Welt-MS-Tag am 30. Mai 2021 Anders Normal – Der Karikaturist Phil Hubbe im Porträt

Darf man Witze auf Kosten von Menschen mit Behinderung machen? Ja! Solange der Witz gut ist und das Ganze dazu beiträgt, dass Behinderte und Nicht-Betroffene unverkrampfter miteinander umgehen, meint Phil Hubbe. Der Comiczeichner aus Magdeburg erkrankte mit 22 selbst an Multiple Sklerose. Das ist nun rund 30 Jahre her. Die Diagnose war ein Schock, "er hat einfach weiter gemacht".

Mit 22 die Diagnose Multiple Sklerose – das war ein Schock und für ihn als Zeichner im ersten Moment eine Katastrophe, denn die Nervenkrankheit ist unheilbar und schränkt schnell die motorischen Fähigkeiten ein. Der Karikaturist Phil Hubbe hat trotzdem nie daran gedacht, das Zeichnen aufzugeben. Aufgeben, bevor es angefangen hat? Das kam nicht in Frage. Menschen beobachten und zeichnen – war immer seine größte Leidenschaft und sein größtes Talent. Auch wenn er für kurze Zeit Mathematik studiert und außerdem einen Abschluss als Wirtschaftskaufmann gemacht hatte.

Der Karikaturist Phil Hubbe
Immer wieder Kontrollen - Blick aufs MRT, um den Zustand zu vergleichen Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die Diagnose war so ein Punkt: Mache ich weiter oder nicht? Zumal mir der Arzt damals geraten hatte, ich solle mein Mathe-Studium wiederaufnehmen, weil ich mit einer Behinderung rechnen müsste. Selbst die leichteste würde ausreichen, dass ich nicht mehr zeichnen könnte. Ich überlegte: 'Soll das alles jetzt umsonst gewesen sein mit dem Zeichnen?' Da es mir relativ gut ging, habe ich einfach weiter gemacht.

Phil Hubbe, Karikaturist

Grafik Digitaler Zwilling bei MS
Digitaler Zwilling bei MS Bildrechte: Phil Hubbe

Reinschauen Mein letztes Selfie - Comics

Sie gehen unter die Gürtellinie und doch beleidigen sie nicht. Die Comics von Phil Hubbe bringen Vorurteile und Missverständnisse auf den Punkt.

Bild aus "Mein letztes Selfie - Behinderte Comics"
Bildrechte: Phil Hubbe/Carlsen Verlag
Bild aus "Mein letztes Selfie - Behinderte Comics"
Bildrechte: Phil Hubbe/Carlsen Verlag
Bild aus "Mein letztes Selfie - Behinderte Comics"
Bildrechte: Phil Hubbe/Carlsen Verlag
"Mein letztes Selfie - Behinderte Comics"
Bildrechte: Phil Hubbe/Carlsen Verlag
Bild aus "Mein letztes Selfie - Behinderte Comics"
Bildrechte: Phil Hubbe/Carlsen Verlag
Mein letztes Selfie - Behinderte Comics
Bildrechte: Phil Hubbe/Carlsen Verlag
"Mein letztes Selfie - Behinderte Comics"
Bildrechte: Phil Hubbe/Carlsen Verlag
"Mein letztes Selfie - Behinderte Comics"
Bildrechte: Phil Hubbe/Carlsen Verlag
"Mein letztes Selfie - Behinderte Comics"
Bildrechte: Phil Hubbe/Carlsen Verlag
"Mein letztes Selfie - Behinderte Comics"
Bildrechte: Phil Hubbe/Carlsen Verlag
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Welt-MS-Tag am 30. Mai: "Stay connnected. Wir bleiben in Verbindung." Die Anzahl der Menschen, die bundesweit an Multipler
Sklerose (MS) erkranken, steigt. Waren es in Deutschland 2019 noch etwa 240.000, so sind es 2020 bereits mehr als 252.000. Darauf weist der Bundesverband der Deutschen Multiplen Sklerose Gesellschaft (DMSG) hin.

Das Motto des 13. Welt-MS-Tag lautet "Stay connnected. Wir bleiben in Verbindung." Zum digitalen Programm gehören Experten-Sprechstunden online, virtuelles Funktionstraining sowie ein Spendenlauf.

In einem neuen Patientenhandbuch finden Betroffene den Angaben zufolge unabhängige und verständliche Informationen zu den Wirkstoffen der gängigen MS-Medikamente. Gemeinsam mit dem MS-Register und dem Paul-Ehrlich-Institut bittet die DMSG Patienten außerdem, an einer Studie zu den Auswirkungen der Corona-Impfstoffe bei MS teilzunehmen.

Weltweit gibt es der DMSG zufolge rund 2,8 Millionen MS Patienten. Dank der Forschungsfortschritte sei die unheilbare Erkrankung immer besser beherrschbar, heißt es.

Tabu: Witze über Menschen mit Behinderungen

Der Karikaturist Phil Hubbe
Dranbleiben ... Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

1988 stellt man die Erkrankung fest, dann kommt auch noch die Wende. Gegen den Rat seines damaligen Arztes geht Phil Hubbe seinen Weg weiter.

So wagt er sich als einer der ersten in Deutschland mit schwarzem Humor an ein Tabu-Thema: Karikaturen über Menschen mit Behinderungen.

Irgendwas Pädagogisches, den Zeigefinger da reinzubringen, das funktioniert nicht. Das ist völliger Quatsch. Wenn man zeichnen will, muss erst der Witz funktionieren und der regt dann vielleicht zum Nachdenken an. Ich freue mich, wenn in Ausstellungen Betroffene und Nicht-Betroffene zusammenstehen und lachen, das Verkrampfte sich löst.

Phil Hubbe, Karikaturist Selbstbestimmt
Der Karikaturist Phil Hubbe
... die Stifte spitz halten. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Phil Hubbe hat Erfolg. Mit 27 veröffentlicht er seine ersten Presse- und Sportkarikaturen, u.a. im "Spiegel". Vor allem bei Menschen mit Behinderung kommen seine Karikaturen an.

Viele Zuschriften ermuntern den Zeichner weiterzumachen. Im Sommer 2018 stellt er bereits seinen siebten Cartoon-Band vor. Kritik kommt eher von Außenstehenden und nicht von Menschen mit Behinderung selbst, erklärt Hubbe im Rückblick:

Im ersten Moment sind meine Zeichnung ja relativ niedlich, comichaft und schön bunt, man kann über sie lachen. Doch guckt man dann genau hin, merkt man erst, dass es doch ein bisschen schwarzer Humor ist. Von den Betroffenen selber erfahre ich eigentlich fast nur Zuspruch. Der schönste Zuspruch ist, wenn Betroffene sich beschweren, dass ich ihre Krankheit noch nicht verarbeitet habe, nach dem Motto 'Wir sind noch nicht dabei!'. Und mit dieser Kritik kann ich leben, was besseres gibt es eigentlich gar nicht.

Phil Hubbe MDR KULTUR

Gerade erschienen: "Zeugen der Inklusion"

Buch-Cover, Zeugen der Inklusion, Band 8
Bildrechte: Phil Hubbe

Sein aktueller Cartoon-Band trägt den Titel "Zeugen der Inklusion". In diesem Punkt sieht er noch viel Aufholbedarf, wie er nicht nur aus seiner eigenen Erfahrung weiß: "Ich habe Kontakt zu vielen Betroffenen, die durch ihre Beeinträchtigungen Probleme erfahren. Zu Inklusion gehört noch viel mehr, als behinderte Kinder mit nicht-behinderten zusammenzubringen." Für viele sei Inklusion ein zu "schwammiger Begriff". Hubbe findet, jede, jeder sollte sich bewusst sein, irgendeine Einschränkung zu haben, und wenn es "nur" die Brille sei.

Die Wirkung seiner Arbeiten ist in der Ankündigung seines jüngsten Cartoon-Bandes bei Carlsen gut beschrieben: "Wo man verzweifeln könnte, schafft er durch seinen Humor den Raum für befreiendes Lachen und neuen Mut."


Buchtipps Phil Hubbe: Zeugen der Inklusion
Carlsen Verlag
64 Seiten
978-3-8303-3589-
Preis: 10 Euro


Comic-Band
"Der siebte Sinn"
Lappan Verlag , Juli 2018
64 Seiten
Größe 20,00 x 23,00 cm
ISBN 978-3-8303-3510-8
Preis: 9,99 €

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Selbstbestimmt - Die Reportage | 30. Mai 2021 | 08:00 Uhr