"Find your road" - Finde deinen Weg! Im Rolli nach Russland: Christian Tiffert und seine Mission

Mindestens eine Viertelmillion Menschen weltweit verletzen sich jährlich folgenschwer am Rückenmark. Die Hälfte davon bei Verkehrsunfällen, ein Viertel durch Stürze - so wie Christian Tiffert. Der Ex-Marinesoldat verunglückte beim Training mit dem Rennrad. Seitdem kann der 42-Jährige selbstständig nur noch den Kopf bewegen. Seine Abenteuerlust ist jedoch ungebrochen. "Find your road" - unter diesem Motto will er beweisen, dass er als Querschnittsgelähmter noch viel bewegen kann.

Christian Tiffert auf dem Roten Platz in Moskau 9 min
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Selbstbestimmt! So 04.11.2018 08:00Uhr 09:01 min

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Christian Tiffert verlässt gern vorgezeichnete Wege. Der 42-Jährige ist leidenschaftlicher Marineoffizier, Segler und Fahrradfahrer. Dann stürzt er vor sechs Jahren während einer Trainingsrunde. Die Folge: Eine Querschnittslähmung, die alle vier Gliedmaßen betrifft, Tetraplegie. Heute treibt ihn eine Mission: "Find your road" - Finde deinen Weg - unter diesem Motto ist er nun in seinem Rolli unterwegs. Bereits im vergangenen Jahr reiste er begleitet von seinem Assistententeam quer durch Russland - per Auto! 8.000 Kilometer von Moskau über Wolgograd, den Kaukasus bis Sotschi. Tiffert möchte sich und anderen damit auch etwas beweisen:

Christian Tiffert unterwegs
Christian Tiffert unterwegs Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Ich möchte einfach zeigen, dass es geht, dass es eigentlich vollkommen egal ist, ob man im Rolli sitzt oder nicht. Es kommt darauf an, dass man das im Kopf hinbekommt. Im Rollstuhl ist es nur mehr Aufwand.

Christian Tiffert unterwegs
Beim Spendenkonzert für russische Kinder mit Down-Syndrom in Rostock Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Kaum zurück aus Russland hat Tiffert die nächste Idee: Ein Spendenkonzert für ein Orchester in Moskau, das Kindern mit Down-Syndrom die Welt der Musik nahe bringt. Gedacht, getan: Neun Künstler und mehr als 300 Besucher sind in der Nikolaikirche in Rostock. 4.000 Euro Spenden kommen zusammen. Dass es ihm besser geht als anderen, sieht er als Verpflichtung:

Ich mache Türen auf aufgrund meiner Dienstzeit, die andere nicht aufmachen können. Ich verfüge über finanzielle Ressourcen, die andere nicht haben. Das muss man auch so ganz klar sagen.

Christian Tiffert unterwegs
Christian Tiffert als Marineoffizier Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Tifferts Unfall wurde von der Bundeswehr anerkannt, er bekommt Berufsschadensrente. Glück im Unglück, von dem er anderen Behinderten, die es schlechter getroffen haben, auf seine Weise etwas zurückgibt. Er möchte ihnen Wege frei machen, Anerkennung verschaffen: "Ich habe die Möglichkeit da hinzugehen, wo andere mit einem Rollstuhl vielleicht nicht hinkommen. Ich kann 24 Stunden im Rollstuhl sitzen, ohne dass meine Haut kaputt ist. Das können die wenigsten."

Christian Tiffert unterwegs
Heute muss er mit der Querschnittlähmung, die alle vier Gliedmaßen betrifft, klarkommen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Auch auf dem Gebiet der Pflege kann er andere Wege einschlagen: Seine Pfleger kommen nicht über einen Dienstleister. Er gründete ein Unternehmen und stellte sieben Assistenten an, die ihn rund um die Uhr betreuen. Vier begleiten ihn auch auf seinen Reisen. Wie zuletzt im Sommer, als es wieder nach Russland ging. Die größte Herausforderung, sagt Tiffert, sei es gewesen, den Leuten klar zu machen, dass diese Reise wirklich stattfinden würde. Seiner Meinung nach glaubten nur vielleicht zehn Prozent der Leute, denen er davon erzählt hat, daran.

Dann startet er tatsächlich - mit neuer Route, vielen Terminen, aber auch mit den Erfahrungen von der ersten Reise. Von St. Petersburg rauf ans Weiße Meer soll die Strecke führen, dann über den Ural nach Jekaterinburg und zurück nach Moskau.

Christian Tiffert unterwegs
Besuch im inklusiven Fitness-Studio in Archangelsk Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Alles beginnt vielversprechend. Über Kontakte der deutschen Botschaft besucht Christian Tiffert in St. Petersburg eine Ausbildungsstätte für behinderte Menschen. In Archangelsk nimmt er einen Fitnessclub in Augenschein, in dem Nicht-Behinderte mit Behinderten zusammen trainieren: "Ein cooles Projekt!", findet er. Das sei gelebte Inklusion, wenn sich junge Leute so begegnen könnten: "Da kriegt man Verständnis füreinander." Auch die Medien werden aufmerksam auf Christian Tiffert und seine Mission. Ein regionaler Sender in Archangelsk lädt ihn zum Interview ins Studio.

Christian Tiffert unterwegs
... doch dann geht es über Stock und Stein. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Danach geht es aufs Land und über Stock und Stein: Aus der Reise wird eine Fahrt der spontanen Begegnungen, mit Übernachtungen in Blockhütten und täglichen Routen über rucklige Pisten, durch reißende Flüsse. Das erste Mal scheint ihn das Glück zu verlassen: Zunächst muss das Team eine Autopanne meistern. Am nächsten Tag kann die Fahrt weitergehen. Aber schon bei der nächsten Übernachtung stellt sich heraus, dass sich Christian Tiffert wund gesessen hat, die Sitzfederung war ausgefallen, die Fahrzeit zu lang. Zwangspause in Kirov. Er weiß sofort, was das bedeutet. Mehr als vier bis fünf Stunden im Auto werden nicht mehr drin sein, wenn überhaupt: "Ja, das beendet auf jeden Fall erstmal viele Projekte auf dieser Reise!", muss er sich eingestehen. Nach drei Tagen bricht das Team wieder auf, mit veränderter Route und in kurzen Etappen wollen sie es schaffen bis Kasan - und dann weiter nach Perm. Doch dann steht fest: Christian Tiffert muss die Reise abbrechen.

Aus dem Chaos sprach eine Stimme zu dir: Lächle und sei froh, es könnte schlimmer kommen. Ich lächelte, ich war froh, es kam schlimmer.

Christian Tiffert unterwegs
Endstation - vorerst Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Er nimmt das Ende der Reise nicht als endgültig. Auch wenn es für ihn erstmal "wie so ein Schlussstrich" aussieht. Russland sei einfach noch nicht genügend bereist, sagt er. Auch die Erfahrung einer nicht-vollendeten Reise sei wertvoll. Christian Tiffert macht weiter mit Vorträgen, Konzerten, Reisen, mit tatkräftigem Engagement vieler Unterstützer - alles für sein großes Ziel, zu zeigen, was möglich ist und dass Menschen mit Behinderung nicht vergessen werden.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | selbstbestimmt! Das Magazin | 04. November 2018 | 08:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 19. November 2018, 14:43 Uhr

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