Dienstag, 31.08.2021: Vom Wanderstock

So wie viele Leute bewege auch ich mich gern draußen. Am liebsten wandere ich im Gebirge, auch über längere Strecken und mehrere Tage. Wer solches tut, weiß: Es ist gut, dafür einen Wanderstock zu nutzen. Zum Balance halten, zum Schwung holen und notfalls gar zum Vertreiben wilder Tiere.

Einmal hatte ich meinen Wanderstab daheim vergessen. Unterwegs suchte ich darum ein Fachgeschäft für Sportliches auf. Nachdem ich mich durch Trekkinghosen, Spezialsocken und Funktionsunterwäsche gewunden hatte, stand ich vor dem Stabregal. Dort gab's vielerlei Stockarten, oft mit allerlei Hightec versehen. Von Angebotsfülle und Preis überfordert, kaufte ich nichts. Im Wandergebiet angekommen, suchte ich mir am Anfang meines Weges ein Stück Holz. Bald fand ich einen in Höhe und Stärke passenden Ast. Nach ein wenig praktischer Bearbeitung konnte ich mich auf einen Wanderstock stützen, der für mich wie maßgeschneidert war. Ein abgestorbenes und abgefallenes Holzstück wurde so plötzlich bedeutsam und gab mir fortan Halt und Sicherheit.

So zog ich meines Weges und erinnerte mich an einen Bibeltext: "Der Stein, der verworfen wurde, ist zum Eckstein geworden", heißt es im Psalm 118. Ein auf den ersten Blick nutzloses Element bekommt damit eine im wahrsten Wortsinn tragende Aufgabe. Bei Gott gelten also andere Regeln als bei uns. Auch Abgelegtes oder Unscheinbares ist ihm wichtig.

Aus dieser Erfahrung kann Vertrauen wachsen – in mich und meine Fehlerhaftigkeit und in das, was mir begegnet. Vielleicht muss ich auf meinen Wegen gar nicht alles bis zum Ende planen, sondern kann offen sein für das, was mir geschenkt wird: Warum nicht Quellwasser nutzen statt isotonische Sportgetränke, Fallobst statt Powerriegel, Blätterdach statt Outdoorjacke?

In Gottes Schöpfung ist vieles gegeben, völlig kostenlos. Mein dem "Abfall" der Natur entstammender Wanderstock begleitete mich tagelang treu über Berge und durch Täler. Am Ende übergab ich ihm einem Fluss und fuhr heim. Innerlich erfüllt und äußerlich leicht.

Das Wort zum Tag sprechen in dieser Woche:

Kurzbiografie Dr. Harald Lamprecht

Dr. Harald Lamprecht

geboren 1970 in Dresden | verheiratet, drei Kinder | 1990 Theologiestudium in Leipzig, Göttingen und Halle | 1996 Wiss. Mitarbeiter am Institut für Ökumenik, Konfessionskunde und Religionswissenschaft der Theologischen Fakultät der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg | 1999 Beauftragter für Weltanschauungs- und Sektenfragen der Ev.-Luth. Landeskirche Sachsens und Geschäftsführer des Evangelischen Bundes, Landesverband Sachsen

Verantwortlich für Verkündigungssendungen im öffentlich-rechtlichen Rundfunk wie das Wort zum Tag...

... sind die Senderbeauftragten der evangelischen Landeskirchen, der evangelischen Freikirchen bzw. der römisch-katholischen Kirche.