Freitag, 05.04.2019: Abklatschen

Schon immer gehörte es zum guten Ton beim Fußball - Abklatschen. Wenn ein Spieler ausgewechselt wird, reicht er dem Einwechselspieler die Hand, nimmt ihn in den Arm oder beide klatschen die Hände aneinander. Es zeugt von gutem Teamgeist, wenn der ausgewechselte Spieler auch vom Trainer noch einen Handschlag erhält, egal, ob der mit seiner Leistung zufrieden war oder nicht. Und dann geht der Ausgewechselte noch an der Spielerbank vorbei, manchmal bis hin zu Arzt und Betreuern und lässt sich abklatschen.

Männer haben es nicht immer leicht mit Berührung. Jugendliche stoßen zur Begrüßung die Fäuste aneinander als wollten sie boxen. Manche umarmen sich nicht, sondern rammeln nur die gestählte Brust aneinander. Frauen wirken da oft herzlicher und scheinen es einfacher mit Herzlichkeiten zu haben. Insgesamt berühren wir uns offensichtlich weniger.

Die Begrüßung mit Handschlag morgens bei der Arbeit ist eher selten geworden. Ein Kollege erzählte, ihm sei aufgefallen, dass nach Trauerfeiern kaum noch den Angehörigen kondoliert würde. Nach dem Abschied am Grab geht jeder wieder seiner Wege, wohl um möglichen Peinlichkeiten unter Tränen auszuweichen. Berührungen, Umarmungen gerade in so einer verletzlichen Situation vermeiden wir lieber, statt uns zu stärken, wo alle doch hilflos sind.

Dabei sehnen sich doch so viele nach Berührung. Ich habe manchmal den Verdacht, die Wartezimmer der Ärzte, der Physiotherapeuten, Fußpfleger und Nagelstudios sind deshalb so voll, weil Menschen sich dort abholen, was ihnen sonst so fehlt: Dass einer sie berührt.

In Zeiten eines verwurzelten Glaubens haben Eltern ihre Kinder gesegnet, bevor sie zur Schule aus dem Haus gehen. Ein kleines Kreuz auf die Stirn zum Schutz vor Gefahren. Einen Abschiedskuss von Vertrauten, ohne den man nicht aus dem Haus gehen kann. Das gibt es bis heute, aber es ist weniger geworden.

Ob Jesus seine Jünger zum Abschied abgeklatscht hat, gesegnet oder geküsst wie es damals durchaus üblich war? Genau weiß man das nicht. Berührungen sind wichtig für das Zusammenleben. Wir wären arm dran, wenn unsere Hände nur noch das Touchpad unseres Computers streicheln würden.

Das Wort zum Tag spricht in dieser Woche:

Kurzbiografie Holger Treutmann

Holger Treutmann

1963 in Springe bei Hannover geboren | verheiratet | 2 Kinder | Studium in Bethel, Göttingen, Berlin | 1989 1. Theologisches Examen in der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Hannover | 1989-1993 Pharmareferent bei Astra-Chemicals Wedel/Hamburg | 1993-1995 Vikariat in Bröckel bei Celle | 1995 2. Theologisches Examen in der Evangelisch-Lutherische Landeskirche Hannover | 1995 Wechsel in die Evangelisch-Lutherische Landeskirche Sachsen | 1995-1999 Pfarrer in Eibenberg-Kemtau und Chemnitz-Reichenhain | 1999-2005 Pfarrer in St.-Pauli-Kreuz-Gemeinde Chemnitz | 2006 - Januar 2016 Pfarrer der Frauenkirche in Dresden | Ehrenamtlicher Mitarbeiter der Notfallseelsorge Dresden | seit Februar 2016 Senderbeauftragter der Ev. Kirchen beim MDR und Rundfunkbeauftragter der Ev.-Lutherischen Landeskirche Sachsens

Verantwortlich für Verkündigungssendungen im öffentlich-rechtlichen Rundfunk wie das Wort zum Tag...

... sind die Senderbeauftragten der evangelischen Landeskirchen, der evangelischen Freikirchen bzw. der römisch-katholischen Kirche.