Verkündigungssendung Das Wort zum Tag vom 03.-09.07.2017

Täglich hören Sie das Wort zum Tag. Montags bis freitags gegen 5:45 Uhr und 8:50 Uhr, am Sonnabend gegen 8:50 Uhr, sonntags 7:45 Uhr. Das Wort zum Tag spricht in dieser Woche Christoph Pötzsch, am Sonntag Holger Treutmann

Das Wort am Sonntag, 09.07.2017

Erlebt die Ehe gerade ein Comeback, liebe Hörerinnen und Hörer? Ist das möglich?

Nachdem es selbstverständlich geworden ist, dass viele Paare über Jahre ohne Trauschein miteinander leben, glücklich sind, Kinder haben oder auch nicht, beieinander bleiben und miteinander alt werden? Erlebt die Ehe gerade ein Comeback mit Eheurkunde und Standesamt? Fast könnte es den Anschein haben.

Lange nicht mehr ist so heftig um die Anerkennung der Ehe gestritten worden wie in den letzten zwei Wochen. "Ehe für alle" ist das Stichwort.

Ehe nicht mehr exklusiv für wenige, die es unbedingt wollen, sondern für jeden und jede, für Frauen und Männer, und Frauen und Frauen und Männer und Männer.

Das ist gerecht. Lange genug haben homosexuelle Paare sich verstecken müssen, sind bestraft und verfolgt worden, sollten umerzogen werden, haben unter Ausgrenzung und Spott zu leiden bis heute. Schwul ist nicht nur bei Jugendlichen immer noch ein sehr gängiges Schimpfwort. Mit der Ehe für alle soll wohl auch klar gestellt werden, dass diese Leidensgeschichte von Menschen mit ungewohnter sexueller Neigung ein für alle Mal ein Ende haben soll.

Deshalb wurde die Entscheidung im Bundestag von den Anhängern der Ehe für alle wohl auch mit einem Konfettiregen der Freude und Erleichterung gefeiert; fast wie eine Hochzeit selbst. Denn das ist die Eheschließung ja. Hoch-Zeit. Vielleicht die höchste Zeit im Lebenslauf eines Menschen.

Wir feiern die Liebe. Wir feiern sie öffentlich. Viele jubeln dem Paar zu und teilen das Glück der Verliebten. Die Hochzeit ist immer noch das am intensivsten vorbereitete Fest. Hochzeit steht für Erfüllung. Für Ewigkeit. Für etwas, was sich mit Worten kaum zur Sprache bringen lässt.

Deshalb wohl suchen viele Paare für die Feier ihrer Hochzeit die Kirche auf. Wahrscheinlich nicht nur, weil sie eine schöne Location ist, sondern weil zumindest eine Ahnung davon mitschwingt, dass Liebe und Glück uns nicht verfügbar sind. Sie sind ein Gottesgeschenk. In der Liebe berühren wir die Ewigkeit.

Liebe ist mehr. Nicht nur der Augenblick des Hochgefühls beim Kennenlernen, nicht nur Lust und Hingabe, Kribbeln im Bauch bei der Unterschrift im Standesamt oder krächzendes Ja-Wort in der Aufregung vor dem Altar. Was Liebe wirklich ist, weiß Gott allein. Liebe ist mehr.

Liebe ist mehr. Mehr als wir uns oft vorstellen können; oder uns vorstellen wollen.

Ich glaube, wir streiten deshalb so heftig über die Anerkennung schwuler und lesbischer Paare, weil Liebe und Sexualität zum Wichtigsten gehört, was wir haben. Wenn andere Menschen anders lieben, dann empfinden viele das als unerträglich. Wir reichen mit unserer Vorstellungskraft eben nicht an die Gefühle des anderen heran. Deshalb ist eine Ablehnung, Verurteilung oder Verspottung die einfachste Lösung.

Noch wenig Erfahrung gibt es mit gleichgeschlechtlichen Paaren im Alltag. Wie sie sich aneinander freuen, sich ihre Liebe zeigen, zueinander halten, füreinander sorgen, miteinander alt werden, das haben die wenigsten schon erlebt. Mir ist es wichtig, dass Menschen die gleichen Rechte haben, egal welchen Geschlechts sie sind, wen sie lieben oder mit wem sie die Ehe schließen wollen. Dennoch wundere ich mich über die Wucht, mit der die Ehe für alle in unserem Land durchgesetzt worden ist. Sollte es wirklich ein Comeback der Ehe geben?

Wo wir uns doch mit kleinen Witzen auch über die Lasten der Ehe hinwegtrösten: So werden die Eheringe als die kleinsten Handschellen der Welt bezeichnet.

Viele feiern ausgelassen den Junggesellenabschied, so als müsste man noch einmal die Sau rauslassen, bevor dann die nüchterne Zeit des Ehelebens beginnt.  Stabil sind die Partnerschaften von Mann und Frau trotz des vermeintlichen Privilegs der Ehe nicht unbedingt.

Auch die rechtlichen Bedingungen für eingetragene Lebenspartnerschaften wurden in den letzten Jahren Stück für Stück an die von Eheleuten angepasst. Lediglich beim Adoptionsrecht gab es noch einen Unterschied. Auch der hätte überwindbar sein können. Insofern wundere ich mich über das deutliche Bekenntnis vieler Bundestagsabgeordneter zur klassischen Ehe, gerade bei denen, die keinesfalls als konservativ gelten mögen.

Es ist also eher ein Streit um Begriffe. Wahrscheinlich sind Begriffe auch nicht unwichtig. Mag sein, es macht einen Unterschied, ob ich sagen kann, ich bin mit ihm verheiratet oder wir sind eingetragene Lebenspartner. Dennoch zerstreut sich meine Skepsis über den plötzlichen Enthusiasmus für die Ehe nicht vollends. So stabil und ohne Alternative ist diese uralte Institution in unserer modernen Gesellschaft bisher nicht gewesen und wird sie wohl auch nicht wieder werden.

Schön wäre, wenn Menschen entdecken, dass Liebe mehr ist als Trauschein und Unterschrift; dass es Phantasie kostet, den Ehealltag mit Liebe zu füllen; die Durststrecken gemeinsam zu überwinden; um Freiheiten zu ringen; Körper, Geist und Seele des anderen zu entdecken und zu respektieren; dass Abschiede gestaltet werden und Neuanfänge gefeiert.

Die Evangelische Kirche in Deutschland befürwortet die Ehe für alle. Dabei konzentriert sie alle Aufmerksamkeit auf die drei Vs. Vertrauen, Verantwortung und Verlässlichkeit. Vertrauen heißt: Mut haben, zu glauben, dass der andere es gut mit meint. Verantwortung heißt: Rechenschaft geben darüber wie ich für andere gesorgt habe. Verlässlichkeit heißt: Die Partnerschaft ist auf Dauer angelegt. Grundsätzlich ein Leben lang.

Diese drei Vs machen die Ehe im Wesentlichen aus, unabhängig vom Geschlecht der Ehepartner. Das ist ein relativ nüchterner und sehr hoher Anspruch. Die evangelische Kirche sagt, die Anerkennung der Ehe für alle entwerte nicht die Ehe. Im Gegenteil, sie vertiefe sie.

Wenn nicht nur Ehepartner verschiedenen Geschlechts diese drei Werte für sich gelten lassen, sondern auch gleichgeschlechtliche Ehen, dann darf das als Stärkung des Ehebegriffs verstanden werden. Die Kirchen fordern mehr von der Ehe als man meint. Es nutzt also nicht, die Kirchen als Hüter der alten Moral anzurufen, die doch dafür zu sorgen hätten, dass Schwule und Lesben nicht heiraten dürfen. Nein der Ball wird zurückgespielt: Wie steht es eigentlich mit diesen drei Vs in den herkömmlichen Ehen bei uns? Vertrauen, Verantwortung, Verlässlichkeit. Dahin ist zuerst zu blicken.

Und auch für die homosexuellen Partnerschaften sind diese drei Werte mit V eine Herausforderung, an der sie sich messen lassen sollen. Wie Verantwortung, Verlässlichkeit und Vertrauen in der Differenz zu herkömmlichen Ehebildern gelebt wird, das ist eine ganz neue und nicht einfache Aufgabe. Darin sollen gleichgeschlechtliche Paare in der Ehe gestärkt werden.

Eine zusätzliche Erschwernis ergibt sich bei der Frage nach Kindern.
In der biblischen Schöpfungserzählung heißt es, dass Gott den Menschen geschaffen hat in der Polarität von Mann und Frau. Sie sollen sich nicht nur gegenseitig Hilfe und Gegenüber sein, sondern Nachkommen zeugen und im Sinne Gottes Verantwortung für die gesamte Schöpfung übernehmen. Das heißt erstens, Gott liebt jeden Menschen. Deshalb haben alle das gleiche Lebensrecht. Dafür zu sorgen, dass sie das wahrnehmen können, ist auch Aufgabe des Menschen.

Und zweitens: Mann und Frau können im Gegenüber der Geschlechter auf relativ einfache Weise neues Leben in die Welt setzen. Auch für die Kinder und den Erhalt des Menschseins insgesamt tragen sie Verantwortung.

Deshalb verstehe ich, dass die Katholische Kirche die Weitergabe des Lebens sehr eng mit ihrem Eheverständnis verknüpft. Nicht, dass Ehen ohne Kinder weniger wert seien, aber doch so, dass die Gabe des Menschen Leben fortzupflanzen einen besonderen Schutz genießt, der möglichst mit der Ehe als Verantwortungsgemeinschaft gewährleistet sein soll.

Deshalb möchte sie diesen Begriff "Ehe" sozusagen schützen lassen für die Partnerschaft von Mann und Frau.

Das wiederum heißt nun nicht, dass gleichgeschlechtliche Paare nicht auch gute Eltern sein können. Im Gegenteil. Es scheint sehr gute Erfahrungen bei der Fürsorge für die Kinder zu geben. Aber die ethischen Fragen vervielfältigen sich, je mehr medizinischer oder juristischer Aufwand betrieben werden muss, um auch homosexuellen Paaren den Kinderwunsch zu erfüllen. Vertrauen, Verantwortung und Verlässlichkeit sind hier noch mal höheren Anforderungen ausgesetzt.

Das ist alles ganz schön kompliziert. Aber einfache Lösungen sind oft nicht fair. Sie stellen die von vorn herein ins Abseits, die anders lieben als für die meisten gewohnt. Über alles Ringen um Gerechtigkeit darf nicht vergessen werden: Es geht um das wahrscheinlich Kostbarste, was Menschen erleben. Liebe. Ich glaube, es ist Gottes Wille, dass wir die mit Lust und uneigennützig unter uns lebendig werden lassen. Ohne Schmerz geht es in der Liebe nie ab, wenn es denn wahre Liebe ist, aber sie ist mehr als Gut und Geld und überwindet am Ende sogar den Tod.

Liebe ist mehr. Daran glaube ich.  

Kurzbiografie Holger Treutmann

Holger Treutmann

1963 in Springe bei Hannover geboren | verheiratet | 2 Kinder | Studium in Bethel, Göttingen, Berlin | 1989 1. Theologisches Examen in der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Hannover | 1989-1993 Pharmareferent bei Astra-Chemicals Wedel/Hamburg | 1993-1995 Vikariat in Bröckel bei Celle | 1995 2. Theologisches Examen in der Evangelisch-Lutherische Landeskirche Hannover | 1995 Wechsel in die Evangelisch-Lutherische Landeskirche Sachsen | 1995-1999 Pfarrer in Eibenberg-Kemtau und Chemnitz-Reichenhain | 1999-2005 Pfarrer in St.-Pauli-Kreuz-Gemeinde Chemnitz | 2006 - Januar 2016 Pfarrer der Frauenkirche in Dresden | Ehrenamtlicher Mitarbeiter der Notfallseelsorge Dresden | seit Februar 2016 Senderbeauftragter der Ev. Kirchen beim MDR und Rundfunkbeauftragter der Ev.-Lutherischen Landeskirche Sachsens

Kurzbiografie Christoph Pötzsch

Christoph Pötzsch

1955 in Dresden geboren | Jurastudium in Halle | bis 2017 im Dienst des Bistums Dresden-Meißen | jetzt tätig als Publizist und Kirchenführer

Verantwortlich für Verkündigungssendungen im öffentlich-rechtlichen Rundfunk wie das Wort zum Tag ...

Verantwortlich für Verkündigungssendungen im öffentlich-rechtlichen Rundfunk wie das Wort zum Tag ...

... sind die Senderbeauftragten der evangelischen Landeskirchen, der evangelischen Freikirchen bzw. der römisch-katholischen Kirche.