch die Forschung an der Wildnis lassen sich beispielsweise neue Erkenntnisse für Hochwasserschutz oder Waldbewirtschaftung gewinnen. Außerdem erholt sich in großen Naturschutzgebieten die Landschaft allmählich. Das trägt zur Artenvielfalt bei. Ein weiterer Effekt, der vor allem den Menschen in der unmittelbaren Umgebung nutzt: Die Randgebiete der Schutz-Zonen eignen sich gut zur Erholung. Hier kann Natur erlebt und genossen werden.

Ein Schild mit der Aufschrit 'Naturschutzgebiet' und einer abgebildeten Eule.
Bildrechte: MDR/Lucas Görlach

Insgesamt stehen die Menschen in Deutschland der Wildnis offen gegenüber. Eine Studie aus dem Jahr 2013 hat herausgefunden, dass sich nur 11% der Menschen gegen Wildnis aussprechen.

Es ist sehr gut für die Umwelt, dass sie sich ausbreiten kann, wie sie es gern möchte. Die Luft ist auf jeden Fall sehr viel besser, als in der Stadt. Und hier ist absolute Ruhe, man hört nur die Tiere. Das sollte es öfter geben.

Ein Radfahrer am Rand der Königsbrücker Heide

Wenn man so will, hat die Wildnis für den Menschen aber auch Nachteile. Diese Flächen sind für eine land- oder forstwirtschaftliche Nutzung verloren. Zudem kostet die Betreuung der Randgebiete und Wanderwege um die Schutzzonen herum Geld. Brauchen wir in Sachsen dennoch mehr Raum für Natur? Wie können wir zwischen wirtschaftlichen Interessen und den Bedürfnissen des Umweltschutzes abwägen? Darüber sprechen wir im Podcast mit unseren Gästen.

Eindrücke vom Rand der Königsbrücker Heide

Ein zugewucherter ehemaliger Militär-Kontrollpunkt im Wald
Bildrechte: MDR/Lucas Görlach
Ein zugewucherter ehemaliger Militär-Kontrollpunkt im Wald
Bildrechte: MDR/Lucas Görlach
Ein Baumstamm am Wegesrand mit einem Turm-Symbol darauf
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Ein hoher Aussichtstum aus Holz
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Blick von einem Aussichtsturm mit Legende
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Panorama der Königsbrücker Heide
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Unsere Gäste:

René Sievert, Stellvertretender Vorsitzender des NABU Sachsen

Ein Mann mit dunklen Haaren und Bart.
Bildrechte: NABU/Guido Rottmann

Echte Wildnis braucht Platz. Zum Glück haben wir in Sachsen Potenzial für große Wildnisflächen. Für den NABU ist aber daneben auch "die kleine Wildnis" ein Anliegen: "Dreckecken" im Garten, "Wildwuchs" in der Stadt, "Wildes Leben" im Alltag. Und neben der "Wildnis" darf auch der Naturschutz in der "Kulturlandschaft" nicht vergessen werden.

Friedemann Klenke, Sächsisches Landesamt für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie

Ein Mann mit dunklen Haaren und Brille.
Bildrechte: SÄCHSISCHES LANDESAMT FÜR UMWELT, LANDWIRTSCHAFT UND GEOLOGIE

Wir leben in Sachsen nicht in der Wildnis, sondern in einer Kulturlandschaft. Aber wo der Mensch sich als Landnutzer zurückzieht und die freie Dynamik der Natur zulässt, entsteht eine spannende neue Wildnis, die man auch erleben und kennenlernen sollte

Reinhard Müller-Schönau, Vorstandsvorsitzender des Sächsischen Waldbesitzerverbandes

Ein Mann mit grauen Haaren im Grünen.
Bildrechte: Privat

Biologische Vielfalt – die schaffen wir aktiv!

Im Interview:
Wolfram Günther, Umweltminister Sachsen
Felix Ekardt, Vorsitzender BUND Sachsen

Redaktionelle Mitarbeit: Lucas Görlach
Leitung: Ines Meinhardt

Quelle: MDR

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN Dienstags Direkt | 21.07.2020 | 20:00 Uhr

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