MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | Dienstags direkt | 27.07.2021 Zwischen Trockenheit und Flut – was bedeutet das für uns?

Naturgewalt: was dieses Wort bedeutet hat uns die Unwetterkatastrophe im Westen Deutschlands und in Teilen von Sachsen und Bayern eindrücklich vor Augen geführt. Eine von Menschen in Jahrzehnten geformte Umwelt ist nach wenigen Stunden Starkregen und Überflutungen nicht mehr wiederzuerkennen. Wie Bundeskanzlerin Angela Merkel es beim Besuch des besonders schwer getroffenen Ortes Schuld in der Eifel sagte: „Die deutsche Sprache kennt kaum Worte für die Verwüstung, die angerichtet ist“.

Ausgetrockneter Ackerboden
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Meteorologen verweisen immer wieder darauf, dass einzelne Wetterereignisse nicht als Beweis für den fortschreitenden Klimawandel ausreichen. Deren Häufung in den letzten Jahren aber sehr wohl ein klares Indiz dafür ist. Prof. Dr. Christian Bernhofer leitet an der Technischen Universität Dresden das Institut für Hydrologie und Meteorologie. Er rechnet in der Zukunft mit einer Häufung von Extremwetterereignissen. Wenn man lange Zeiträume betrachte, vollziehe sich die Erderwärmung zwar nur langsam. Die Schwankungen um den Mittelwert würden aber immer extremer und kämen in immer kürzeren Abständen. Bernhofer hat in den vergangenen Jahren die extreme Trockenheit in Gebieten wie der Lausitz verfolgt. Noch im Frühjahr warnte er, das Pendel könne auch schnell wieder in die andere Richtung ausschlagen. Dass er so schnell recht bekommen sollte, sei bitter, sagt Bernhofer.

Starkregen und Überflutungen lösen das Problem der Trockenheit nicht

Beim Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Leipzig (UFZ) wird seit Jahren ein sogenannter Dürremonitor erstellt. Dazu werden täglich die Daten aus 2.500 Messstationen zum Bodenfeuchtezustand ausgewertet und mit einem wissenschaftlichen Verfahren eine Simulation erstellt. Daraus entstehen Karten, die tagesaktuell den Dürrezustand des Bodens in unterschiedlichen Tiefen darstellen. Landwirte können von ihnen beispielsweise ablesen, wieviel Wasser für die Pflanzen verfügbar ist. Was die Karten auch zeigen: In den vergangenen 70 Jahren gab es immer wieder Jahre extremer Trockenheit. Drei Dürrejahre in Folge, wie 2018 bis 2020, gab es vorher nicht. Die Starkregenereignisse der letzten Wochen ändern nichts daran, dass die Grundwasserspeicher sich immer weiter leeren, denn die großen Regenmengen kann der Boden nicht aufnehmen. Sie fließen oberirdisch ab und sorgen dann für Überschwemmungen.

Wie bereitet wir uns auf künftige Umweltkatastrophen vor?

Sachsens Umweltminister Wolfram Günther (Grüne) hat Mitte Juli die Talsperre Rauschenbach im Landkreis Mittelsachsen besucht. Günther sieht die jüngsten Extremwetterereignisse auch als Bewährungsprobe. Die nach den schweren Flutkatastrophen verbesserten Systeme hätten sich bewährt. So habe sich die Landestalsperrenverwaltung auf die prognostizierten Niederschläge eingestellt und Vorkehrungen getroffen. Es komme aber auf eine gute Balance aus technischem und natürlichem Hochwasserschutz an. Günther nannte Renaturierung als wichtiges Ziel.

Dass wir uns noch besser auf Extremwetter einstellen müssen, ist unstrittig. Allerdings gibt es auch Stimmen, die den Zusammenhang zwischen den Unwettern der vergangenen Tage und dem Klimawandel als noch nicht erwiesen ansehen oder auch anzweifeln. Das Klima habe sich schließlich auch ohne Einfluss des Menschen über Milliarden von Jahren seit der Entstehung der Erde verändert. Sommer mit Hitzewellen, Dürren, Starkregen und Überschwemmungen gab es in der Tat schon immer. Was sich aus den langjährigen Trends ablesen lässt, darüber diskutieren wir im Podcast mit unseren Gästen. Das Thema ist für Sachsen von großer Bedeutung. Denn auch wenn uns die Hochwasser in diesem Jahr nicht so schwer getroffen haben wie andere Regionen in Deutschland: die Erinnerung an die großen Flutkatastrophen 2002 und 2013 ist vielen Menschen im Freistaat angesichts der aktuellen Bilder so präsent, wie lange nicht mehr.

Dr. Christin Jahns | Geologin im Umweltministerium in Sachsen

Christin Jahns
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Doris Mischke | LMBV / Leiterin der Flutungszentrale

Doris Mischke an ihrem Arbeitsplatz
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Thomas Pluntke | Hydrologe, TU Dresden

Thomas Pluntke
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Dr. Andreas Marx | Leiter Mitteldeutsches Klimabüro und wissenschaftlicher Koordinator in der Helmholtz Klimainitiative

Dr. Andreas Marx
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Redaktionelle Mitarbeit: Thomas Lopau
Leitung: Ines Meinhardt

Über dieses Thema berichtet MDR SACHSEN auch im Radio: Dienstags Direkt | 27.07.2020 | 20:00 Uhr