Mittwoch, 03.04.2019: Lieber die Taube auf dem Balkon ...

Lieber den Spatz in der Hand als die Taube auf dem Dach. Dieses Sprichwort stammt aus einer Zeit, als Menschen sich noch von wilden Vögeln ernährt haben. Will sagen: Halt dich an das, was du schon hast und hänge nicht den unerfüllbaren Träumen nach. Auf unserem Balkon war das in diesem Jahr anders. Ein neues Vogelhaus hatten wir extra im Herbst gekauft. Es wäre doch schön, beim Frühstück im Winter die Meisen zu beobachten, meinetwegen auch die Spatzen. Aber sie blieben aus. Stattdessen kamen Tauben.

Manchmal stellten sie sich geradezu in einer Schlange auf dem Geländer an, um sich das Futter aus dem neuen Häuschen zu holen. Sie schreckten auch nicht davor zurück, selbst in das viel zu kleine Haus zu kriechen, um es sich schmecken zu lassen. Von den Hinterlassenschaften der Tauben auf dem Balkon gar nicht zu reden. Kurzum: Wir scheuchten sie weg, immer wieder mal, aber es half nichts.

Doch dann änderte sich unser Blick. - Ein Ei. Ein Taubenpärchen hatte sich unter zusammengestellten Gartenmöbeln ein Nest gemacht. Tauben sind nicht sehr wählerisch für den Ort der Eiablage. Da sitzt sie nun und brütet. Und jeden Morgen sehe ich ihr zu; gehe vorsichtig auf den Balkon. Sie scheint sich an mich zu gewöhnen.

Lieber die Taube auf dem Balkon als die Spatzen auf dem Dach? Wie ist das mit unseren hochfliegenden Träumen und dem Glück in kleiner Münze? Mit Pragmatismus des Alltags und den großen Utopien?

Religion denkt immer groß und öffnet einen riesigen Horizont bis in die Ewigkeit. Bis in den Himmel; bis dahin, wo unser menschliches Denken überfordert ist. Solcher Glaube aber hilft, den Alltag zu bestehen.

Jesus hat den Menschen Mut gemacht, schon in dieser Welt dem Himmel entgegen zu leben. Als er getauft wurde, sei Gottes Geist wie eine Taube über ihn gekommen.

Nehme ich unseren kleinen Gast also als ein freundliches Zeichen vom Himmel. Vielleicht will sie mich daran erinnern, was Christus verheißen hat: Siehe das Himmelreich ist mitten unter euch. Auch bei mir. Auch heute am Mittwoch.

Das Wort zum Tag spricht in dieser Woche:

Kurzbiografie Holger Treutmann

Holger Treutmann

1963 in Springe bei Hannover geboren | verheiratet | 2 Kinder | Studium in Bethel, Göttingen, Berlin | 1989 1. Theologisches Examen in der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Hannover | 1989-1993 Pharmareferent bei Astra-Chemicals Wedel/Hamburg | 1993-1995 Vikariat in Bröckel bei Celle | 1995 2. Theologisches Examen in der Evangelisch-Lutherische Landeskirche Hannover | 1995 Wechsel in die Evangelisch-Lutherische Landeskirche Sachsen | 1995-1999 Pfarrer in Eibenberg-Kemtau und Chemnitz-Reichenhain | 1999-2005 Pfarrer in St.-Pauli-Kreuz-Gemeinde Chemnitz | 2006 - Januar 2016 Pfarrer der Frauenkirche in Dresden | Ehrenamtlicher Mitarbeiter der Notfallseelsorge Dresden | seit Februar 2016 Senderbeauftragter der Ev. Kirchen beim MDR und Rundfunkbeauftragter der Ev.-Lutherischen Landeskirche Sachsens

Verantwortlich für Verkündigungssendungen im öffentlich-rechtlichen Rundfunk wie das Wort zum Tag...

... sind die Senderbeauftragten der evangelischen Landeskirchen, der evangelischen Freikirchen bzw. der römisch-katholischen Kirche.