Verkündigungssendung Das Wort zum Tag bei MDR SACHSEN

Täglich hören Sie das Wort zum Tag. Montags bis freitags gegen 5:45 Uhr und 8:50 Uhr, am Sonnabend gegen 8:50 Uhr, sonntags 7:45 Uhr. Das Wort zum Tag sprechen in dieser Woche Guido Erbrich und Dr. Maria Heinke-Probst.

Sonntag, 25.07.2021:

Sonnabend, 24.07.2021: Die Russen kommen

Bei uns zu Hause wird manchmal von den Russen erzählt. Als sie 1945 nach Schlesien kamen, hatten fast alle Angst vor ihnen. Und natürlich gelangten sie auch in das Dorf, wo meine Großeltern wohnten. Eines Tages kamen drei Russen in das Haus. Meine Oma und ihre drei Kinder waren da, die Mädchen versteckten sich schnell.  Lärmend zogen die Soldaten durch die Räume. Schließlich erreichten sie die Küche, wo meine Oma saß. Sie schrien laut und einer fuchtelte mit seiner Pistole herum.

Plötzlich hielt er sie meiner Oma an die Schläfe. Er drückte ab - sie war nicht geladen. Er konnte sich vor Lachen kaum halten über die Todesangst der vor ihm sitzenden Frau. So sind sie also, die Russen, dachte ich mir, als ich als Kind die Geschichte zum ersten Mal hörte: brutal und barbarisch.

Viel Zeit zum Nachdenken blieb mir nicht, denn gleich darauf wurde eine zweite Geschichte erzählt. In den selben Jahren ging meine Tante mit ihrem fünfjährigen Bruder durch die Straßen in Neisse, ihrer Heimatstadt.  

Plötzlich kommt ein Russe die Straße entlang und geht direkt auf meine Tante zu, die damals eine hübsche junge Frau war. Ihre erste Reaktion: Angst. Sie wusste ja, was in dieser Zeit oft mit jungen Frauen passierte. Da öffnet der Russe seinen Mantel und reicht ihr ein frisches Brot, das er unter dem Arm trägt. „Für dich und dein Kind“, sagt er in gebrochenem Deutsch und geht weiter. Meine Tante und meinen damals fünfjährigen Vater lässt er überrascht und dankbar zurück.

Diese beiden Geschichten werden bei uns zu Hause immer zusammen erzählt. Sie haben mich als Kind schon durcheinandergebracht, weil ich danach gar nicht so recht sagen konnte, wie die Russen eigentlich sind. 

„Pass auf, wenn Dir jemand die Eigenschaften bestimmter Menschen, Gruppen und „Rassen“ einreden will. Genau dort beginnt die Lüge, wo verallgemeinert wird“.

Das haben mir meine Großmutter und meine Tanten schon als Kind mit auf den Weg gegeben. „Du musst immer auf den Einzelnen Menschen schauen. Seine Sprache, Religion, Hautfarbe, Herkunft sind zweitrangig, du kannst überall Schufte und Engel finden“. 

Wohl deswegen weiß ich bis heute nicht, wie „die Russen“ sind, ich weiß nicht einmal wie „die Ausländer“, „die Juden“, die Araber, die Polen sind - und ganz ehrlich – ich möchte es auch nicht wissen, wenn es mir jemand erzählen will.

Das Wort zum Tag spricht in dieser Woche:

Kurzbiografie Maria Heinke-Probst

Maria Heinke-Probst

am 12.10.1966 geboren | verheiratet, drei Kinder | aufgewachsen in Pretzschendorf/Osterzgebirge | 1983-1986 Ausbildung zur Kinderdiakonin in Berlin-Weißensee | 1987-1993 Theologiestudium am Theologischen Seminar in Leipzig, an der Karlsuniversität Prag sowie in Heidelberg | 2002-2004 Vikariat in Rochlitz und Leipzig | 2005-2018 Pfarrerin am Dom St. Petri in Bautzen | seit 2018 Pfarrerin in Dresden-Hosterwitz

Verantwortlich für Verkündigungssendungen im öffentlich-rechtlichen Rundfunk wie das Wort zum Tag...

... sind die Senderbeauftragten der evangelischen Landeskirchen, der evangelischen Freikirchen bzw. der römisch-katholischen Kirche.