Am Ende ist noch Platz für Glück
Zwei Dinge will Dennis unbedingt noch machen, ehe er geht: im Auto über den Hockenheimring brausen und seinen 18. Geburtstag feiern. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Selbstbestimmt - Die Reportage | 03.02.2019 Am Ende ist noch Platz für Glück - Ein Ärzteteam begleitet todkranke Kinder

"Kinder haben auch in ihrer letzten Lebenszeit einen großen Lebenshunger", weiß die Ärztin Jeannine Lacroix. Gemeinsam mit ihrem Kollegen Jochen Meyburg gründete sie ein Kinderpalliativ-Team, das Familien dabei unterstützen soll, diese letzte Zeit gemeinsam zuhause zu verbringen. Und nicht nur das: Auch Wünsche sollen noch wahr werden. Susanne Beßlers Reportage zeigt den Alltag der Mediziner und der betroffenen Familien.

Am Ende ist noch Platz für Glück
Zwei Dinge will Dennis unbedingt noch machen, ehe er geht: im Auto über den Hockenheimring brausen und seinen 18. Geburtstag feiern. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Außergewöhnliche Situationen verlangen außergewöhnliche Maßnahmen. Jochen Meyburg und Jeannine Lacroix kämpfen in der Kinderklinik Heidelberg um jedes junge Leben. Doch manchmal ist die Krankheit stärker. Kann den Kindern nicht mehr geholfen werden, sollen sie ihre letzten Wochen in der Familie zuhause ohne Schmerzen verbringen – begleitet von Jochen Meyburg und Jeannine Lacroix und ihrem Palliativ-Team.

Am Ende ist noch Platz für Glück
In der Team-Beratung Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Ich hatte auf der Intensivstation viel mit sterbenden Kindern zu tun, über viele, viele Jahre, so wurde es mir zum Bedürfnis, nicht nur High-Tech- Medizin zu machen, sondern mich um die Eltern und die Kinder in dieser schwierigen Lebenssituationen zu kümmern.

Jochen Meyburg, Kinderarzt und Palliativmediziner


Dennis ist eines dieser betreuten Kinder. Er ist 17 und hat Leukämie. 90 Prozent der Kinder mit dieser Krebserkrankung können heute geheilt werden. Dennis nicht. Er hat zwei Stammzelltransplantationen hinter sich und keine Lust mehr. Auf die Schmerzen, auf die Klinik, auf eine neue Chemo, auf die Ungewissheit…

Es führt einem immer wieder vor Augen, dass das eigene Leben am seidenen Faden hängt oder sagen wir mal so, dass das Leben ein Seiltanz ist in so einer Lebenssituation. Und irgendwann, glaube ich, hat man keine Lust mehr auf Seiltanzen.

Jeannine Lacroix, Ärztin
Am Ende ist noch Platz für Glück
Einmal über den Hockenheim-Ring Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK


Deshalb hat er seine Familie gebeten: Bitte lasst mich sterben! Ein paar Monate hat er noch, wenn es gut läuft. Dieses kurze Leben will er nun nutzen. Sein ganzes Glück ist ein kleiner Hund, den er sich gekauft hat. Zwei Dinge will er unbedingt noch machen, ehe er geht: im Auto über den Hockenheimring brausen und seinen 18. Geburtstag feiern.

Am Anfang hab' ich ja gesagt, ich will einfach nur hier liegen und warten, bis ich tot bin. Aber ich find's halt cool, dass die einen auf dem Weg begleiten, auch ohne Krankenhaus, da wird man nicht zu was gedrängt, was man gar nicht haben will. Du bist der Boss, hieß es. Das hab' ich gut gefunden und mir gedacht: Gut! Dann mach ich mal den Boss!

Dennis

Das Palliativteam macht solche Dinge für Kinder wie Dennis möglich. Sie lindern Schmerzen, organisieren Pflege, hören zu und unterstützen, wenn das Kind gehen muss.

Es geht darum, am Ende zu leben. Es geht darum, dem Tod irgendetwas entgegen zu setzen. Dafür sind wir da, dafür haben wir das Rüstzeug, dass wir das medizinisch erträglich machen.

Jochen Meyburg, Kinderarzt und Palliativmediziner

Jochen Meyburg und Jeannine Lacroix von der Kinderklinik Heidelberg gründeten zusammen mit ihren Mannheimer Kollegen einen Stab aus Ärzten und Pflegern: das Kinderpalliativ-Team Rhein-Neckar. Es ist eins von insgesamt fünf in Baden-Württemberg. Die Mediziner und Pfleger unterstützen die kranken Kinder und ihre Familien, rund 20 sind es in der Region. Denn am Ende soll Platz für Glück sein. Eine hochemotionale Arbeit und belastend – doch die Ärzte sind überzeugt von ihrem Tun und der Sinnhaftigkeit.

Am Ende ist noch Platz für Glück
Jeannine Lacroix hat Dennis begleitet Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Kinder haben auch in ihrer letzten Lebenszeit so einen ganz anarchischen Lebenswillen und ganz viel Lebenshunger. Und da muss ganz viel, wofür sonst ein ganzes langes Leben Zeit ist, vielleicht manchmal in ganz kurzer Zeit zumindest ansatzweise noch möglich sein und möglich werden, damit so ein Leben irgendwie in sich abgeschlossen ist. Und sowas möglich zu machen, finde ich eine wahnsinnig herausfordernde und schöne Aufgabe.

Jeannine Lacroix, Ärztin

Dennis ist am 25. Mai 2017 gestorben, 15 Tage vor seinem 18. Geburtstag. Er ist im Kreis seiner Familie friedlich eingeschlafen.

Stichwort: Palliativ-Medizin für Kinder, Beispiel Halle Das Netz zur Palliativbetreuung von Kindern ist nicht so dicht gespannt wie das für Erwachsene - vor allem weil es vergleichsweise wenige Fälle gibt. Die Deutsche Gesellschaft für Palliativmedizin spricht von 100 ambulanten und zwölf stationären Kinderhospizen in Deutschland. Zusätzlich gibt es ca. 15 spezialisierte mobile Teams, bestehend aus Ärzten, Schwestern und psychosozialen Betreuern.

Eines dieser Teams ist das Kinder-Palliativ-Team Clara am Universitätsklinikum in Halle. Benannt wurde es nach seiner ersten Patientin. Dr. Toralf Bernig leitet das Team Clara. Er beschreibt, wie schwer und wie komplex das noch relativ neue Feld der Kinder-Palliativmedizin ist: Viele Studien über die Wirksamkeit und Dosierung von Medikamenten sind nur an Erwachsenen durchgeführt worden - Medikamente oft gar nicht für Kinder zugelassen. Viele der Krankheiten sind so selten, dass man kaum Erfahrungen über die Verläufe hat, sagt Dr. Toralf Bernig: "Man muss sehr vorausschauend überlegen, was passieren könnte, damit man dem Patienten und der Familie etwas an die Hand geben kann, was sie machen sollen."

Zuletzt aktualisiert: 07. Februar 2019, 15:51 Uhr