Donnerstag, 04.04.2019: Ehrerbietung

Sie war flott unterwegs, als sie um die Hausecke kam. Genau wie ich auf dem Gehsteig von der anderen Seite. Plötzlich standen wir voreinander. Ein bisschen zu nah für zwei Fremde, aber erleichtert einen Zusammenstoß vermieden zu haben. Während ich einen Schritt zur Seite trat, tat sie dasselbe. Nochmals wich ich zur anderen Seite aus. Sie ebenso, als wäre sie mein Spiegelbild.

Und wieder standen wir voreinander und versperrten uns den Weg. Das ist der Moment, wo es spannend wird. Verdüstert sich die Mine, oder kann man lachen über die Unbeholfenheit, einander ausweichen zu wollen, um sich dann doch wieder neu zu blockieren?

Einer komme dem anderen in Ehrerbietung zuvor, heißt es einmal in einem Wort der Bibel aus dem Römerbrief. (Röm 12)

Eigentlich sympathisch solche alltägliche Ehrerbietung. Ich gehe zur Seite, damit du Platz hast. Nur wenn beide so zuvorkommend sind, kann sich die Situation verhaken. Wäre es da nicht besser, wenigstens einer pocht auf sein Recht und fordert vom anderen, Platz zu machen?

Ist selbstbewusste Eindeutigkeit nicht oft mehr wert, als demütige Rücksicht?

Es heißt, unsere Gesellschaft werde immer rauer. In der Sprache, in den Kommentaren des Internets, im Drängeln an der Kasse, oder beim Überholen auf der Autobahn. Mag sein.

Ich erlebe aber auch das andere. Eine aufgehaltene Tür. Eine freundliche Geste zum Überqueren der Fahrbahn. Einen Gruß unter dem Schreiben, das formale Freundlichkeit um eine Kleinigkeit überbietet.

Die Frau auf dem Gehsteig fasste mich an den Schultern, schob mich behutsam zur Seite und sagte: Wir kriegen das hin. Einen schönen Tag noch. Ein Lächeln. Sie ging weiter. Der Tag kann gut werden.

Das Wort zum Tag spricht in dieser Woche:

Kurzbiografie Holger Treutmann

Holger Treutmann

1963 in Springe bei Hannover geboren | verheiratet | 2 Kinder | Studium in Bethel, Göttingen, Berlin | 1989 1. Theologisches Examen in der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Hannover | 1989-1993 Pharmareferent bei Astra-Chemicals Wedel/Hamburg | 1993-1995 Vikariat in Bröckel bei Celle | 1995 2. Theologisches Examen in der Evangelisch-Lutherische Landeskirche Hannover | 1995 Wechsel in die Evangelisch-Lutherische Landeskirche Sachsen | 1995-1999 Pfarrer in Eibenberg-Kemtau und Chemnitz-Reichenhain | 1999-2005 Pfarrer in St.-Pauli-Kreuz-Gemeinde Chemnitz | 2006 - Januar 2016 Pfarrer der Frauenkirche in Dresden | Ehrenamtlicher Mitarbeiter der Notfallseelsorge Dresden | seit Februar 2016 Senderbeauftragter der Ev. Kirchen beim MDR und Rundfunkbeauftragter der Ev.-Lutherischen Landeskirche Sachsens

Verantwortlich für Verkündigungssendungen im öffentlich-rechtlichen Rundfunk wie das Wort zum Tag...

... sind die Senderbeauftragten der evangelischen Landeskirchen, der evangelischen Freikirchen bzw. der römisch-katholischen Kirche.