MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | Dienstags direkt | 14.07.2020 | 20:00 - 23:00 Uhr Und, was gelernt? Digitale Lee(h)re in Schulen und Unis nach Corona

Die Corona-Krise legt offen, was viele vorher schon geahnt haben. Die Ausstattung und das Wissen um digitale Techniken sind an Schulen und Universitäten längst nicht auf dem neuesten Stand. Große Unterschiede auch innerhalb der Lehrerschaft werden deutlich. Gleichzeitig warnen Experten bei der Digitalisierung vor blindem Aktionismus und maschinengesteuerter Bildung. Über die digitale Lee(h)re in Schulen und Unis sprechen wir bei Dienstags direkt.

Schüler einer 5. Klasse lernen mit iPads im Englischunterricht 114 min
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Unsere Gäste

Kerstin Ines Müller, Schulleiterin Gymnasium Dresden Pieschen
Gottfried Böhme, Autor "Der gesteuerte Mensch? Digitalpakt Bildung - eine Kritik" und ehemaliger Lehrer
Heidrun Friese, Professorin für interkulturelle Kommunikation TU Chemnitz
Rieke Ehrlich, Studentin der Kommunikationswissenschaft an der TU Dresden

Im Interview: Kultusminister Christian Piwarz

Kerstin Ines Müller, Schulleiterin Gymnasium Dresden Pieschen

Kerstin Ines Müller, Schulleiterin Gymnasium Dresden Pieschen
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"Wir brauchen an unseren Schulen umfassende Medienbildung für alle SchülerInnen sowie die Möglichkeit zur Vertiefung im Bereich der Informatik. Bei aller Digitalisierung müssen das Miteinander in einer demokratischen Gesellschaft als auch der Klimaschutz für folgende Generationen eine ebenso große Rolle spielen."

Gottfried Böhme, Autor "Der gesteuerte Mensch? Digitalpakt Bildung - eine Kritik" und ehemaliger Lehrer

Gottfried Böhme, Autor "Der gesteuerte Mensch? Digitalpakt Bildung - eine Kritik" und ehemaliger Lehrer
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"Digitalunterricht, wie wir ihn während der Corona-Krise erleben, ist ein Notbehelf. Aber es gibt geschäftstüchtige Firmen und ehrgeizige Politiker, die die gegenwärtige Zwangslage nutzen, um uns einzureden, dass diese Technik ab jetzt auch den Normalunterricht prägen müsse. Digitalunterricht als Basismodell von Unterricht läuft darauf hinaus, dass Schüler allmählich zu Usern werden, Lehrer zu Lernbegleitern und Klassen als Orte der Kommunikation und des Austauschs sich zunehmend auflösen. So kann man ein Bildungssystem schnell ruinieren."

Heidrun Friese, Professorin für interkulturelle Kommunikation TU Chemnitz

Heidrun Friese, Professorin für interkulturelle Kommunikation Chemnitz
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"Auf Präsenzlehre können wir in den Geistes- und Sozialwissenschaften nicht verzichten. Lehren und Lernen vollziehen sich über kritische Diskussionen unterschiedlicher Perspektiven, nicht über die Vermittlung von reinem 'Faktenwissen‘."

Rieke Ehrlich, Studentin der Kommunikationswissenschaft an der TU Dresden

Rieke Ehrlich
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"Die Umstellung auf digitale Lehre kam für uns alle sehr abrupt und überraschend. Mittlerweile hat sich der Alltag zwar größtenteils wiedereingestellt, jedoch müssten an bestimmten Stellen mehr Rück- und auch Einsicht gezeigt werden. Ich denke mit besserer Kommunikation zwischen Dozierenden und Studierenden würden sich die verbliebenen Hürden überwinden lassen."


Digitale Lehre oder Leere?

In der Corona-Krise ist digitales Lernen so wichtig geworden wie nie zuvor, doch die Liste der Mängel ist lang. Schlechte Internetleitungen, unausgereifte Lernplattformen, fehlende Computer und Headsets sowie mit Whatsapp & Co. eine Vielzahl von Kommunikationskanälen. Während der eine Mathe-Lehrer kurzfristig zur Videokonferenz einlädt, um die Ableitung linearer Funktionen persönlich zu erklären, scannt der nächste Lehrer seine Kopiervorlagen ein – oder überträgt sie per Hand in die E-Mail. Die Corona-Krise zeigt in Schulen und Universitäten nun, was exemplarisch für die Gesellschaft steht: Die Verfügbarkeit digitaler Infrastruktur und das Wissen um den Stand der Technik unterscheiden sich enorm.

MDR fragt: Mehrheit der Eltern mit Homeschooling unzufrieden?

Wie eine Umfrage von MDRfragt jetzt zeigt, ist die Mehrheit der Eltern mit den Angeboten für das Homeschooling unzufrieden. Die Qualität habe sich im Laufe der Corona-Krise – nach Meinung einiger Befragter - sogar noch verschlechtert. Insbesondere bei den Punkten Kreativität und Videokonferenzen sehen Eltern großen Nachholbedarf. Werden die Lehrer in Sachen digitale Kompetenz nicht von den eigenen Schülern überholt? Wie sind die Erfahrungen nach fünf Monaten "Schule und Uni aus dem Wohnzimmer"? Wie kann, soll und muss digitale Lehre im 21. Jahrhundert aussehen?

GEW-Mitgliederbefragung: Viele Lehrer mit Fortbildungsangebot unzufrieden

Viele Lehrer fühlen sich von der Situation überfordert. Wie eine Studie der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) zeigt, ist die Mehrzahl der Lehrer mit ihrem Fortbildungsangebot unzufrieden. Über die Hälfte aller Lehrer nutzen ihre privaten Endgeräte für den Unterricht. Zudem fühlen sich gerade einmal elf Prozent von ihrem Arbeitgeber gut über den Digitalpakt informiert. Ernüchternde Ergebnisse.

Hat das sächsische Kultusministerium den digitalen Anschluss verschlafen?

Hätte sich Sachsen also schon längst besser auf die Digitalisierung vorbereiten müssen? Defizite scheinen sich zu häufen. Sowohl in der Infrastruktur als auch in der Handhabung digitaler Techniken klaffen – sichtbar gemacht durch die Corona-Krise – große Lücken. Gleichzeitig geht es natürlich längst nicht nur um technische Hard- und Software, sondern auch um medienpolitische und digitale Grundbildung: über eine sich verändernde Gesellschaft, über Datenschutz, Quellenverifizierung, Meinungsbildung, soziale Medien, Einfluss und auch Hass im Netz, Chatrooms – die Liste ließe sich lange fortführen.

Christian Piwarz (CDU), Kultusminister Sachsen, im Studiogespräch
Christian Piwarz (CDU) leitet das Kultusministerium in Sachsen. Laut einer GEW-Studie ist die Mehrzahl der Lehrer mit dem Angebot an digitalen Fortbildungen unzufrieden - auch in Sachsen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Pilotschule für Medienbildung in Dresden Pieschen

Empfehlungen für die Entwicklungen eines Medienbildungskonzeptes sind vom sächsischen Kultusministerium erst im vergangenen Jahr veröffentlicht worden. Das heißt allerdings nicht automatisch, dass es an jeder Schule solche Konzepte gibt. Vieles, was in der digitalen Welt da draußen passiert, findet im Schulalltag nicht statt. Auch die Einflüsse digitaler Stimmungsbilder auf die analoge Welt bleibt oft wenig beleuchtet.

Doch es gibt Ausnahmen: so ist beispielsweise ein Gymnasium im Dresdner Stadtteil Pieschen Pilotschule des Kultusministeriums für Medienbildung, Informatik und digitales Lernen. Das Gymnasium kann sich vor Anmeldungen kaum retten. Auch die Internationalen Oberschule Meerane gilt als digitale Vorreiterschule und die Agricola Grundschule macht als erste "kreidefreie Schule" Freibergs auf sich aufmerksam.

Gymnasium Dresden Pieschen
Neue Schule, neues Glück: Das Konzept der digitalen Pilotschule in Dresden-Pieschen scheint aufzugehen: Viele Kinder wollen dorthin. Bildrechte: dpa

Wie gelingt die Balance?

Dennoch warnen Experten auch vor blindem Aktionismus und unausgewogenen Konzepten. Sie appellieren an die Qualität der Lehre. Der Mensch, nicht die Maschine sollte im Vordergrund stehen, fordert zum Beispiel der Autor Gottfried Böhme, der viele Jahre als Lehrer in Leipzig gearbeitet hat. Die Kinder sollten sich eher auf die Kompetenzen konzentrieren, die nicht durch Maschinen ersetzt werden könnten. Zudem seien persönliche Kontakte für die Wissensvermittlung unerlässlich. Wie stark braucht Bildung auch in Zukunft den direkten Kontakt? Und wenn ja, wie viel? Wie gelingt die Balance zwischen neuer Technik und sinnvoller Anwendung? Was sollte auf keinen Fall verloren gehen? Nur einige von vielen offenen Fragen.

Studium nur noch über Internet?

Ähnliche Fragen stellen sich auch an der Universität. Ist ein Studium über Internetleitung – fernmündlich, um diesen fast schon antiquierten Begriff zu bemühen – möglich? Und falls ja, in welchem Umfang? Wie erleben es Dozenten, wenn sie sich per Kamera anonym in einen digitalen Raum begeben, selbst aber nicht sehen, wer dort sitzt? Wie ist es, wenn Studierende zur Belustigung Screenshots von Dozenten hin- und herschicken? Gleichzeitig sind Studierende auf die Wissensvermittlung hochgradig angewiesen, die - abhängig von Dozenten - digital ganz verschieden verfolgt wird. Was bedeutet es, nur vor dem Bildschirm zu sitzen, anstatt im direkten Austausch Gelerntes und Fragen zu erörtern?

Leerer Hörsaal einer Universität.
Wie viel Sinn - und auch Spaß - macht ein Studium vom heimischen Wohnzimmer aus? Bildrechte: dpa

Wie viel digitale Lehre können Schüler, Eltern, Lehrer, Studierende und Dozenten vertragen? Was sind die Erfahrungen und welche Konzepte braucht es? Darüber sprechen wie einen Abend bei Dienstags direkt.

Moderation: Sina Peschke
Redaktion: Katrin Tominski
Redaktionsleitung: Ines Meinhardt