MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | Dienstags direkt | 19.10.2021 | 20:00 Uhr Nachwuchssorgen und Digitalisierungsdruck: Welche Zukunft hat das Handwerk?

Materialmangel, steigende Preise, fehlender Nachwuchs – das Handwerk kämpft mit vielen Herausforderungen. Wie können Handwerker bauen ohne Material und nötige Bauteile? Wie digital werden ohne schnelles Internet? Andererseits: Sind die Zeiten wirklich so hart? Erlebt die Baubranche nicht gerade einen Boom mit guter Auftragslage, die vielen ein sicheres Einkommen garantiert? Was können Handwerker und Handwerkerinnen als Arbeitgeber für faire und attraktive Arbeitsbedingungen tun?

Etwa 130 Berufe, 36.500 Unternehmen, etwa 285.000 Menschen - das Handwerk in Sachsen reicht über breite Bevölkerungsschichten in viele Bereiche der Gesellschaft. Die MDR-Themenwoche legt den Fokus auf Menschen, deren Tätigkeiten oft als selbstverständlich gelten. Bäcker, Maler, Bauarbeiter und viele andere.

Gäste:

  • Matthias Forßbohm. Präsident der Handwerkskammer Leipzig und Maurermeister
  • Bäckermeister Jens Hennig
  • Anett Fritzsche, Beauftragte für Innovation und Technologie Handwerkskammer Leipzig
  • Malermeister Jonathan Eichler
  • Moderation: Jan Kummer


Diskussion Dienstags direkt: Wo liegt die Zukunft des Handwerks?

Malermeister Jonathan Eichler.
Malermeister Jonathan Eichler: "Handwerk ist Werk der Hand beseelt vom Herzen, geleitet vom Verstand." Bildrechte: Jonathan Eichler
Malermeister Jonathan Eichler.
Malermeister Jonathan Eichler: "Handwerk ist Werk der Hand beseelt vom Herzen, geleitet vom Verstand." Bildrechte: Jonathan Eichler
Anett Fritzsche, Beauftragte für Innovation und Technologie Handwerkskammer Leipzig.
Anett Fritzsche, Beauftragte für Innovation und Technologie Handwerkskammer Leipzig: "Das Handwerk ist digitaler als sein Ruf." Bildrechte: Anett Fritzsche
Didi, Jens Hennig
Bäckermeister Jens Hennig Bildrechte: Jens Hennig
Matthias Forßbohm. Präsident der Handwerkskammer Leipzig und Maurermeister.
Matthias Forßbohm, Präsident der Handwerkskammer Leipzig und Maurermeister:
"Das Handwerk hat sich in Coronazeiten einmal mehr als systemrelevant erwiesen. Bei uns können Menschen nicht nur berufliche Erfüllung, sondern auch krisenfeste Arbeitsplätze in ihrer Heimatregion finden."
Bildrechte: Matthias Forßbohm
Jan Kummer
Moderator Jan Kummer führt durch den Abend und das Podium. Im Anschluss an die Diskussion können Bürgerinnen und Bürger im Rahmen der Aktion "MDR mittendrin" mit den Handwerkern und den Podiumsgästen in das Gespräch kommen. Bildrechte: Martin Jehnichen/Backhaus Hennig
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Knappe Baumaterialien und hohe Preise beschäftigen Unternehmen und Kunden in Sachsen und Mitteldeutschland. Etwa neun von zehn Bauunternehmen in Ostdeutschland sind beispielsweise von Lieferengpässen betroffen. Bei über der Hälfte davon kommt es deswegen zu Bauverzögerungen. Das ist das Ergebnis einer Umfrage des Bauindustrieverbandes Ost (BIVO) – bereits aus dem Sommer.

Große Probleme gäbe es bei der Beschaffung von Kunststoffen (77 Prozent), Holz (75 Prozent), Stahl (66 Prozent) und Dämmstoffen (51 Prozent). Aber auch Ziegel, Pflaster, Trapezbleche und Lacke sind der Umfrage zufolge Mangelware geworden. "Jedes fünfte Unternehmen befürchtet Auswirkungen auf die Auftragssituation und damit auf die Beschäftigungsentwicklung", sagte Robert Momberg, BIVO-Hauptgeschäftsführer.

Seriöse Angebote mit schwankenden Preise?

Wie sich schwankende Preise direkt auf das Geschäft auswirken, erläuterte Matthias Forßbohm, Präsident der Handwerkskammer (HWK) Leipzig MDR SACHSEN. "Wenn wir keine zuverlässigen Materialpreise haben, können wir auch keine serösen Angebote abgeben."

Matthias Forßbohm. Präsident der Handwerkskammer Leipzig und Maurermeister.
Matthias Forßbohm. Präsident der Handwerkskammer Leipzig und Maurermeister. Bildrechte: Matthias Forßbohm

Unter Angebote der öffentlichen Hand kann ich unschwer schreiben, 'das ist hier nur eine grobe Kostenschätzung', da fliege ich sofort aus dem Bieterverfahren raus. Und Preisgleitklauseln können wir im Moment noch nicht durchsetzen.

Matthias Forßbohm Präsident der Handwerkskammer (HWK) Leipzig

Laut Statistischem Bundesamt sind die Preise für Konstruktionsvollholz von Mai 2020 bis Mai 2021 um 83,3 Prozent gestiegen. Der Leipziger HWK-Chef warnt davor,  die Verantwortung für die Preissteigerung auf die Handwerker abzuschieben. "Es gefällt uns auch nicht, dass die Preise steigen und schwanken. Doch wir können als Handwerker unmöglich in die Zange genommen werden", sagte Foßbohm MDR SACHSEN. "Natürlich wollen wir unseren Endverbrauchern zuverlässige Preise übermitteln. Doch die Hersteller wollen nicht auf ihren Kosten sitzen bleibe und geben diese weiter, wie wir auch. Am Ende trifft es leider Gottes den Endverbraucher - das macht uns auch nicht glücklich."

Nachwuchs – wie kann Handwerk für junge Menschen attraktiv werden?

Didi, Jens Hennig
Eine ostdeutsche Erfolgsgeschichte: Jens Hennig hat seine Bäckerei vom kleinen Familienbetrieb zum großen Backimperium entwickelt - heute zählt sein Betrieb über 77 Filialen in Mittdeldeutschland. Bildrechte: Jens Hennig

Doch Materialknappheit und Preisschwankungen sind nicht die einzigen Probleme, mit denen das Handwerk kämpft. Nachwuchs und Betriebsnachfolge sind längst zum zentralen Thema in allen handwerklichen Branchen geworden – besonders in Sachsen. Laut einer Studie des sächsischen Wirtschaftsministeriums beträgt das Durchschnittsalter von sächsischen Unternehmern im Handwerk heute etwa 50 Jahre, drei von zehn Inhabern sind sogar älter als 60 Jahre alt.

Systemrelevantes Handwerk

"Die Gewinnung von Nachwuchs und Fachkräften wird auch vor dem Hintergrund der demographischen Entwicklung immer relevanter", sagt der Leipziger Kammerchef Forßbohm. "Das Handwerk hat sich in Coronazeiten einmal mehr als systemrelevant erwiesen. Bei uns können Menschen nicht nur berufliche Erfüllung, sondern auch krisenfeste Arbeitsplätze in ihrer Heimatregion finden."

Höhere Ansprüche der Kunden

Malermeister Jonathan Eichler.
Malermeister Jonathan Eichler führt einen Familienbetrieb in Coswig. Bildrechte: Jonathan Eichler

"Durch das wachsende Interesse an akademisierten Berufen fällt ein großer Teil potentiellen Nachwuchses weg", erklärte Malermeister Jonathan Eichler, der in Coswig bei Dresden mit seinem Vater einen Familienbetrieb leitet. Zwar sei der Fachkräftemangel unter Malern und Lackierern bisher nicht massiv, doch "das geforderte Know-how ist oft höher als das Gebotene". "Die Ansprüche der Kunden und damit des Angebots haben sich stark gewandelt."

Handwerker installieren Solardächer

Der Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) sieht das Handwerk bei der Energiewende und auch beim barrierefreien Ausbau in einer Schlüsselrolle: "Es sind Handwerkerinnen und Handwerker, die Häuser dämmen, Ladesäulen für E-Autos aufstellen, Solardächer installieren und altersgerechte Bäder bauen", erklärt Hans Peter Wollseifer, ZDH-Präsident.

Oft fehlt schnelles Internet

Bei der Digitalisierung müsse laut ZDH-Chef Wollseifer noch nachgebessert werden. Vieles funktioniere "bei Weitem nicht so, wie wir uns das vorstellen und es im internationalen Vergleich vielfach schon selbstverständlich ist". Hier gebe es viel zu tun. Dazu gehört etwa die Versorgung mit schnellem Internet, eine umfassende Digitalisierung staatlicher Verwaltungen und Genehmigungsprozesse sowie das Sorgetragen für einen fairen Datenzugang auch kleiner und mittlerer Betriebe", erklärte Wollseifer.

Wenn Maler und Bäcker auf Instagram posten

Viel Potenzial durch digitale Techniken und Formate für die Handwerker sieht Anett Fritzsche. "Das Handwerk ist digitaler als sein Ruf und dem traditionellen Image voraus", erklärt die Beauftragte für Innovation und Technologie der HWK Leipzig MDR SACHSEN. Schon heute kombinierten Handwerksbetriebe bewährte Techniken mit digitalen Möglichkeiten. Steinmetze ließen schon längst schwere Vorarbeiten von Robotern übernehmen. Auch das Aufmaß erfolge meist digital. Zudem seien bereits viele Handwerker in sozialen Medien präsent und zeigten dort nicht nur ihre Arbeiten sondern bekämen darüber auch Aufträge. Fritzsche ist sich sicher: "Trotz aller Digitalisierung bleibt beim Handwerk jedoch weiter die Möglichkeit, etwas mit eigenen Händen zu erschaffen."

Anett Fritzsche, Beauftragte für Innovation und Technologie Handwerkskammer Leipzig.
Anett Fritzsche, Beauftragte für Innovation und Technologie Handwerkskammer Leipzig: Das Handwerk ist digitaler als sein Ruf. Bildrechte: Anett Fritzsche

Info Das Handwerk gilt mit 130 Berufen als Kern des Mittelstandes. Ob Privatverbraucher, Industrie, Handel oder die öffentliche Hand – das Handwerk bietet auf breiter Ebene Dienstleistungen und Waren. Etwa 5,6 Millionen Menschen arbeiten laut ZDH deutschlandweit im Handwerk.

Sachsen nimmt hier eine besondere Rolle ein. Laut der Studie des sächsischen Wirtschaftsministeriums "Die Wirtschaftsmacht von nebenan" aus dem Jahr 2019 hat der Freistaat die höchste Handwerksdichte bundesweit: Jedes vierte Unternehmen (36.500) gehört zum Handwerk. Mehr als 285.000 Menschen – jede/r siebente Erwerbstätige – arbeiten zudem im Handwerk. Damit weist Sachsen bundesweit die zweithöchste Beschäftigtendichte auf.

Moderation: Jan Kummer
Redaktion: Katrin Tominski
Redaktionsleitung: Ines Meinhardt

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | Dienstags Direkt | 19. Oktober 2021 | 20:00 Uhr