MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | Dienstags direkt | 01.06.2021 | 20:00 - 23:00 Uhr Organspende - Wenn der Tod Leben retten kann

Sie kann viele Leben retten, trotzdem hat sich der Bundestag im Januar gegen eine Widerspruchslösung bei der Organspende ausgesprochen. Potenzielle Spender müssen also einer Spende weiterhin ausdrücklich zustimmen. Dabei warten allein in Sachsen hunderte Menschen auf ein neues Organ. Warum Organspende für die einen Lebensrettung und für die anderen ein Eingriff in die Autonomie des Lebens darstellt.

Im Transplantationszentrum am Universitätsklinikum wird eine von einem gesunden Spender vor wenigen Minuten entnommene Niere beim Empfänger transplantiert. 113 min
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Unsere Gäste:

Axel Rahmel, Vorstand der Deutschen Stiftung Organtransplantation
Joachim Beige, Transplantationsarzt, Nephrologe, Mitglied in der Sächsischen Kommission für Lebendspenden
Marietta Füllenbach (65), lebt mit einer gespendeten Niere
Nils Schütze (18) lebt mit einem zweiten Herzen
Anton Losinger, Weihbischof und Mitglied im Bayrischen Ethikrat

Gäste

Nils Schütze (18) lebt mit einem neuen Herzen.
Nils Schütze (18) lebt mit einem neuen Herzen.

"Ich freu mich, dass ich wieder Sport machen kann."
Bildrechte: Nils Schütze
Nils Schütze (18) lebt mit einem neuen Herzen.
Nils Schütze (18) lebt mit einem neuen Herzen.

"Ich freu mich, dass ich wieder Sport machen kann."
Bildrechte: Nils Schütze
Marietta Füllenbach (67), lebt mit einer gespendeten Niere.
Marietta Füllenbach (67), lebt mit einer gespendeten Niere.

"Ohne Organspende würde ich nicht mehr leben."
Bildrechte: Marietta Füllenbach
Axel Rahmel, Vorstand der Deutschen Stiftung für Organtransplantation
Axel Rahmel, Vorstand der Deutschen Stiftung Organtransplantation

"Unser Anliegen ist es, dass mehr Menschen zu Lebzeiten eine eigene Entscheidung zur Organspende treffen und diese dokumentieren. Dies ist im Falle einer möglichen Organspende eine wichtige Entlastung für die Angehörigen. In weniger als 20 Prozent aller Fälle, in denen im vergangenen Jahr die Möglichkeit zu einer Organspende bestand, war der Wille des Verstorbenen schriftlich dokumentiert. Anlässlich des Tags der Organspende wollen wir mit allen Veranstaltungspartnern gemeinsam ein Zeichen für die Wichtigkeit einer informierten Entscheidung setzen. Diese kann in einem Organspendeausweis, in einer Patientenverfügung oder idealerweise in beiden Dokumenten vermerkt werden.
Als bundesweite Koordinierungsstelle für die Organspende haben wir eine zentrale Rolle im Organspendeprozess. Hierbei sehen wir uns dem Willen des Verstorbenen verpflichtet. Bestand der Wunsch, nach dem Tod Organe zu spenden, um anderen Menschen zu helfen, ist es unser Anliegen, diesen Willen verantwortungsvoll und mit größter Sorgfalt umzusetzen."
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Professor Joachim Beige, Transplantationsarzt, Nephrologe, Mitglied in der Sächsischen Kommission für Lebendspenden.
Professor Joachim Beige, Transplantationsarzt, Nephrologe, Mitglied in der Sächsischen Kommission für Lebendspenden

Die Nieren-Lebendspende durch enge Angehörige oder sehr nahe stehende Menschen ist zwar medizinisch ein sehr sicheres Verfahren geworden, beinhaltet aber doch im Langzeitverlauf für den Spender gut kalkulierbare und auch vertretbare Risiken bzgl. der Entwicklung von Bluthochdruck und Änderungen des Mineralstoffwechsel durch die fehlende Hälfte der Nierenfunktion. Begründet auf diesen sicheren medizinischen Fakten ist die Diskussion um völlige informierte Freiwilligkeit und ein durch das Organspendegesetz gefordertes Näheverhältnis zwischen Spender und Empfänger in den letzten Jahren immer komplexer geworden. Ich vertrete nach meinen Erfahrungen aus der Lebendspende-Ethikkommission die Auffassung, dass das wichtigste Faktum die Garantie von Freiwilligkeit und der Ausschluss jeden Organhandels ist.  Ob hingegen ausschliesslich Angehörige ersten Grades und Ehe-ähnliche Lebenspartner bzw. Freunde spenden dürfen wie bisher, sollte in einem gesellschaftlichen Dialog zum Transplantationsgesetz besprochen werden.
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Weihbischof Anton Losinger
Weihbischof Dr. Dr. Anton Losinger

"Organspende ist für mich Tat und Ausdruck besonderer Nächstenliebe, die das Leben und die Gesundheit anderer Menschen in schwerer medizinischer Notlage retten kann. Persönlich besitze ich seit geraumer Zeit einen Organspendeausweis und werbe dafür.
Die Kirche befürwortet die Entscheidung zur Organspende, setzt aber auf das Prinzip freier Zustimmung des Spenders gegen ein Konzept der Widerspruchslösung.
Zu den entscheidenden theologisch, medizinisch und ethisch umstrittenen Fragen gehört vor allem das Thema des Hirntodes. Es geht bei jeder Spende eines lebenswichtigen Organs um die substantielle Frage: Wann ist ein Mensch tot? Zudem spielt der drängende Mangel an lebensrettenden Organen und die Frage nach den Ursachen eine wichtige Rolle bei der gesetzlichen Regelung der Organspende in unserem Land."
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Im April waren in Sachsen 444 Patienten auf der aktiven Warteliste bei Eurotransplant registriert. Das erklärte die Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO) auf Anfrage von MDR SACHSEN. Demnach seien von 15 Organspendern nach ihrem Tod insgesamt 59 Organe gespendet worden. Damit konnten den Angaben zufolge 45 Transplantationen umgesetzt werden. Deutschlandweit standen Ende April knapp 9.000 Menschen auf der Warteliste für ein neues Organ.

Deutlicher Mangel an Spenderorganen

"Es besteht nach wie vor ein deutlicher Mangel an Spenderorganen in Deutschland. Täglich sterben Menschen auf der Warteliste, weil es nicht möglich war, ihnen rechtzeitig ein geeignetes Organ zu übertragen", hieß es von der DSO. "Nicht allen Patienten, die auf eine Transplantation angewiesen sind, kann geholfen werden."

Entlastung für die Angehörigen durch Entscheidung

Anlässlich des Tages der Organspende am 5. Juni appelliert die DSO sich wenigstens einmal kurz, nur für die Entscheidung zum "Ja" oder auch "Nein" mit der Organspende zu befassen. "Unser Anliegen ist es, dass mehr Menschen zu Lebzeiten eine Entscheidung treffen und diese dokumentieren. Dies ist im Falle einer möglichen Organspende eine wichtige Entlastung für die Angehörigen", sagte Axel Rahmel, Medizinischer Vorstand der DSO auf Anfrage von MDR SACHSEN. "In weniger als 20 Prozent aller Fälle, in denen im vergangenen Jahr die Möglichkeit zu einer Organspende bestand, war der Wille des Verstorbenen schriftlich dokumentiert."

Wiederspruchslösung wurde vom Bundestag abgelehnt

In Deutschland können Menschen nach ihrem Tod nur mit ihrer zu Lebzeiten dokumentierten oder durch einen Organspendeausweis nachgewiesene ausdrücklichen Zustimmung Organe spenden – oder eben mit einem "Nein" eine Spende verwehren. Liegt diese Willensbekundung nicht vor, müssen Angehörige die schwere Entscheidung treffen – tragen dabei jedoch oft Zweifel mit sich, ob sie richtig entschieden haben. Um mehr Klarheit in die Organspende zu bringen und die Zahl der Spender zu erhöhen, setzte sich Gesundheitsminister Jens Spahn für die Widerspruchslösung ein. Wer einer Organspende nicht ausdrücklich widerspricht, hätte ihr letztendlich indirekt zugestimmt. Der Gesetzentwurf fand im Bundestag im Januar 2020 keine Mehrheit. Auch künftig müssen Verstorbene oder deren Angehörige einer Spende dezidiert zugestimmt haben.

In einer Klinik wird bei einer Operation einem Spender eine Niere entnommen, die für eine Transplantation vorgesehen ist.
In einer Klinik wird bei einer Operation einem Spender eine Niere entnommen, die für eine Transplantation vorgesehen ist. Bildrechte: dpa

Warum ist die Organspende ethisch so schwierig?

Die Organspende wird auch immer unter ethischen Gesichtspunkten diskutiert. Für die Kirchen ist die Widerspruchslösung der "staatliche Zugriff auf den menschlichen Körper". Die Wiederspruchslösung werfe "erhebliche rechtliche, ethische und seelsorgliche Fragen auf." Beide große Kirchen erklärten sich einmütig gegen eine Reform der Organspende. Für Grünen-Chefin Annalena Baerbock ist die Widerspruchsregelung ein Eingriff in die Selbstbestimmung des Einzelnen. Denn "die Entscheidung berührt die grundlegende Frage, wie wir uns den eigenen Tod vorstellen", erklärte sie im Januar der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. Kritiker sprechen zudem meist vom Zwang und davon, dass nicht alle Transplantationen erfolgreich verlaufen.

Deutschland einziges Land ohne Widerspruchslösung im Eurotranplant-Verbund

In vielen europäische Ländern gilt seit Jahren die Widerspruchsregelung – unter anderem in Belgien, Kroatien, Luxemburg, den Niederlanden, Österreich, Slowenien und Ungarn. Auch Polen, Tschechien und Frankreich praktizieren die Widerspruchslösung. In Spanien, Belgien oder Kroatien gibt es auch eine hohe Zahl an Organspendern. Allerdings führt die Widerspruchslösung Experten zufolge nicht automatisch zu mehr Organspendern.

In Spanien zum Beispiel sei die Organspende Teil des Nationalstolzes. Zudem seien dort die Abläufe in Kliniken deutlich besser auf die Organspende abgestimmt. Und: Spanische Ärzte dürfen Organe schon nach dem Herz-Kreislauf-Tod entnehmen. In Deutschland geht das erst nach dem Hirntod.

Marietta Füllenbach lebt mit einer gespendeten Niere

Marietta Füllenbach lebt in Leipzig. Was sich so selbstverständlich anhört, ist jedoch nur einer Organspende zu verdanken. "Ohne Organspende würde ich jetzt nicht mehr leben“, erklärt sie MDR SACHSEN. Nach ewigem Warten hatte sie die Hoffnung eigentlich schon fast aufgegeben. Ihr Sohn wollte spenden, doch hatte die gleiche Krankheit wie sie. Danach vergingen wieder gefühlte Ewigkeiten. "Das Thema war für mich fast durch", erklärt sie. Dann bekam sie doch die Organspende. Vor sechs Jahren wurde ihr eine Niere transplantiert. Ihr Glück, ihr Leben. Der Grund, warum sie heute überhaupt bei MDR SACHSEN darüber reden kann.

Organe können auch lebend gespendet werden

Die Niere und ein Teil der Leber können zu Lebzeiten gespendet werden. Dafür gibt es gesonderte gesetzliche Regelungen im Transplantationsgesetz. Unter anderem sollten sich dabei Spender und Empfänger nahe sein. "Ich vertrete nach meinen Erfahrungen aus der Lebendspende-Ethikkommission die Auffassung, dass das wichtigste Faktum die Garantie von Freiwilligkeit und der Ausschluss jeden Organhandels ist", erklärte Professor Beige, Leipziger Transplantationsarzt, Nephrologe und Mitglied in der Lebendspende-Kommission. "Ob hingegen ausschließlich Angehörige ersten Grades und eheähnliche Lebenspartner oder auch Freunde spenden dürfen wie bisher, sollte in einem gesellschaftlichen Dialog zum Transplantationsgesetz besprochen werden."

Moderation: Sina Peschke
Redaktionelle Mitarbeit: Katrin Tominski
Redaktionsleitung: Ines Meinhardt