Der Hornist Felix Klieser
Beim Konzert in Wernigerode Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Selbstbestimmt - Das Magazin | MDR FERNSEHEN | 13.10.2019 | 08:00 Uhr Felix Klieser und sein Horn: "Ich wollte es unbedingt"

"Ich will ein Horn!", verkündete Felix Klieser bereits als Vierjähriger. Dabei brachte er für dieses Instrument denkbar schlechte Voraussetzungen mit: Er wurde ohne Arme geboren. Doch Felix Klieser setzte sich durch. Er bekam Unterricht, übte wie besessen, und hatte unglaubliches Talent! Schon mit 13 Jahren nahm ihn die Musikhochschule Hannover als Jungstudent auf. Heute ist er einer der gefragtesten Hornisten weltweit. Was treibt ihn an?

Der Hornist Felix Klieser
Beim Konzert in Wernigerode Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Unabhängig zu sein, ist für Felix Klieser eine Selbstverständlichkeit. Der Musiker ist viel unterwegs, diesmal zu den Schlossfestspielen in Wernigerode, um mit dem Philharmonischen Kammerorchester zu spielen. 50 bis 60 Konzerte gibt er im Jahr. Inzwischen gilt der 28-Jährige, der in Hannover zuhause ist, als einer der gefragtesten Hornisten Deutschlands. Und das obwohl er ohne Arme geboren wurde – sein Instrument spielt er mit den Füßen, ebenso lenkt er sein Auto:

Es ist eine Einstellungssache. Ich glaube, es gibt Leute, die haben alles und sind völlig unselbstständig. Ich wüsste jetzt nicht, was ich nicht machen könnte.

Der Hornist Felix Klieser
Sich zu helfen wissen Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Felix Klieser ist Solist, also reist er oft allein, bis nach Kasachstan und Hong Kong führen ihn Gastspiele in diesem Jahr noch: "Wenn man ein Problem hat, kann man jemanden fragen, das machen andere ja auch, das funktioniert schon alles, sagt er lakonisch und hebt sein Instrument aus dem Kofferraum des Autos. Vor der Probe in der Wernigeröder Liebfrauenkirche erzählt er, dass er es liebt unterwegs zu sein. Schließlich warte zu Hause noch keine Familie: "Es ist auch ein Privileg das machen zu können, weil man dadurch ganz viel kennenlernt, was man sonst nicht kennen lernen würde."

"Ich wollte es unbedingt"

Der Hornist Felix Klieser als Kind
Felix Klieser als Kind Bildrechte: Privat

Angefangen hat alles 1995 in Göttingen. Felix ist damals Vier und möchte unbedingt Horn spielen lernen. Wie er auf die Idee kam, weiß er selber nicht genau: "In meiner Familie war niemand Musiker oder hatte was mit Hörnern zu tun. Deswegen ist es bis heute ein Rätsel, wie ich auf das Instrument gekommen bin und warum ich gerade Horn spielen wollte, aber ich weiß noch, ich wollte es unbedingt", erzählt er. In der Jugend wird das Hornspielen für Felix immer wichtiger. Er entscheidet sich, aus dem Hobby einen Beruf zu machen. Normalerweise wird das Horn mit einer Hand im Schalltrichter gespielt. Der Klang kann auf diese Weise moduliert werden. Felix musste sich dafür etwas anderes einfallen lassen: "Man kann da sehr viel mit dem Mund, dem Mundraum und der Position der Zunge machen. Da gibt es ganz viele Parameter. Das Problem ist natürlich, dass das einem niemand beibringen kann. Ich habe mir das einfach selbst beigebracht, indem ich sehr viel ausprobiert, sehr viel getestet habe."

"Mir macht es Spaß, wenn Probleme auftauchen"

Der Hornist Felix Klieser
Bei der Probe in der LIebfrauenkirche Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Drei bis vier Stunden am Tag muss der Hornist üben. Ähnlich wie ein Leistungssportler. Sein Instrument hält zudem einige Herausforderungen bereit, hinzu kommt seine ungewöhnliche Spielweise: "Wenn man die Tonhöhe anhand von Muskelspannung erzeugen muss, dann muss man sich für jeden Ton genau diese Muskelspannung merken. Das ist ein bisschen so, als wenn ich sagen würde, gehen Sie an einen Schalter und drücken sie mit 12,5 Gramm auf diesen Schalter. Das Licht geht nur an bei 12,5 Gramm. Das bedeutet, man muss sich ganz genau merken, wie viel Lippen- oder Muskelspannung man für jeden Ton braucht, sonst erwischt man einfach den Falschen."

Der Hornist Felix Klieser
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Beim Konzert in Wernigerode stehen die Hornkonzerte von Strauss und Mozart auf dem Programm. Der Solo-Part dauert rund 20 Minuten. Felix Klieser spielt alles aus dem Kopf, um sich voll und ganz auf die Musik und die Interaktion mit dem Orchester konzentrieren zu können. Überhaupt verfolgt er seine Ziele höchst zielstrebig: "Ich habe immer das Credo gehabt, wenn ich was will, dann muss ich auch derjenige sein, der daran arbeitet, sich damit auseinandersetzt und bereit sein muss, das eine oder andere dafür zu opfern."

Hindernisse haben ihn offenbar noch nie abgeschreckt: "Es ist noch heute so, mir macht es Spaß, wenn Probleme auftauchen, Dinge nicht funktionieren. Man steht vor etwas und sagt: Ah, wie löse ich das. Das finde ich eigentlich immer spannend." So wie beim Strauss-Konzert, eins der schwierigsten überhaupt. Anerkennend sagt sein Dirigent: "Er spielt wundervoll. Alles ist präzise. Man kann fühlen, was er möchte." Am Konzert-Abend kommen dann auch die Besucher im Wernigeröder Schloss in den Genuss musikalischer Höchstleistungen.

Der Hornist Felix Klieser
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

"Fußnoten" oder "Ich will ein Horn" In seinem Buch "Fußnoten" erzählt Felix Klieser; wie er als Vierjähriger seinen Eltern verkündete: "Ich will ein Horn". Den Vorschlag der Musikschule, es doch lieber mit Blockflöte oder Xylophon zu versuchen, lehnte er kategorisch ab. Er erhielt ein Horn und ab dem fünften Lebensjahr darauf Unterricht. Felix Klieser lernte die Ventile mit den Zehen des linken Fußes zu bedienen. Zudem erarbeitete er sich eine Ansatztechnik, um den weichen und dunklen Klang des Horns auch ohne Hand im Schalltrichter zu erzeugen.

Mit 13 Jahren gewann er beim Bundeswettbewerb "Jugend musiziert". Kurz darauf wurde er an der Musikhochschule Hannover als Jungstudent aufgenommen. Dort begann er 2010/ 2011 ein reguläres Musikstudium. Von 2008 bis 2011 gehörte er dem Bundesjugendorchester an, mit dem er im In- und Ausland konzertierte. Außerdem begann er, als Solist aufzutreten.

Die Kritik lobt seine außerordentliche Musikalität, den warmen Glanz seines Tons und die sangbare Eleganz seines Vortrages, gepaart mit einer enormen interpretatorischen Intelligenz. So erlangte er längst internationales Renommee. Für sein Debütalbum "Reveries", erschienen bei Berlin Classics, wurde Felix Klieser  mit dem ECHO Klassik 2014 als Nachwuchskünstler des Jahres ausgezeichnet. Ebenfalls 2014 erhielt er unter anderem den VDKD Musikpreis.

Buchtipp Felix Klieser
Fußnoten. Ein Hornist ohne Arme erobert die Welt
Patmos Verlag
Hardcover, 168 Seiten: 17,99 Euro
ISBN: 978-3-8436-0477-2

Zuletzt aktualisiert: 11. Oktober 2019, 17:23 Uhr