Verkündigungssendung Das Wort zum Tag bei MDR SACHSEN

Täglich hören Sie das Wort zum Tag. Montags bis freitags gegen 5:45 Uhr und 8:50 Uhr, am Sonnabend gegen 8:50 Uhr, sonntags 7:45 Uhr. Das Wort zum Tag spricht in dieser Woche Pater Bernhard Venzke, am Sonntag Christine Rösch.

Sonntag, den 31.03.2019: Lätare Zwischenzeit

Sonntag ist Zwischenzeit. Jedenfalls für die meisten, die beruflich werktags arbeiten.  Natürlich auch für Kinder und Jugendliche, die Gott-sei-Dank noch Kita- und schulfrei haben. Und für Senioren, die sonntags nicht zum Arzt oder Apotheker müssen.

Zwischenzeiten habe ich schon oft gehabt. Ganz früher waren es die Lücken zwischen zwei Schulstunden. Erst die Pause herbeigesehnt und dann schon wieder die halbe Zeit der Hofpause mit ängstlichen Gedanken vor der bevorstehenden Sport- oder Chemiestunde vergeudet.

Bis heute beschäftigt mich meine Unfähigkeit, den konkreten Moment so wahrzunehmen als gäbe es jetzt nur ihn. Es gibt nämlich jetzt nur diesen Moment zu erleben. Wie oft muss ich mir selbst den Kopf säubern, also innerlich. Er ist ständig verstopft, vor allem mit bedrohlichen Gedanken an das Unerledigte oder die nächste Mahnung, die kommen könnte. Und was ich nicht noch alles zu tun hätte.

Manchmal bedrängt mich aber auch das Erlebte der Vergangenheit. Wieso ist diese Sache damals nicht besser ausgegangen? Das hätte doch wirklich nicht sein müssen. Und schon ist die schöne aktuelle Zwischenzeit vorbei. Ich weiß gar nicht, warum ich grüble über Unveränderbares? Macht sich da etwa eine kleine Illusion breit, dass ich durch mein nachträgliches Überlegen die Vergangenheit ändern könnte? Der Kopf weiß, dass das sowieso nicht geht. Und ich hörte es zig Mal: "Du musst annehmen, was gewesen ist!". Na gut. Lassen wir es dabei beruhen. Oder lassen wir es ganz und gar ruhen? Oder ruhe ich mich in der Zwischenzeit mal aus? Was gestern war, ist vorbei. Und was morgen kommt, weiß man noch nicht. Denken Sie auch, dass Zwischenzeiten sehr wichtig sind? Die Zeiten, wo die Uhr und die Pflicht bedeutungslos sind? Für gefühlt stundenlange Wehmut und wichtige Tränen? Für einfach so mal wegsehen oder genau hinsehen? Kriegt man diese Zeit eigentlich geschenkt oder nimmt man die sich einfach? Die Zwischenzeit für das unverhoffte Sekundenglück?

Gelegentlich sind es auch Wartezeiten. Die im Wartezimmer des Arztes? Ausgeliefert – bis endlich der Aufruf des eigenen Namens durch den Lautsprecher kommt. Bis endlich "Frau Rösch in Zimmer 2" zu hören ist. Und da ist die Zeit zwischen Anmeldung, den Blick ins volle Wartezimmer und dem Aufruf scheinbar ohne Gestaltungsspielraum? Bin zum Aushalten verdonnert. Fühl mich ausgeliefert, als wäre da keine Chance zum Nachdenken, Lesen oder für ein Nickerchen. Und man weiß ja auch nicht, was rauskommt, wenn der Arzt seine Diagnose stellt?

Oder früher die unbeweglichen Minuten zwischen dem letzten Satz in der mündlichen Prüfung und der Bekanntgabe der Zensur. Wir mussten damals noch vor der Tür stehen, als sich die Lehrer beraten haben. Zitterknie und auch eine stolze Ahnung, dass man für seine Verhältnisse ziemlich gut war. Aber verschätze ich mich da vielleicht?

Unser heutiger Sonntag ist eine ganz spezielle Zwischenzeit. Eine Zeit zwischen den Zeiträumen in der Fastenzeit. Schon ein kleines Osterfest vorweg, sagt der Kirchenjahreskalender. Lätare heißt der heutige Sonntag. "Freut euch- trotz allem". Aber das geht mir zu schnell. Gerade habe ich mich an die Fastenzeit und die selbstgewählte Stille am Abend gewöhnt, schon soll ich jubeln und mich wieder freuen. Und ab morgen kommt sofort wieder eine Zeit der Besinnung, des Verzichts, der inneren Aufmerksamkeit. Ehe sich dann die Ausgelassenheit beim Osterspaziergang einstellt. Oder das Osterlachen für die Frühaufsteher, eine bekannte Tradition am Ostermorgen.

Unser heutiger Sonntag unterbricht die Passionszeit. Nach altem Brauch gibt es eine Pause für das traurige Fasten und die ernsthafte Vorbereitung auf den Tod Jesu am Kreuz. Aber beides ist da und wird sein. Das Fasten wird ab Montag fortgesetzt und auf den Tod am Karfreitag gehen wir zu. Dieser Tod wird viele Christen weltweit bewegen.

Einprägsam sind die Bilder, die Jesus wählt: Nur das Samenkorn, das in die Erde fällt, bringt Frucht. Brot muss verzehrt werden, um stärken zu können. Die Mutter einer Freundin schrieb mir letzte Woche als Dank auf meine Geburtstagspost für sie: "Bei aller Dankbarkeit für mein Leben bin ich doch oft hoffnungslos und voller Zweifel und es kommen Stunden, in denen man sich von Gott verlassen fühlt ...". Wie mutig, denke ich. Die Frau ist über 80 und getraut sich die Wahrheit zu sagen. "Ja, mach deine Verzagtheit und auch deine Klage hörbar!", möchte ich ihr zurufen. "Auch wenn die vielen lieben Gratulanten Mut gemacht haben, Du darfst dich einsam und verlassen fühlen.". Mir geht das nahe, wenn ein reifer und gestandener Christenmensch solche Bekenntnisse macht. Ich fühle eine wohltuende Nähe. Weil ich die Frage nach dem Sinn des Lebens immer weniger plausibel und vor allem immer stockender beantworte. Oder weil ich die zunehmende Last nicht mehr so lächelnd schultern kann. Und weil ich kein Samenkorn sein will, das in die dunkle Erde muss, um zu blühen.

Zwischenzeit: Offensichtlich muss es aber diese Zeit geben, die der Samen unbeachtet im Dunkeln verbringt, wenn die Kresse dann bewundert werden soll. Es dauert eben bis aus den kleinen Krümelchen in meinem Tütchen mit Kressesamen, die schon lange im Baumarkt im Regal herumlagen, erst die lebende Deko und dann der Belag auf dem Frischkäse wird- zum fröhlichen Osterfrühstück. Dieses Bild hilft mir mehr als der Satz einer anderen frommen Frau: "Ich muss es halt annehmen ...". Auf seine Weise ist der Satz nicht falsch. Aber für mich ist die Chance, Gott auch meine Klage hören lassen, eine lebendigere Alternative. Wir reden nämlich noch miteinander.

Und jeder Verlust, den wir Menschen hinnehmen müssen, erschüttert uns. Die Verluste machen uns anders als wir vorher waren. Weil wir etwas verloren haben und trauern müssen. Da hilft es nicht, nur äußerlich zu vernarben. Oder lauthals seiner Umwelt die Ohren voll zu jammern. Oft genug bekommen wir das Verlorene nicht wieder zurück. Beim Klagen geht es nicht um das Betteln, Gott möge doch sofort die Wiederherstellung des alten Zustandes hinkriegen. Gott seine Klagen hören zu lassen, kann helfen, dass ich mit der neuen Situation leben lerne. Die Zwischenzeit allmählich akzeptiere.

Wer klagt, glaubt! Für die Bibel ist das selbstverständlich. Sogar das Glaubensbekenntnis Israels war von Anfang an mit der Klage verbunden. Im Rückblick auf den Frondienst in Ägypten sagen die Israeliten:
"Wir schrien zum Herrn, dem Gott unserer Väter, und der Herr hörte unser Schreien und sah unsere Rechtlosigkeit, unsere Arbeitslast und unsere Bedrängnis!" (5. Mose 26,7)
Und als Jesus auf sein Sterben zugehen muss, im Garten Gethsemane, sagt er zwar:
"Nicht mein, sondern, dein Wille - Gott - geschehe." (LK.22,42b par. Mk.14,36)
Aber dieser Satz wird erst am Ende eines langen inneren Kampfes gesagt, nach Zittern und Zagen.
"Jesus fing an zu zittern und zu zagen", heißt es in der Bibel (Mk.14,33-36) und er bat Gott, dass diese Stunden an ihm vorübergehen sollen.
Sinngemäß heißt das: "Ich habe solche Angst vor dem, was auf mich zukommt. Bewahre mich doch vor dem Bösen, vor dem Leiden. Vielleicht auch vor dieser begrenzten Zeit!?"

Wer vor lauter Leid Gott sein Leid klagt, lässt ganz zart im Dunkeln die Hoffnung wachsen, dass es sich doch ändern könnte. Dass in der Zwischenzeit Neues hervorbrechen kann. Dass sinnvolles Leben immer noch und irgendwann möglich sein wird. Und dass Gott Gutes für uns will. Und das wächst vielleicht in einer Zwischenzeit.

Eine Zwischenzeit kann also eine Zeit der Klage und des Freuens sein. Und sogar beides zugleich an einem Sonntag. In den meisten Kirchen wird heute der Wochenspruch verlesen. "Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht." Lauter Zwischenzeit und Zwischenräume. Wandlungen. Auch die von Menschen. Sie sind möglich. Und so kann der Traurige nach dem Klagen sich wieder von der Freude anstecken lassen. Und die Frohnatur kann ihre eigene Traurigkeit und sogar den Verlust des unerschütterlichen Glaubens vor Gott zugeben.  Weil Gott uns so oder so liebt. Weil in jeder Zwischenzeit eine Begrenzung liegt. Und weil es ganz einfach eine Zeit davor und danach gibt.

Darf ich Ihnen etwas raten: Machen Sie es heute mal nicht wie die fleißige Hausfrau oder der zeitoptimierte Manager. Und füllen Sie nicht alle Zwischenzeiten mit anderen Arbeiten aus. Stoppen Sie auch nicht schon wieder innerlich die Zwischenzeit ihrer flott zurück gelegten Teilstrecke. Sie müssen nicht weiter rennen. Und niemand kann vergnügt dauernd daran denken, welche Teilstrecke er schon hinter sich hat und welche möglicherweise noch vor ihm liegt. Betrachten Sie mal die Zwischenzeit, in der Sie gerade sind. Christen denken dabei auch an Jesus. Der sich mit dem Wissen um seinen Tod, mit dem Verrat seiner Freunde, mit der erlebten Gottverlassenheit auch in einer Zwischenzeit befand: zwischen Himmel und Erde. Und das bleibt auch für mich an diesem Morgen. Ich bin ein Mensch zwischen Himmel und Erde; zwischen den Räumen, die ich verlassen musste und denen, die sich öffnen werden. Mitten in dieser Welt und doch nicht von dieser Welt. Mal sind wir die Klagenden und dann wieder die hoffnungsvollen Genießer. Wir fühlen uns von Gott allein gelassen und sind doch jede Sekunde in seinen Gedanken. Und er hat sehr gute Gedanken für uns: voller Frieden, Liebe und Barmherzigkeit.

Und wer jetzt noch am Frühstückstisch sitzt, macht aus dieser Zeit am besten gleich eine zusätzliche Zwischenmahlzeit. Wo so ganz zwischendrin das Osterfest schon ein klein wenig gefeiert werden kann. Denn das Leben siegt, weil der Tod einst auch für uns besiegt worden ist.

Das Wort zum Tag spricht in dieser Woche:

MDR SACHSEN - Das Sachsenradio Christine Rösch

Christine Rösch

Geboren am 28.09.1958 in Gotha | 1977 Abitur | Studium an der Bauhaus-Universität Weimar mit Abschluss als Dipl. Ing. für Gebiets- und Stadtplanung 1983 | danach tätig in der Altstadtsanierung und im Kirchenbau der Stadt Gotha | ab 1992 theologische Ausbildung | 1. und 2. Examen und Ordination | zunächst Pfarrstelle in Seebergen (Kreis Gotha) | ab 2002 Pastorin für allgemeinkirchliche Aufgaben der Landeskirche in der 1. Pfarrstelle des Diakonischen Werkes Thüringen | ab 2014 theologische Referentin im Landesverband der Diakonie Sachsen | wohnhaft in Radebeul

Kurzbiografie Pater Bernhard Venzke

Pater Bernhard Venzke

geboren 1959 in Osterwieck/Harz | 1978–1982 Theologiestudium in Erfurt | Priesterweihe am 26. Juni 1988 in Sankt Albert, Leipzig | 1988–1991 Kaplan in Sankt Martin, Leipzig | 1991–1993 Studentenpfarrer in Sankt Thomas Morus, Berlin | 1993–1999 Teammitglied des Pfarrteams Sankt Paulus, Berlin | seit 2000 Subprior in Walberberg und Seelsorger an Sankt Albert, Walberberg | seit 2002 Direktor der Tagungsstätte Walberberg | ab 2005 Kreuzfahrtseelsorger in Hamburg | seit September 2007 Pfarrer an Sankt Albert, Leipzig

Verantwortlich für Verkündigungssendungen im öffentlich-rechtlichen Rundfunk wie das Wort zum Tag...

... sind die Senderbeauftragten der evangelischen Landeskirchen, der evangelischen Freikirchen bzw. der römisch-katholischen Kirche.