MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | Dienstags direkt | 06.10.2020 | 20:00 - 23:00 Uhr Drei Jahre #meToo: Ein Hashtag und die Folgen

Der Hashtag #meToo löste eine weltweite Welle an Offenbarungen aus. Millionen Frauen und auch Männer machten auf sexuelle Belästigungen aufmerksam. Drei Jahre später fragen wir: Was hat die Debatte bewirkt?

Metoo 107 min
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Eine junge Frau hat mit den Ereignissen ihrer Kindheit abgeschlossen – glaubt sie. Doch dann verfolgt sie, was 2017 unter dem Hashtag #meToo passiert: Tausende Frauen, aber auch Männer offenbaren sexuelle Belästigungen, Nötigungen und auch Vergewaltigungen. Plötzlich merkt die junge Managerin, dass sie ihren eigenen Missbrauch nur "weggeschlossen", aber niemals für sich aufgearbeitet hat. #meToo gibt ihr den Mut und das Selbstbewusstsein, sich endlich der Sache zu stellen.

Der Hashtag #meToo löste vor drei Jahren eine weltweite Welle an Offenbarungen aus. Losgebrochen  durch die Veröffentlichung der sexuellen Übergriffe des mittlerweile verurteilten Hollywood-Produzenten Harvey Weinstein, entwickelte sich die Debatte so stark, dass bis heute in Parlamenten, Unternehmen und auch im Privaten darüber diskutiert wird.

Jetzt, drei Jahre später fragen wir: Was hat die Debatte bewirkt? Konnte das Tabu der alltäglichen, sexuellen Belästigung aufgebrochen werden? Ist die Gesellschaft gerechter geworden? Werden Machtverhältnisse weniger für solche Übergriffe ausgenutzt?

Mai Nguyen, Missbrauchsopfer - hat durch #metoo eigenen Missbrauch aufgearbeitet

Mai Nguyen, Missbrauchsopfer - hat durch #metoo eigenen Missbrauch aufgearbeitet.
Bildrechte: Mai Nguyen

"Mein größter Zusammenbruch war auch mein größter Durchbruch. Anstatt im Management eines Großkonzerns zu sitzen, unterstütze ich heute Frauen, die genau wie ich sexuellen Missbrauch erlebt haben, auf ihrem Weg der Heilung."

Jana Brandt, MDR-Programmchefin Fernsehfilm

MDR-Fernsehfilmchefin Jana Brandt.
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Thomas Buchmann, Leiter Sportjugend Landessportbund Sachsen

Thomas Buchmann, Leiter Sportjugend Landessportbund Sachsen.
Bildrechte: Thomas Buchmann

"Der Sport engagiert sich seit Jahren im Bereich der Prävention sexualisierter Gewalt, insbesondere in der Kinder- und Jugendarbeit. Das Thema geht uns alle an! Wir stehen für eine Kultur der Aufmerksamkeit und des Hinsehens."

Katharina Wilhelm, Leiterin des ARD-Hörfunkstudios Los Angeles

Katharina Wilhelm, Leiterin des ARD-Hörfunkstudios Los Angeles
Bildrechte: Katharina Wilhelm

Antje Passenheim, Leiterin des ARD-Hörfunkstudios New York

"Der Prozess gegen Harvey Weinstein war ein Meilenstein. Er hat gezeigt: #Metoo-Fälle haben auch vor einem Strafgericht Bestand. Doch das Metoo-Virus wird gerade von der Corona-Pandemie überdeckt."

Antje Passenheim, Leiterin des ARD-Studio New York
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Dr. Christina Stockfisch, Deutscher Gewerkschaftsbund

Christina Stockfisch, Deutscher Gewerkschaftsbund.
Bildrechte: Christina Stockfisch

"Betriebe reagieren häufig erst, wenn etwas passiert ist. Prävention ist viel besser."

Steigt das Risiko im Schauspiel- und Showbusiness?

Die #meToo-Debatte hatte ihren Ursprung in der Filmbranche. Mitarbeiter in Film- und Fernsehen, aber auch Musiker, Theaterschauspieler oder Medienschaffende sind auf eine enge, persönliche und unkonventionelle Zusammenarbeit angewiesen. Die Arbeitszeiten reichen hier oft tief in den Abend hinein. Steigt in diesem Umfeld das Risiko von sexuellen Übergriffen? Welche Rolle spielt es, wenn die Grenze zwischen Privatem und Beruflichem - auch im Umgang mit den Vorgesetzten - verwischt? Wie sehr sind Menschen in kreativen Berufen, in denen es wenig offizielle Stellenausschreibungen gibt und viel von persönlichen Netzwerken abhängt, auf die Gunst und Zugewandtheit von Entscheidern und Vorgesetzten angewiesen?

Harvey Weinstein, Filmproduzent aus den USA, sitzt in einem Gerichtssaal.
Im Zug der Veröffentlichungen um die sexuellen Belästigung des Filmproduzenten Harvey Weinstein begann die #meToo-Debatte. Mittlerweile ist Weinstein verurteilt. Bildrechte: dpa

Wo liegen die Grenzen?

Die meisten Menschen arbeiten in konventionellen Berufen. Doch auch hier werden Machtverhältnisse ausgenutzt. Wo liegen die Grenzen zwischen einem Flirt und einer anzüglichen Bemerkung, zwischen einer solidarischen Hand auf der Schulter und einer unsittlichen Berührung? Welche Fragen und Forderungen sind in Bewerbungsgesprächen zulässig? Welches Verhalten ist angebracht, wenn man sich in brisanten Situationen befindet, diese beobachtet oder als Führungskraft darüber entscheiden soll, welche Seite in ihrer Darstellung glaubhaft ist? Wann und wie sollten Grenzen gezogen werden? Welche Möglichkeiten bietet das Arbeitsrecht? Und was tun, wenn es zum Missbrauch des Missbrauchs kommen – wenn zum Beispiel unwahre Behauptungen verbreitet werden?

Debatte berührt tiefe Rollenmuster

Während vielen Frauen durch die Debatte erst bewusst wurde, dass sie sexuell belästigt worden sind, werden auf der anderen Seite viele Männer immer unsicherer. Dürfen sie eine Kollegin jetzt nicht mehr auf einen Café einladen? Sollte man sich überhaupt noch im Büro allein unterhalten und Gespräche nur mit "Zeugen" führen? Stört es Frauen wirklich, wenn Männer darüber reden, welche Frau sie besonders attraktiv finden?

Die #meToo-Debatte berührt tiefe Rollenmuster von Dingen und Verhaltensweisen, die vor allem  für ältere Generationen bislang normal erschienen. Jetzt verschieben sich die Wahrnehmung und das Bewusstsein für die Art des Umgangs miteinander. "Gut so" oder "da wird übers Ziel hinausgeschossen" – die Meinungen gehen weit auseinander.

#meToo auch im Sport

Sexuelle Anzüglichkeiten sowie Übergriffe bis hin zu Missbrauch finden sich jedoch nicht nur im Arbeitsleben. Auch im Sport sind viele Belästigungen publik geworden. Beim Turnen, Judo, Schwimmen, im Kampfsport oder auch bei vielen anderen Sportarten gehören Körperlichkeit und auch Körperkontakt zum Alltag. Wie können Kinder, Jugendliche geschützt werden? Wie lassen sich sexuelle Übergriffe verhindern?

Ein Missbrauch kann ein Leben zerstören

Was für den Täter ein Spaß, ein Spiel oder ein aggressiver Moment ist, kann sich bei Opfern tief in das Bewusstsein eingraben und ihre Leben über Jahrzehnte beeinflussen. Wie geht es einem Opfer, dem durch #meToo bewusst wird, dass es als Kind missbraucht worden ist? Wie findet es den Mut, den Täter anzuklagen? Kann ein Urteil Heilung bringen?

Was die #meToo-Debatte bewirkt, aus vielen Perspektiven – darüber sprechen wir bei "Dienstags direkt".

Moderation: Sina Peschke
Redaktion: Katrin Tominski
Redaktionsleitung Ines Meinhardt

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 06.10.2020 | Dienstags direkt | 20 bis 23:00 Uhr